Italienische Märchen im Doppelpack

 

Was Olympia ausmacht? Die Gechichte hinter der Siegerin. Der unfassbare Außenseiter-Erfolg. Oder die unglaubliche Comeback-Story. 2 große Italienerinnen boten Letzteres. Wohlfühlkino mit Happy Ends, das auch die härtesten Konkurrentinnen nicht neiden werden und wenn doch, dann bestimmt nicht öffentlich.

 

Brignone, das Medizin-Wunder

 

Sie ist hier ja schon eine gute Bekannte. Im April zerstörte Federica Brignone bei einem Sturz ihr linkes Bein: Schien- und Wadenbeinbruch, dazu ein Kreuzbandriss. Olympia? Keine Chance, hieß es allüberall von medizinischen Experten und auch denen, die sich nur dafür halten. Diese Null-Chance nutzte sie, arbeitete fanatisch und mit großen Schmerzen am Comeback. Erste zaghafte Versuche im Januar, und nun das Märchen. Erst der Triumph im Super-G, jetzt am Sonntag im Riesenslalom, als sie der kompletten Weltelite in einem an sich äußerst knappen Rennen auf und davonfuhr.
Klare Bestzeit im 1. Durchgang, im 2. Lauf behielt sie die Nerven, und trotz einen Fehlers am Ende hatte sie 62 Hunderstel Vorsprung auf die zeitgleichen Thea Louise Stjernesund und Sara Hector, die witzigerweise schon im 1. Lauf zeitgleich waren. Nur mal zur Verdeutlichung der Überlegenheit von Brignone: 62 Hunderstel betrug auch der Abstand zwischen Platz 2 und 15.

 

Vitozzi, die Schnellschützin

 

Fliegend wechselte Sonntagmittag das Geschehen zum Biathlon. Zu Lisa Vitozzi, und der nächsten italienischen Heldinnennsaga. Wegen einer hartnäckigen Rückenverletzung musste sie die gesamte Saison 24/25 passen, als sie im November zurückkam, war sie weit von ihrer Glanzform entfernt. Sie stand in Antholz vielleicht im erweiterten Favoritenkreis, doch schon in den ersten Rennen deutete sie an, dass sie in Form war.
Fünfte wurde sie am Samstag im Sprint, war mit 40 Sekunden Rückstand noch in Schlagdistanz für den Verfolger am Sonntag. In dem sie eine Glanzleistung ablieferte und nicht nur schnell wie ein Wilddieb (Copyright Fritz Fischer) schoss, sondern auch in der Loipe über sich hinauswuchs. Weil die Konkurrenz patzte, schloss sie zur Spitzengruppe auf und beim letzten Schießen zeigte sie ihre einmaligen Qualitäten. In Rekordzeit räumte sie alle 5 Scheiben ab, während sich die Norwegerin Maren Kirkeeide 2 Strafrunden einhandelte und auch Lou Jeanmonnot patzte. Unter dem Jubel der Landsleute absolvierte sie ihre „Ehrenrunde“ und avancierte zur ersten italienischen Olympiasiegerin im Biathlon überhaupt.

2 starke Frauen, 2 Comeback-Märchen: Ich wage die Behauptung, dass diese ohne die Anziehung von Heim-Olympia nicht möglich gewesen wären.

 

Die Deutschinnen patzen

 

Beide italienischen Märchen hatten als Sidekick eine deutsche Komponente: Die Darstellerinnen hießen Lena Dürr und Franziska Preuß. Beide hatten zeitweise veritable Medaillenchancen (nicht für Gold!), beide patzten in der entscheidenden Phase.

Lena Dürr: Der Riesenslalom war nur als Aufgalopp für ihre Spezialdisziplin Slalom am Mittwoch gedacht. Sensationell fuhr sie im 1. Durchgang auf Platz 2, so gut war sie im RS noch nie. Und auch im 2. Lauf sah es sehr gut aus zumindest für eine Medaille – bis sie kurz vor Schluss an einem für alle Läuferinnen tückischen Tor besonders viel Zeit verlor und alle Chancen verlor. Traurige Erinnerungen kamen da auf an 2022, als sie im Slalom nach Bestzeit im ersten Durchgang noch auf Platz 4 zurückfiel – Blech statt Bronze: der Albtraum jedes Olympioniken (für Altphilologen: mittlerweile werden tatsächlich die Teilnehmer so genannt und nicht nur die SiegerInnen).

Franzi Preuß: Wieder war sie fehlerfrei geblieben bis zum letzten Schießen, hatte sich dadurch im Verfolger auf Platz 6 vorgearbeitet. Und wieder patzte sie beim letzten Anschlag, verfehlte 2 Scheiben, wodurch sie alle Medaillen-Chancen vergab. Wie schon im Sprint, wo sie durch Fehler sicher eine Medaille vergab (und obendrein eine bessere Ausgangsposition für die Verfolgung). Ob sie jetzt sich nach einem Nuller gegen die ebenfalls fehlerlose Suvi Minkkinen im Bronze-Kampf durchgesetzt hätte – niemand weiß es. Preuß‘ Schussschwäche  beim letzten Schießen zieht sich wie ein roter Faden durch die Olympischen Wettbewerbe. Wäre ich deutscher Trainer, würde ich sie in der Staffel nicht aufs Schlussläuferin aufstellen.

 

Und sonst:

 

  • Rekordsieg: Johannes Klaebo sicherte der norwegischen Langlauf-Staffel als Schlussläufer Gold. Es war ein besserer Sonntagsspaziergang und sein 9. Triumph bei Olympischen Spielen, mehr hat im Winter noch nie jemand gesammelt. Gewiss: Klaebo ist en überragender Langläufer, doch ist die Sportart auch prädestiniert für Medaillenhamster, weil sie bei jedem Olympia-Treff viele Möglichkeiten gibt (im Gegensatz etwa zu einem Eishockeyspieler).
  • Eishockey: Wie erwartet müssen die deutschen Männer in die Zwischenrunde. Dort wartet morgen mit Frankreich ein schlagbarer Gegner. Im Viertelfinale würden Leon Draisaitl und Co. auf die Slowaken treffen – auch das scheint bei allem Respekt nicht völlig aussichtslos.
  • Skispringen: Die Prevc-Geschwister sammeln weiter Medaillen. Domen gewann von der Großschanze bei den Männern, Nika wurde bei den Frauen Dritte, nur Dritte, möchte ich angesichts ihrer Ausnahmestellung fast schreiben. Von der Großschanze, erstmals für Frauen im Programm, gewann wie vokleinen Bakken die Norwegerin Anna Odine Ström. Noch so ein olympisches Märchen.
  • Legenden-Gold: Doch noch ein olympischer Triumph für den Buckelpisten-König Michael Kingsbury. In den Dual Moguls (2 fahren gleichzeitig im K.-o.-Modus) setzte sich der Kanadier im Finale gegen Ikuma Horishima durch und holte Gold nach dem für ihn enttäuschenden 2. Platz im Einzel auf der Buckelpiste. Jetzt kann er beruhigt abtreten. Für Kanada war es das erste Gold der Spiele überhaupt, man wurde schon unruhig.