Das Drama der Lena Dürr
Verzweiflung, leerer Blick. Da stand Lena Dürr mit dem herrlichen Panorama der Dolomiten im Hintergrund. Doch die Gedanken kreisten nur um das Unfassbare, was geschehen war.
Ein fantastischer 1. Durchgang war Lena Dürr gelungen, zweitbeste Zeit hinter der außerirdischen Mikaela Shiffrin. Als Vorletzte stand sie vorm 2. Lauf im Starthäuschen, wohlwissend, dass jetzt die Olympiamedaille und der größte Karriere-Triumph ganz nah waren. Noch mal ging sie alle kniffligen Passagen durch, eine letzte Konzentration, sie startete – und blieb noch vor dem 2. Tor stehen. Eingefädelt beim 1. Tor – das Aus. Entsetzen überall, bei mir, bei den Fans, bei den Fans unten im Ziel, sogar bei den Konkurrentinnen um die Medaillen. „Eine Katastrophe“, befand sie einigermaßen gefasst. Eine Erklärung hatte sie nicht, wie das geschehen konnte.
Die hatte niemand. Nur Erinnerungen, dass die Germeringerin nicht die Erste war, der ein solches Malheur unterlief. Markus Wasmeier fiel mir sofort ein, der als Mitfavorit im Super-G von Calgary 1988 am ersten Tor scheiterte. Oder Helmut Höflehner. Der Österreicher war 1991 klarer Favorit für die Abfahrt der Heim-WM in Saalbach und verhedderte sich schon beim Start derart katastrophal und nachhaltig, dass das Rennen de facto vorbei war. Austria weinte.
Das wird Lena Dürr nicht trösten, zumal sie „Wiederholungstäterin“ ist. 2022 war sie ebenfalls im Slalom auf dem besten Weg zu Gold mit bester Zwischenzeit, ehe sie kurz vorm Ziel durch eine Ungenauigkeit gar aus den Medaillenrängen fiel und danach bittere Tränen vergoss. Vor 3 Tagen hatte sie einen bemerkenswerten Riesenslalom abgeliefert, wiederum klar auf Medaillenkurs, ein böser Fehler kurz vorm Ende vernichtete alle Hoffnungen. Man muss jetzt kein ausgebildeter Psycologe sein, um zu konstatieren, dass all diese Missgeschicke und Unglückseligkeiten der Lena Dürr vor ihrem wichtigsten Lauf der Karriere im Kopf herumspukten. Wer aber zu viel nachdenkt, hat schon verloren.
Lena Dürr ist 34 Jahre alt, Cortina war höchstwahrscheinlich ihr letztes Olympia, vielleicht hängt sie noch ein Jahr dran mit der WM 2027 in Crans Montana. Der Katastrophenfehler ist also nicht wiedergutzumachen, das unterscheidet sie etwa von der jungen Schwedin Cornelia Öhlund, die ebenfalls aussichtsreich im 2. Durchgang ausfiel, aber mit ihren 20 Jahren mindestens noch zwei-, dreimal bei Olympia dabei sein wird. Lena Dürr wird ohne Medaille bleiben, und wir werden immer an ihr Missgeschick denken, wenn wieder ein Slalom ansteht. Wie an Wasi 1988. Der aber sein Malheur gutmachen konnte mit seinen beiden Triumphen 1994 in Lillehammer.
Mikaela Shiffrin überragend
Als überzeugter Shiffrin-Afficionao seit mehr als als ein Dutzend Jahren hatte ich kein gutes Gefühl. Denn die Amerikanerin und Olympia, das war zuletzt kein Match. In Peking startete sie gleich sechsmal, sechsmal blieb sie ohne Medaille, darunter mit mich und alle Skifans verstörenden Ausscheidern im Riesenslalom und Slalom. Sie, die nie ausfiel! Auch jetzt in Cortina verbaselte sie ihre erste Gold-Chance, als sie den Teamslalom komplett verbremste und nach Abfahrtsbestzeit ihrer Freundin Breezy Johnson auf Platz 4 zurückfiel.
Ich hätte mir keine Sorgen machen müssen. Die Shiffrin von Cortina war die überlegene Weltcup-Shiffrin, die in dieser Saison 7 von 8 Slaloms zum Teil haushoch überlegen gewonnen hatte. 2 fast perfekte Läufe zauberte sie in den Schnee, hatte letztlich die Ewigkeit von 1,5 Sekunden Vorsprung auf die Zweite Camille Rast und sogar 1,71 auf die überglückliche Bronzene Anna Swenn-Larsson. Welch unfassbarer Druck auf ihr gelegen haben muss, zeigte sich nach der Zieldurchfahrt. Kein überschäumender Jubel, nur grenzenlose Erleichterung, dass sie es geschafft hat. Sie hätte niemanden mehr beweisen müssen, dass sie die mit Abstand beste Skifahrerin der Welt ist. Aber es lag ihr immens viel daran, selbst ihren Frieden, ihre Versöhnung mit Olympia zu schließen – und das ging nach ihrer Vorstellung nur mit der verdammten Goldmedaille; immerhin auch schon der dritten nach Slalom 2014 und Riesenslalom 2018.
Lena Dürr ließ es sich übrigens nicht nehmen, bei der Siegerehrung live vor Ort zu sein. Wo sich andere verkrochen hätten, gratulierte sie fair der Siegerin und den Platzierten. Die größte Tat überhaupt an diesem strahlenden Sonnentag, und ich nehme es Mikaela Shiffrin sofort ab, als sie sagte: „Ich hätte sie am liebsten umarmt.“
Ein Wort noch zu Emma Aicher, de zweiten aussichtsreichen Deutschen. Im ersten Durchgang war schien sie mir zu zaghaft, trotzdem lag sie als Achte noch in Schlagdistanz zu den Medaillen. Der Beginn des 2. Durchgangs war dann sehr verheißungsvoll, doch im flachen Teil, der ihr grundsätzlich nicht so gut liegt, scheute sie das letzte Risiko (ohne das es bei einem Slalom-Großereignis nicht geht) und fiel sogar noch um einen Platz zurück. Um das zu verdeutlichen: Die Laufbeste Paula Moltzan, die nach einem irren Fehler kurz vor Schluss des 1. Laufes nur 28. gewesen war, blieb satte 1,75 Sekunden vor Aicher. Diese wird allerdings mit den beiden Silbernen aus Abfahrt und Team (mit Kira Weidle) Cortina mehr als zufrieden verlassen, zumal sie mit 22 Jahren noch immer am Anfang ihrer verheißungsvollen Karriere steht.
Franzi Preuß und das Murmeltierschießen
Ganz schlau wollte es die deutschen Trainer machen, (ver)steckten Franziska Preuß als zweite Läuferin in die Staffel. Die nachvollziehbare Übetlegung: Dort hätte sie im letzten Schießen nicht mehr die Verantwortung wie als Schlussläuferin. Schön gedacht, doch die Praxis sah dann so aus, dass Preuß wie gehabt zwar das Liegendschießen fehlerlos absolvierte, doch den Stehendanschlag eben nicht – das Murmeltier grüßte hämisch. Sie verpasste den dritten Schuss und den fünften, und auch die drei Nachlader reichten nicht, dass sie eine Strafrunde vemeiden konnte. Damit verlor das deutsche Team nicht nur die Führung, sondern auch jeglichen Kontakt zu den Medaillenrängen, den auch Janina Hettich-Walz und die vorzügliche Vanessa Voigt nicht mehr herstellen konnten. Wie die Männer landeten die Frauen nur auf Platz 4, zum ersten Mal seit 1992, seit nämlich auch die Frauen im olympischen Programm sind, blieben beide deutsche Staffeln ohne Medaille, das Bronze im Mixed bleibt da nur schwacher Trost.
Den Sieg holten sich die Französinnen, obwohl deren Startläuferin Camille Bened in die Strafrunde (wie bei den Männern Fabien Claude). Aber Lou Jeanmonnot egalisierte den Rückstand, und Oceane Michelon und die unfassbare Schützin Julia Simon (insgesamt für beide Schießübungen nur unwirkliche 38 Sekunden) brachten den Sieg souverän nach Hause – vor Schweden und Norwegen. Den Team-Aufstellern wird ein Felsbrocken vom Herzen gefallen sein, hatten sie doch Top-Läuferin Justine Braisaz-Bouchet außen vor gelassen zu Gunsten von Bened. Für Frankreich ist das schon das fünfte Biathlon-Gold, zwei Massenstarts (Männer und Frauen) stehen noch aus.
Olympia-Aus und viele Fragen für die Eishackler
Das beste deutsche Team aller Zeiten, hieß es überall vor dem Eishockey-Turnier, nachdem feststand, dass Leon Draisaitl, Tim Stützle und 7 weitere NHL-Stars die Mannschaft verstärken würden. Was extrem ambitioniert klang angesichts des Olympia-Silbers von 2018 und dem WM-Silber 2023, allerdings eben ohne die ganz großen Superstars. Um es übertrieben böse zu sagen: Dass Draisaitl die deutsche Fahne unfallfrei bei der Eröffnungsfeier trug, war die größte Leistung der deutschen Eishackler. Das deprimierende 2:6 im Viertelfinale gegen die Slowakei war nur der traurige Höhepunkt eines Turniers, das niemand als Erfolg verbuchen darf, trotz der Siege gegen Dänemark und Frankreich. Nie trat da ein Team auf, nie hatte ich das Gefühl, dass da eine Einheit auf dem Eis stand. Trainer Harold Kreis schien völlig überfordert, die NHL-Spieler einerseits und die DEL-Profis andrerseits zusammenzubringen. Misstöne waren zu hören, Beschwerden über zu viel Eiszeit der NHL-Stars und die Begründung des Sportdirektors, die besten müssten halt länger spielen. Mag richtig sein, aber am Ende wirkte gerade ein Draisaitl völlig überspielt, auch weil er als klar bester Spieler ständiger Attacken der gegnerischen Verteidigungen ausgesetzt war.
Eis durch und durch missglücktes Turnier also: auch weil die Deutschen plötzlich glaubten, mitspielen zu müssen. Nicht mehr das Verteidigen war im Fokus, sondern das schöne Spiel, das andere Nationen aber so viel besser beherrschen. Noch nicht mal der vermeintlich einfachere Gegner Slowakei (im Gegensatz zu Kanada und USA nur ein Leichtgewicht) verhalf zu jener Euphorie, die etwa das Sensationssilber von Pyeonchang (und fast das Gold, seufz) möglich gemacht hatte.
So blieb das erhoffte Halbfinale Utopie. Dort treffen Kanada auf Finnland (beide jeweils erst nach Verlängerung siegreich über Tschechien respektive Schweiz) und die Slowakei auf die USA (3:2 n. V. gegen Schweden).
Mit purer Willenskraft zu Langlauf-Bronze
Coletta Rydzek hatte bei ihrer Schlussrunde im Langlauf-Teamssprint genau ein Ziel. Wenigstens die norwegische Kontrahentin Julie Bjervig Drivenes hinter sich lassen und Bronze sichern hinter den enteilten Schwedinnen und, ich staunte, Schweizerinnen. Auf der Zielgeraden mobilisierte sie alle Kräfte („Ich kann unglaubliche Gewichte stemmen“), und am Ende hatte sie mit ihrer Kollegin Laura Gimmler doch noch die erhoffte Langlauf-Medaille fürs deutsche Team gesichert. Einer der sich am Pistenrand die Kehle heiser schrie, war ihr Bruder Johannes Rydzek, der tags darauf für die deutschen Kombinierer für den Team-Wettbewerb gemeldet war (nach Redaktionsschluss).
Bei den Männern siegte Norwegen, und Schlussläufer Johannes Klaebo holte sein insgesamt 10. Olympia-Gold. Sonderlich anzustrengt schienen er und sein Partner Einar Hedegart nicht zu haben, um die USA und Italien zu distanzieren.
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