Großer Sieger der besten Olympia-Abfahrt

 

Kaiserwetter, eine perfekt präparierte Stelvio, die sich schwierig aber nicht unfahrbar präsentierte – alles war bereit für ein Skifest. Und es wurde eine der besten Abfahrtsveranstaltungen der Geschichte, vielleicht die Beste, die es je bei Olympia gegeben hat.
Ein Zweikampf Schweiz gegen Italien war erwartet wurde, und die Startnummernvergabe verhieß zusätzliche Spannung, als habe Hitchcock und nicht der Zufall bei der Auslosung Pate gestanden. Zunächst die Schweizer, Odermatt setzte mit der „7“ eine Bestzeit, aber Zweifel kamen mir auf, weil er in ein paar Passagen doch recht viel Zeit verloren hatte. Diese Zweifel bestätigten sich schon beim nächsten Läufer: Franjo van Allmen, seines Zeichens Weltmeister und zurzeit der Verwegenste der Verwegenen, raste wie vom Teufel verfolgt die so schwierigen 3500 Meter (900 Meter Höhenunterschied) hinunter. Schon jetzt ikonisch ist das Bild, wie er am San-Pietro-Sprung abhob zu einem enormen Luftstand und erst bei 53 Metern wieder landete, wie uns die eingeblendeten Zahlen verrieten. 7 Zehntel hatte er im Ziel, das musste doch reichen, oder Matt?

https://www.eurosport.de/ski-alpin/olympia-mailand-cortina/2026/franjo-von-allmen-pulverisiert-zeit-von-teamkollege-marco-odermatt-in-der-abfahrt-von-bormio_vid60053055/video.shtml

Aber am Ende der ersten Startgruppe (wie immer von 6 bis 15) kam noch die italienische Fraktion. Zuerst Giovanni Franzoni, der junge Heißsporn, der dieses Jahr unter anderem mit einem Sieg in Kitzbühel in die Weltelite gestürmt war. Er war in den Zwischenzeiten immer knapp dran an van Allmen, aber am Ende fehlten doch zwei Zehntel. Danach Dominik Paris, der 2-Meter-Riese, mittlerweile 36 Jahre alt. Die Stelvio liebt er, hier hat er in Abfahrt und Super-G schon 5 Weltcup-Triumphe gefeiert. Bei vielleicht nicht ganz so perfekten Licht gelang ihm ein großartiger Lauf, der ihn auf Rang 3 hievte und Odermatt aus den Medaillenrängen schubste. Dementsprechend sparsam schaute der Skidominator. Reif für Gold war hingegen Dominik Paris‘ Kommentar: Gar nicht schlecht sei es gewesen, dass die Sicht nicht so gut gewesen ist, da habe er die gefährlichen Buckel und Wellen nicht sehen müssen.

Spätestens, als die ebenfalls hochgewetteten Italiener Mattia Cassia und Florian Schieder im Ziel waren, stand fest: Franjo van Allmen ist neuer Olympiasieger. Der zurzeit beste Abfahrer der Welt hat sich mit Gold belohnt (was wahrlich nicht immer der Fall ist). Der Schweizer ist damit der Erste seit seinem Landsmann Bernhard Russi (1970/Gröden und 1972/Sapporo), der als amtierender Abfahrts-Weltmeister zu Olympiagold fuhr.

 

Lollobrigida – für einen Tag bekannter als Gina Nazionale

 

Gleich der erste Tag bescherte den italienischen Gastgebern Gold. Nämlich in der Eisschnelllaufhalle. Der Siegername ist schon preiswürdig: Francesca Lollobrigida, tatsächlich einen  Großnichte von Gina Nazionale. 3000 Meter, ihre Spezialdisziplin. Sie startete relativ verhalten, doch mit zwei unfassbar schnellen  Runden am Ende  (jetzt hatte auch Eurosport-Reporter/eher -Zumutung Matthias Stach mitgekriegt, dass sie schnell war) pulverisierte sie den Olympischen Rekord  auf 3:54,28 Minute. Eine Zeit auf der angeblich so schwierig zu fahrende Bahn, an der sich die verbleibenden 4 Starterinnen die Zähne ausbeißen sollten.
Francesca Lollobrigida, was für ein Name, was für eine Geschichte. Sie begann als Inline-Skaterin, ehe sie relativ spät auf Eis wechselte, wo sie schnell in die Weltelite stürmte. In Peking 2022 wurde sie schon Zweite über 3000 Meter und Dritte im Massenstart, jetzt also der unwiderstehliche Goldlauf.

Geburtstag hatte sie am Samstag auch noch, sie wurde 35 Jahre jung. Die bisherige Saison war absolut nicht nach Wunsch gelaufen nach einer Virusinfektion, sie wollte schon alles hinwerfen, aber Olympia in der Heimat war dann doch ein zu verlockendes Ziel der Mutter eines fast dreijährigen Sohnes. Tommasso war dann auch der Erste, den Lollobrigida nach dem Goldlauf suchte und herzte. Die nächsten ikonischen Olympia-Bilder.

Die die Eisschnelllauf-verrückten Holländer mit gemischten Gefühlen ansehen dürften. Einerseits sind sie fair genug, um auch anderen tollen Sportlern Erfolge zu gönnen, andererseits mussten sie mit ansehen, wie ihre Oranje Meisjes um mehrere Sekunden an den Medaillen vorbeifuhren. Silber holte sich die Norwegerin Ragne Wiklund, Bronze Valerie Maltais. Erste Stimmen der Kritik werden schon laut, ob nicht die knallharte Olympia-Ausscheidung ein Fehler gewesen ist, die nächsten Wettbewerbe werden es zeigen.

 

Nika Prevc schlägt sich tatsächlich selbst

 

„Der Zweite ist der erste Verlierer“. Wer nach dem Skispringen von der Normalschanze in die zutiefst enttäuschten und tränenreichen Augen von Nika Prevc schaute, der weiß, dass in diesem eigentlich unverschämten Spruch viel Wahrheit steckt. Die hochfavorisierte Slowenin, die noch im Probedurchgang allen davongesprungen war, musste sich mit Silber zufriedengeben. Zweimal hatte sie den Absprung verpasst, sie war jeweils zu früh dran, und es war nur ihrem außergewöhnlichen Gefühl in der Luft zu verdanken, dass es überhaupt noch zum zweiten Platz reichte. Tröstlich war es nicht, wie ein Häufchen Elend ließ die 20-Jährige die Siegerehrung über sich ergehen.

Gold ging an Norwegen: Anna Odine Ström (ein Name, den Landsmann Knut Hamsun nicht besser hätte erfinden können für eine Heldin) lieferte zwei tadellose Sprünge ab, mit denen sie Prevc um 1,2 Punkte distanzierte. Dritte wurde die Japanerin Nzumi Mayurama. Die deutschen Starterinnen mussten schon nach dem verpatzten ersten Durchgang alle Medaillenhoffnungen begraben, immerhin steigerte sich Selina Freitag und kam nach sehr ordentlichem zweiten Durchgang noch auf Rang 7, leider in der Olympischen Welt, wo nur Edelmetall zählt, ein Muster ohne Wert.

Trost für Nina Prevc und andere Geschlagene: Erstmals gibt es für die Frauen auch einen Wettbewerb von der Großschanze, dazu auch noch die Entschedungen im Zweierteam und Mixed. Es ist also durchaus möglich, wenn nicht sogar wahrcheinlich, dass wir Prevc noch ganz oben auf dem Stockerl seen werden.

 

Und sonst?

 

  • Heja Sverige: Frida Karlsson war im Skiathlon eine Klasse für sich und siegte vor Landsfrau Ebba Anderson und Heidi Weng aus Norwegen. Die Abstände waren riesig wie noch nie. 51 Sekunden lag Karlsson vor Andersen, vor Weng waren es gar 1:26 Minuten.
  • Erster Sieg: Die deutschen Eishockeyfrauen gewannen mit 5:2 gegen Japan und haben gute Chance aufs Viertelfinale. Einen unvergesslichen Abend erlebte die Schweizer Torfrau Saskia Maurer. Zwar konnte sie die 0:4-Niederlage gegen die unbezwingbaren Kanadierinnen nicht verhindern, aber ihre Weltklasseleistung war in aller Munde. Erst nach 27 Minuten wurde sie erstmals bezwungen, am Ende standen für sie 51 Paraden zu Buche, ein herausragender Wert.
  • Goldhoffnung: Zweimal Bahnrekord und Halbzeitführung. Rodler Max Langenhan ist auf dem besten Weg zum Olympiasieg. Der Zweite Jonas Müller aus Österreich ist 16 Hundertstelsekunden zurück, im Rodeln ist das schon ein echter Faustpfand. Überhaupt nicht zurecht kam der dreifache Olympiasieger Felix Loch, der als Achter keine Medaillenchancen mehr hat.
  • Goldsprung: Das Big Air der Männer wurde zur asiatischen Angelegenheit. Der Japaner Kira Kimura siegte dank eines gigantischen 3. Versuchs vor Landsmann Ryoma Kimata und Yiming Su aus China.https://www.eurosport.de/snowboard/olympia-mailand-cortina/2026/kira-kimura-gewinnt-goldmedaille-mit-spektakulaerem-sprung-beim-big-air-finale-in-livigno_vid60053396/video.shtml

    In der Vorschau habe ich in meiner Naivität was von Dreifachsaltos samt Schrauben geschrieben. Damit hätte man keinen Blumentopf gewonnen. Unter fünffachen Drehungen um sich selbst ging gar nichts.