Es ist zum Verzweifeln: noch mehr VAR-Irrsinn

Um es vorwegzunehmen. Ich war immer ein klarer Verfechter des VAR, also Video Assistant Referee, der am Bildschirm die schlimmsten Fehler der Schiedrichter auf dem Feld korrigieren würde. Also keine Phantomtore hier, nicht gepfiffene Schwalben dort. an Deutlichkeit nicht zu übersehen heißt es: Nur klare Fehlentscheidungen können überprüft werden.

Meine Freude darob wird auch nach sieben Jahren Woche für Woche auf eine harte Probe gestellt. Weil die Schiedsrichter im Kölner Keller (noch: Bundesliga) und sonstwo vor ihren Bildschirmen für ständigen Unmut sorgen. Sie greifen mE viel zu oft ein (gefühlt: immer, wenn irgendetwas vermeintlich nicht passt) und oft auch falsch. ihre Entscheidungen sind nicht stringent und auch losgelöst von der Spielleitung (streng oder locker?). Millimeter-Abseits (wo ist das schöne im Zweifel für den Angreifer geblieben?) per kalibrierter Linie (die trotz Halbautomatik nicht die allein seligmachende Wahrheit ist) und die immer konfusere Handspiel-Auslegung (ich versuche gar nicht erst, sie zu verstehen) tun ihr Übriges. Die Überprüfung dauert ewig (warum kein Zeitlmit? Wenn nach 2 oder meinetwegen Minuten kein fehle feststellbar, bleibts bei der ursprünglichen Entscheidung). Niemand traut sich mehr zu jubeln, weil der Torpfiff allenfalls ein vorläufiger ist.

Immerhin ein Gutes hatte das Ganze bisher: die Eingriffe durften nur bei 3 speziellen Situationen (vereinfacht: Tor, Elfmeter, Rote Karte) erfolgen. Wer die FIFA und ihre irrlichternden Entscheider (es sind tatsächlich ausschließlich Männer) kennt und fürchtet, ahnte, dass es dabei nicht bleiben würde. Und tatsächlich: In der vergangeen Woche trat das IFAB (das Regelkomitee der FIFA, mehr siehe unten) zusammen und gebar den nächsten Blödsinn, ich kann es leider nicht anders sagen. Künftig wird der VAR auch Eckbälle überprüfen. Angeblich soll das ganz schnell gehen, also kaum länger, als es ohnehin dauert, bis der Ball wieder im Spiel ist. Auf dem ersten Blick mag es tatsächlich einfach erscheinen, ob der Verteidiger oder Stürmer zuletzt am Ball gewesen ist. Das Gegenteil sehen wir bei jedem NBA-Spiel. Dort dürfen nämlich die Trainer eine solche Aus-Entscheidung mittels Challenge anfechten. Dann sehen wir in Super-Zeitlupe einen zwischen Spieler A und Spieler B hin und her flippernden Ball und erkennen auch viel: die toll definierten Arme, die breiten Schultern und/oder die riesigen Hände der Kombatanten. Was wir meist auf keinen Fall sicher erkennen: Wer denn jetzt zuletzt am Ball war? Nicht anders wird es im Fußball sein: die wirklich strittigen Fälle wird auch der VAR nicht lösen können (aber er wird notgedrungen so tun). Der ehemalige deutsche Top-Schiedsrichter Felix Brych hatte das bewährte Mittel: Im Zweifel gibt es Abstoß. Denn ein zu Unrecht nicht gegebener Eckball (also Abstoß) wird nie so viel Ärger machen wie ein zu Unrecht gegebener Eckball, der unmittelbar zu einem Tor führen kann (wie wir grade allzuoft sehen). Und was ist mit etwaigen Regelverstößen vorm Eckball? Wie weit soll „zurückgespult“ werden? Wird dann ein nicht gegebenes Foul gepfiffen? Alles völlig unklar, wie das gehandhabt werden soll. Es ist typisch für die von Kriminellen geführte FIFA, ein eh schon komplett verfahrenes Ding wie den VAR noch komplizierter und langwieriger zu machen.

Auch die anderen Regeländerungen sind beim näheren Betrachten alles andere als zielführend.

  • So darf der VAR jetzt auch bei einer 2. Gelben Karte für den Spieler X einschreiten, die ja eine Gelb-Rote Karte und damit den Ausschluss zur Folge hat. In der Therorie muss der VAR also bei jedem Foul (eigentlich ja: Zweikampf)  eines Gelb-belasteten Spielers prüfen, ob ein Foul erneut Gelb-würdig war (das ist zumindest die letzte Konsequenz). In der Praxis soll er wohl nur einschreiten, ob eine zweite Gelbe Karte zurecht gezogen wurde (wenn ichs halbwegs richtig verstanden habe). Weiter völlig außen vor bleibt dabei, ob denn die erste Gelbe Karte, auch weiterhin nicht überprüfbar, zu Recht oder zu Unrecht gezogen wurde (wobei dieses in vielen Fällen auch eine reine Ermessensentscheidung des Schiris ist). Ich bin wirklich gespannt, wie das umgesetzt wird.
  • Um das Zeitspiel einzugrenzen, soll der Ball wieder schneller im Spiel sein, das wäre tatsächlich toll. Mit der Folge, dass künftig auch bei Einwürfen und Abstößen die 8-Sekunden-Regel gelten soll. Werden diese überschritten, soll das Recht am Ball wechseln (Einwurf der anderen Mannschaft, Ecke Team B statt Abstoß Team A). Klingt gut, aber dem Schiedsrichter obliegt jeweils die Aufgabe, die letzten 5 Sekunden per Finger anzuzeigen (zurückzählt). Also eine weitere Pflicht, obwohl die Schiris jetzt schon mit dem immer schnelleren Spiel überfordert scheinen (ich sags sehr, sehr freundlich).
    Es gäbe ja eine ganz einfache, zugegebenermaßen revolutionäre, Möglichkeit, das Zeitspiel zumindest folgenlos zu machen: die effektive Spielzeit (2x 30 oder 2x 35 Minuten). Entweder wie im Basketball bei jeder Unterbrechung oder wie im Handball bei längeren Pausen (etwa nach Verletzungen, bei Auswechslungen) auf Zeichen des Schiris (das berühmte „T“). Die effektive Spielzeit hätte den höchst erfreulichen Nebeneffekt, dass die Nachspielzeit wegfiele (und hier die Nachspielzeit der Nachspielzeit). Fußball ist weiterhin die einzige Sportart, wo es allein im Ermessen des Schiris liegt, wann wirklich Schluss ist (den Sonderfall Rugby und „letzter Angriff“ lasse ich jetzt außen vor). Das wiederum ist der Urquell von sehr vielem und sehr großem Unmut Woche für Woche.

All diese Änderungen treten ab Juni 2026 in Kraft. Die WM-Spiele 2026 ab 8. Juni sind also der erste Versuchsballon, ob und wie diese gehandhabt werden, es bleibt also null Zeit fürs Justieren, und die möglichen Problemfelder der Änderungen habe ich ja aufgezählt. Die Kombattanten des wichtigsten Turniers eines 4-Jahres-Zeitraum sind also die Versuchskaninchen, ob es klappt. „Interessant“ ist noch das freundlichste Wort, das mir dazu einfällt.

 

IFAB – ein beonderer  Fall für sich

Steht für International Football Association Board: also das internationale Gremium, das  sämtliche Regeländerungen berät und beschließt. Einmal im Jahr (Ende Februar/Anfang März) kommen die Vertreter für ein Wochenende meist in einem schicken Resort auf einer britischen Insel zusammen.
Das entscheidende Gremium besteht immer aus acht Männern (Frauen sind nicht per se ausgeschlossen, es war aber noch nie eine dabei). Gleich 4 Vertreter kommen aus Großbritannien, seit jeher je einer aus England, Schottland, Wales und Irland. Weil die Briten als Mutterland des Fußball gelten und die Grundregeln aufgestellt haben im späten 19. Jahrhundert, soll nichts über ihren Kopf entscheiden werden. Klang schon immer etwas schräg, wird umso schräger, weil die Briten im Weltfußballs schon längst die Herrschaft abgegeben haben. Aber da sieht sich die FIFA plötzlich der Tradition verpflichtet, die sie sonst so gerne mit Füßen tritt (sic). Die anderen vier Mitglieder stellt die FIFA, der Präsident (zurzeit also Gianni Infantino einer von ihnen). Um eine Regeländerung durchzusetzen bedarf es sechs Stimmen. Eine Besonderheit gibt es außerdem noch. Die 4 FIFA-Mitglieder müssen en bloc abstimmen, also mit einer Stimme sprechen, die Briten dürfen splitten.

Die Besonderheit der Zusammensetzung ist natürlich komplett antiquiert. Sie hat allerdings den unbestreitbaren Vorteil, dass Modetrends sich eben nicht sofort in veränderten Regeln wiederfinden.

Natürlich handeln diese 8 Herrschaften nicht im luftleeren Raum. Es gibt eine Unzahl von Beratern (ehemalige Spieler und Trainer). Oft gibt es tatsächlich Versuchsanordnung in einer (nicht zu wichtigen) Liga, in der auch unterschiedliche Ansätze der Regelauslegung ausprobiert werden.

 

 

Das wird die Woche, die wird

Die Formel 1 startet in die neue Saison, dazu das Masters in Indian Wells (das inoffizielle 5. Grand slam im Tennis), letzte Zuckungen im Wintersport und natürlich Ballsport allüberall.

 

Alles neu in der Königsklasse

 

Neue Regeln, viel Ärger. Die Formel 1 will grün werden, das Reglement respektive die Autos wurden für die neue Saison komplett neu gestaltet. Auf einen (sehr einfachen) Nenner gebracht: Hybrid ist das neue Zauberwort. Es ist noch nicht die Formel E, aber gesucht wird nicht unbedingt der schnellste Fahrer (das schnellste Team), sondern diejenigen, die mit Aufladen, Batterie-Handling und Ähnlichem am besten zurechtkommen. Die Begeisterung der Fahrer hält sich darob in Grenzen, mal sehen, was die Zuschauer von dem Ganzen halten.

Welcher Rennstall das am besten hingekriegt hat, darüber kann ich nur spekulieren. Offenbar hat Mercedes einen sehr guten Job gemacht, sie überzeugten in den Tests wie auch Ferrari. Jedenfalls gab es um die Silberpfeile die meiste Aufregung. Die Konkurrenz moniert, dass sie das Reglement arg (über?)strapaziert haben.

Dieses Wochenende geht es wie üblich in Melbourne los (vorausgesetzt, die Boliden und der ganze Staff finden einen Weg nach Down under, weil die Routen über Dubai und die Golfstaaten aus Kriegs-Gründen zurzeit gesperrt sind). Ich mag dieses erste Wochenende sehr gerne, alles groovt sich ein, und der Kurs durch die Metropole hat auch interessante Stellen (zum Überholen).

Wie gesagt: Alte Besitzstände kann man getrost in die Tonne klopfen. Natürlich werden trotzdem die üblichen Verdächtigen wieder vorn sein, weil mehr Geld auch sehr viel Manpower bedeutet. Sehr gespannt bin ich auf Aston Martin. Das neue Auto wurde vom Star-Designer Adrian Newey konzipiert: eigentlich eine Erfolgsgarantie, aber die ersten Tests verliefen sehr ernüchternd
Die deutschen Fans werden natürlich den neuen Rennstall Audi besonders interessiert begutachten. Wunderdinge in Form von Podedstplätzen darf niemand erwarten, aber doch sehr viel mehr als weit Hinterherfahren. Ähnliches gilt für Cadillac: Die Amerikaner haben endlich eine Lizenz für die Formel 1 bekommen, es werden diese Saison also elf statt zehn Teams unterwegs sein.

Der Kalender ist übervoll: Bis 6. Dezember (Abu Dhabi) stehen 24 Rennen an. Allerdings fehlt erneut ein deutscher Grand Prix, die Forderungen der Formel 1 sind so hoch, dass weder Hockenheim noch Nürburgring auch nur annähernd mit einer Schwarzen Null herauskämen.

 

Tennis-Elite in Indian Wells

 

Sowohl bei den Frauen als auch bei den  Männern haben alle Stars genannt. Je 96 Profis sind im Hauptfeld, das heißt, die Top 32 haben in der 1. Runde ein Freilos. Das Turnier in Kalifornien hat schon länger den inoffiziellen Titel (5. Grand-Slam-Turnier) – bei den Männern aber mit dem Unterschied, dass durchgängig auf 2 statt 3 Gewinnsätze gespielt wird.
Klarer Favorit ist Carlos Alcáraz, in diesem Jahr noch ungeschlagen und in der Weltrangliste deutlich vorne. Jannik Sinner musste letztes Jahr wegen seiner Dopingsperre passen, ist aber auf Hartplatz immer zu beachten. Bei normalen Turnierverlauf dürfte es am Sonntag in einer Woche auf dieses Finale hinauslaufen (weit aus dem Fenster gebeugt, ich weiß). Ein Alexander Zverev, ein Novak Djokovic sowie die heimische US-Garde um Taylor Fritz und Ben Shelton werden etwas dagegen haben. Von den Deutschen sind noch Daniel Altmaier und Jan-Lennard Struff im Hauptfeld. Wenn ich das richtig sehe, hat allerdings kein einziger Deutscher für die Qualifikation genannt. Yannick Hanfmann hat nach seiner Final-Niederlage von Santiago zurückgezogen.

Offener scheint wieder das Feld bei den Frauen: Eine klare Favoritin vermag ich nicht auszumachen. Überpitzt gesagt, kann jede der Top 8 das Turnier gewinnen, aber auch in der 1. Runde ausscheiden. Eva Lys, Laura Siegemund und Tatjana Maria vertreten die deutschen Farben. Auch hier: keine Qualifikantin aus good old Germany.

 

Weltcups in der Endphase

 

Ski alpin:

Die Frauen bestreiten von Freitag bis Sonntag in Val di Fassa 2 Abgfahrten und einen Super-G. Sollte Emma Aicher ihre Top-Form nach Italien transportieren und erneut kräftig punkten, könnte sie sogar in den kampf um den Gesamtweltcup eingreifen. Zurzeit beträgt ihr Rückstand auf Mikaela Shiffrin 219 Punkte, das scheint aufholbar (etwa mit zwei zwiten und einem dritten Platz, was ihr immer zuzutrauen ist). Die US-Amerikanerin erwägt deshalb zumindest einen Start, es wäre ihr erstes Speedrennen in dieser Saison überhaupt.
Die Männer haben am Samstag und Sonntag in Kranjska Gora einen Reisenslalom und einen Slalom vor der Brust.

Biathlon:

Nach einer Woche Pause gehts für die Skijäger in Kontiolahti weiter: Frauen und Männer bestreiten von Donnerstag bis Sonntag Einzel, Massenstart und Staffeln. Nicht mehr dabei sind Franziska Preuß und Dorothea Wierer, die nach Olympia ihre Karriere beendet haben. Die Deutsche und die Italienerin werden dem Biathlon-Sport fehlen.

 

Und sonst?

 

  • Bundesliga: Die Meisterschaft ist für den FC Bayern praktisch entschieden, jetzt konzentriert sich Vieles auf den Abstiegskampf. Und hier vor allem auf das Nord-Duell Wolfsburg gegen den HSV (Sa., 15:30). Die VW-Städter sind plötzlich auf einem direkten Abstiegsplatz, ein weiterer Trainerwechsel noch in dieser Woche ist ziemlich wahrscheinlich, ansonsten wäre das HSV-Spiel noch eine letzte Chance für Daniel Bauer.
    Praktisch bedeutungslos ist die Partie zwischen Fast-Meister Bayern vs die praktisch geretteten Gladbacher (Fr., 20:30), Nostalgiker dürften wehmütig an die 70er-Jahre denken, als diese Partie das Nonplusultra der Liga war.
  • Internationaler Fußball, Spanien: Schon am Dienstag versucht der FC Barcelona im Pokal-Halbfinale das fast Unmögliche: Es gilt im heimischen Camp Nou ein 0:4 gegen Atlético Madrid aufzuholen. Das zweite Halbfinale bestreiten die baskischen Clubs Athletic Bilbao und Real Sociedad San Sebastian. Das San Mames wird brennen (hoffentlich nur sprichwörtlich).
    Premier League: Die Liga bestreitet schon während der Woche einen regulären Spieltag (am Wochenende ist die 3. Pokalrunde angesetzt). Der FC Arsenal hat die durchaus heikle Aufgabe bei Brighton an Hove Albion (Mi., 20:30). Manchester City, der einzig verbliebene Konkurrent um den Titel, hat zur selben zeit das vermeintlich einfache Heimspiel gegen den Abstiegkandidaten Nottingham Forest vor sich.
  • Radsport: Paris-Nizza, das erste ernstzunehmende Etappenrennen des Jahres. Die Fahrt in den Süden ab Sonntag mit einigen Alpenpässen. Immerhin der zweifache Tour-Sieger Jonas Vingegaard hat gemeldet.
    Der Dominator der vergangenen Jahre fährt lieber am Samstag den Strade Bianchi, die Generalprobe für Mailand-San Remo eine Woche später.
  • Wintersport: Finnische Skispiele in Lahti ab Donnerstag. Neben Holmenkollen und Falun das große Wintersportereignis in Skandinavien (Klugscheißermodus: Finnland gehört doch gar nicht zu Skandinavien). Wettbewerbe im Langlauf und Skispringen, dazu noch die Nordisch Kombinierten inklusive der Frauen.
  • Basketball: In einem Anflug von Humanität haben Euro-League-Macher diese Woche nur einen Spieltag angesetzt. Der FC Bayern muss in die Hölle von Belgrad, wo die Trauben bei Roter Stern sehr hoch hängen. Die Münchner haben eh nur noch theorertische Chancen aufs Minimal-Ziel Play-Ins (Rang 10).
  • Handball: Die Männer-Bundesliga biegt ins letzte Drittel ein. Recht klarer Tabellenführer ist der SC Magdeburg, dahinter streiten 4 Clubs (Berlin, Flensburg, Lemgo und Kiel) um einen verbliebenen Champions-League-Platz, der Rest landet in der European League. Lemgo, das Sensationsteam schlechthin, hat am Donnerstag beim VfL Gummersbach eine enorm schwierige Aufgabe vor sich.
  • Rugby: 4. Spieltag der Six Nations. Frankreich bisher noch makellos mit drei klaren Siegen. Gewinnen sie auch am Sonntag in Schottland, ist ihnen der Sieg schon nicht mehr zu nehmen.

Molympico, Bilanz II

Ich kann es natürlich nicht wissen, was bei mir tatsächlich für Jahre hängen bleibt, aber ein paar Höhepunkte (welche Wettkampf hat mich geflasht) und Momente (für Jahre, wenn nicht die Ewigkeit) werden sich bestimmt über den Tag hinaus in mein Gedächtnis eingegraben haben.

 

Absolute Höhepunkte (ohne Abstufung)

 

Abfahrt der Männer

 

Die erste Entscheidung überhaupt. Auf der monumentalen Stelvio (eh mein Liebling –  noch vor der Streif), die sich bei Kaiserwetter zwar als schwierig, aber doch fahrbar und fair präsentierte (das haben wir im Weltcup jeweils Ende Dezember schon anders gesehen). Mit dem grandiosen Sieger Franjo van Allmen und den zwei Italienern Giovanni Franzoni und Dominik Paris auf dem Podium. Besser konnte es nicht (los)gehen, zumal auch keiner der Starter zu Sturz kam. Die beste Olympia-Abfahrt aller Zeiten, hatte ich geschrieben, dieser Eindruck hat sich komplett verfestigt.

Franjo van Allmen gewann dann noch zwei Gold-Medaillen, ist vielleicht der größte Olympia-Held, den die Schweiz je hervorgebracht hat.

 

Big Air – tollkühne Männer auch ohne verrückte Kiste

 

Schon die Frauen lieferten ein grandioses Sprung-Spektakel ab, doch was die Männer zeigten, sprengte zumindest mein Vorstellungsvermögen. Passend das Winter-Ambiente, die verschneite Schanze in Livigno und die tanzenden Schneeflocken im Flutlicht. Und dann die 12 tollkühnen Männer auf ihren Skiern, die sich von der Riesenschanze in die Luft schleudern ließen und nach unzähligen Schrauben und Saltis (bis zu sechsfach, wie die Super-Slomo ergab) wieder zu landen, nicht immer sicher, aber fast immer gut drauf.
Was mir aber am besten gefiel: Wie locker die Aktiven miteinander umgingen, wie grandiose Leistungen des Anderen mit echter Freude quittiert wurden. Vielleicht manches auch aufgesetzt und geschauspielert, aber gerade hier, im eher abgelegenen Livigno, da tauchte er auf, der Olympische Geist. Jeder tat sein Bestes, freute sich, wenn ein zusätzliches Schräubchen hier und ein Saltolein mehr dort gelang, und die anderen freuten sich mit und klatschten ab (im Zweifel wird der Viertplatzierte trotzdem vor Ärger in ein Kantholz gebissen haben).
Wer am Ende gewann? Ich müsste nachschauen, ist auch egal. Bleiben wird der Eindruck einer der tollsten Olympia-Stunden (die tollste?), die ich in den vergangenen 2 Wochen erleben durfte.

 

(Eis)Kunst, zum Weinen schön

 

Mit Eiskunstlauf habe ich es nun wirklich nicht, aber bei Olympia gucke ich doch gerne den Besten zu. Beinahe hätte ich die Japaner Riku Miura und Ryuichi Kihara verpasst, weil sie schon als Fünftletzte zu ihrer Kür starteten. Es folgten 4 Minuten des Glücks, der technischen Perfektion und der großen Kunst, die die beiden aufs Eis zauberten. Kein Wackler, kein Auspendeln, dafür perfekte Harmonie und ganz leises Gleiten, Ausdruck höchster Klasse. Gott sei Dank auch wenig Dazwischengequatsche des Kommentators. Als es vorbei war, war Ryuichi Kihara völlig aufgelöst. Den Kampf gegen seine Tränen verlor er haushoch, aber er wusste halt, dass er und seine Partnerin einen der ganz großen Momente der olympischen Geschichte geschaffen hatten. Wie die Eistänzer Jane Torvill und Christopher Deans mit ihrem Bolero 1984 (!).
Gut eine halbe Stunde später stand dann auch fest, dass Riku Miura und Ryuichi Kihara Gold gewonnen hatten (auch weil die Deutschen Minerva Hase und Nikita Volodin gepatzt hatten). Doch das war an diesem magischen Abend fast schon egal. Domo Arigato.

3 Tage später die Frauen-Kür. Und hier Alysa Liu aus den USA. Die sehr viel durchgemacht und zeitweise sogar mit Leistungssport aufgehört hatte. Jetzt war sie wieder zurück, freiwillig, wie sie bekannte – und wie. Ein nahezu perfektes Programm gelang ihr, voller Esprit und sportlicher Höchstschwierigkeiten. Noch viel beeindruckender allerdings die Minuten danach. Normalerweise ist die Kiss-and-Cry-Szenerie so gar nicht mein Ding. Jetzt strahlte da eine junge Frau, vollkommen mit sich im Reinen. Sie hatte ihren Knoten aufgelöst und lange Haare mit abwechselnd braunen und platingoldenen Streifen fielen hinab („wie Jahresstreifen“, erklärte sie). „Ich liebe das Leben“, betonte Alysa Liu dann noch. Wenn ich irgendjemanden irgendetwas glaube, dann dieser wunderbaren 22-Jährigen – und zu diesem Glück, da wette ich, bedurfte es nicht der olympischen Goldmedaille.

 

Torwart Hellebuyck – Kanadas Nemesis (und damit meine …)

 

Die letzte Entscheidung am Sonntag: Eishockey der Männer, das Traumfinale USA gegen Kanada – die ohnehin heikle Partie zusäthlich aufgeputscht durch die Übernahmefantasien von Donald Trump. Für Kanada ist Eishockey-Gold das mit Abstand wichtigste bei jeden Spielen, manche sagen sogar: das einzige Gold, was zählt. Vor allem, weil 2026 zum ersten Mal seit 2014 wieder alle NHL-Profis (außer die Russen, aus Gründen) dabei waren.
Erzrivalen für die Ewigkeit, eine enorm umkämpfte Partie, insgesamt 62 Minuten Rasanz. Und schnell kristalliserte sich heraus: Es sollte das Match des Connor Hellebuyck werden, dem Giganten im US-Tor. Mit stoischer Ruhe, dafür unfassbaren Reflexen wehrte er auch die gefährlichsten Schüsse ab, ließ sich nur einmal bezwingen; chancenlos war er beim 1:1, das die Kanadier im 2. Drittel erzielten.
Gerade im 3. Drittel wuchs er über sich hinaus, als die Kanadier sich im Minutentakt die besten Chancen erarbeiteten und jedes Mal doch scheiterten. An Hellebuycks Schonern, an den Handschuhen, einmal sogar am Schläger (noch immer weiß niemand, wie Hellebuyck das geschafft hat). Sogar eine 3:5-Unterzahl überstanden die US Boys mehr als eine Minute, allein wegen Hellebuyck (und Nathan McKinnon, der das leere Tor nicht traf – ein nie mehrwegzulöschender kanadischer Albraumschuss).

So retteten sich die USA in die Overtime, wo sie dann nicht mehr 5 gegen 5 spielen, sondern 3 gegen 3. Eine komplett andere Sportart ist das, zwar äußerst  unterhaltsam, aber mit dem beinharten Hockey hat das absolut nichts mehr zu tun. Völlig andere Raumaufteilung. „Die USA werden gewinnen“, sagte ZDF-Expertin Kathrin Lehmann, und sie sollte recht behalten. Jack Hughes traf schon nach 1:41 Minuten – trotz zwei verlorener Zähne, wie sein Siegeslächeln verdeutlichte. Doch als strahlenden Helden und Matchwinner feierten die US Boy – Connor Hellebuyck.

Die Kanadier? Versteinert. Äußerst schweigsam. Leere Gesichter, als sie erst die Silbermedaille, dann noch das Plüsch-Hermelin überreicht bekamen. Conor McDavid, der Superstar der vielen Topstars: Wieder ohne Titel nach 2 verlorenen Finals im Stanley Cup mit den Edmonton Oilers. Wieder mal eine persönliche Auszeichnung als bester Spieler, aber die sind ihm völlig egal. In Erklärungsnot sind nicht nur die Spieler, sondern auch alle Trainer. Das ganze  eishockey-verrückte Land verlangt Aufklärung, warum dieses Spiel verloren ging. Die naheliegende Antwort  „Hellebuyck“ wird trotz aller Richtigkeit nicht genügen.

Hellebuyck verdient sein Geld übrigens in Kanada – beim NHL-Team Winnipeg Jets. Mal sehen, ob sie ihn mit seinem Gold und der Auszeichnung „bester Torwart des Turniers“ überhaupt zurück ins Land lassen.

Leider hat es ein übles Nachspieltreten gegeben. Der Typ im Weißen Haus ließ es sich nicht nehmen, die Kanadier aufs Übelste zu verhöhnen. Fast noch schlimmer: Kein einziger US-Spieler erhob Einspruch, im Gegenteil: Sie können es gar nicht erwarten, der Einladung ins White House zu folgen. Widerliche Opportunisten. Die Frauen haben dagegen die Einladung abgesagt. Toughe Girls, muss ich sagen.

 

Die Unbesiegbare

 

Außerhalb der Eisrinne lief es für die deutschen SportlerInnen nicht so gut, um es noch nett zu formulieren. Daniela Maier allerdings legte im Ski-Cross eine Leistung hin, die mir allerhöchsten Respekt abnötigte. Wenn es nicht den ubezwingbaren Johannes Klaebo (damit ist der sechsfache Triumphator auch genannt) gegeben hätte, würde ich sogar sagen: Ihr Sieg war das überlegenste Gold der Spiele.

Ski-Cross, das ist eine extrem enge Angelegenheit. Ein sehr knapper Vierkampf um beste Positiionen, bei denen auch gedrängelt und gerempelt und geschoben werden kann. Nicht so bei den Läufen von Daniela Maier: Sie startete immer perfekt, raste als Erste in die erste Kurve und ward nicht mehr gesehen. Vier K.o.Runden gab es, viermal landete Daniela Maier einen Start-Ziel-Sieg, ohne dass ihr eine Konkurrentin auch nur nahe gekommen wäre. Keine hatte nicht mal den Hauch einer Chance, auch nur in ihren Windschatten zu kommen, um daraus zu profitieren.

Dass Daniela Maier auch noch eine besondere olympische Vergangenheit hatte, machte die Sache erst recht rund. Vor vier Jahren in Peking kam sie im Endlauf mit der Schweizerin Fanny Smith ins Gehege und wurde nur Vierte. Ein deutscher Protest hatte Efolg – doch noch Bronze, ein Gegenprotest ebenfalls – doch wieder Rang 4. Am Ende gab es das salomonische Urteil und zweimal Bronze. „Ich wollte schon aufhören“, bekannte Maier vor den Spielen. Sie ist das Paradebeispiel für alle, dass es die Möglichkeit zum Wiedergutmachen gibt, wenn man es nur erneut probiert. Das sollte allen Pechmaries und Pechvögeln dieser Spiele (siehe unten) ein Trost sein.

 

Momente, die bleiben

 

Fede, die Große

 

Das unglaubliche Comeback, das gelang. Im April zertrümmerte sich Federica Brignone bei den nationalen Meisterschaften das gesamte linke Bein: Schien- und Wadenbeinbruch, dazu ein Kreuzbandriss. Cortina nur 10 Monate danach? Das klang völlig utopisch. Doch der Gedanke ans Heim-Olympia mobilisierte alle Kräfte, ließ die schlimmsten Schmerzen ertragen. Im Januar die ersten zaghaften Schwünge im Weltcup, in denen Federica Brignone andeutete, dass sie nix verlernt hat. Nur gehen, oder gar hpüpfen, das konnte sie nicht.
Das Olympische Märchen. Sieg im Super-G, Sieg im Riesenslalom. Unten im Ziel warteten die beiden zeitgleichen Zweiten Thea Louise Stjernesund und Sara Hector. Als Fede mit klarer Bestzeit abschwang, gingen sie in die Knie vor Ehrfurcht, mehr Wertschätzung geht nicht. Wertschätzung, die sich die Italienerin in ihrer unfassbar erfolgreichen Karriere mit dem krönenden Abschluss (ist es wirklich der Abschluss?) mehr als verdient hat.

Wer immer Lindsey Vonn für ihren Comeback-Irrsinn kritisiert, muss auch das erfolgreiche Comeback der Federica Brignone im Hinterkopf behalten.

Apropos Lindsey Vonn. Alles gesagt und wie mir scheint auch von allen einschließlich mir. Die Bilder und Schreie des Schmerzes und der Enttäuschung (sehr leider) werden uns verfolgen.

 

Der Bronze-Endspurt

 

Viel war ja von den dauernden vierten Plätzen der Deutschen die Rede (siehe auch Teil III, wenn ich jemals dazu komme …). Reden wir lieber vom schönsten und ergreifensten Bronze, das Deutschland errungen hat.

Teamsprint der Frauen, letzter Wechsel. Coletta Rydzek übernimmt, die Schwedinnen und (sehr erstaunlich) Schweizerinnen sind uneinholbar, nicht aber die Norwegerin Julie Drivenes. Rydzek kämpft sich heran, gleichauf biegen die beiden in die Zielgerade, und es beginnt der wettbewerbs-übergreifend großartigste Schlussspurt dieser Spiele. Rydzek schiebt und skatet wie verrückt, Drivenes hält dagegen, doch die Deutschin hat die Nase vorn. 2 Zehntel entscheiden, mit dem bloßen Auge nicht erkennbar.
Viele deutsche Fans haben sich am Rand die Kehlen heiser geschrien, am lautesten wohl Bruder Johannes (mein Leser Alcides, der auch vor Ort war, wirds bestreiten …). Johannes Rydzek, der Kombinierer, vor vier Jahren selbst Gold-Triumphator. Jetzt hat auch die kleine Schwester ihre Medaille.

 

Und nun – das Wetter

 

(Zu) warm wars, kalt wars, sonnig wars, regnerisch wars, und geschneit hats auch. Der normale Februar-Winter in den italienischen Bergen. Meist alles im grünen (sic!) Bereich, außer …

… Skispringen, die Entscheidung im Super-Team-Wettbewerb der Männer. Zweier-Mannschaften. Alles scheint einen normalen Verlauf zu nehmen. Nach zwei Durchgängen führt Favorit Österreich vor den sensationellen Polen und Norwegen, Deutschland ist Vierter, in Schlagdistanz wenigstens zum Silber-Rang. Die Chancen verschlechtern sich, als Andi Wellinger bei seinem 3. Sprung an Boden verliert. Jetzt beginnt das Drama. Dem zweite Deutschen, Einzel-Olympiasieger Philipp Raimund, gelingt bei sich schon verschlechternden Verhältnissen ein grandioser Satz. Eine echte Kampfansage an die oben verbliebenen Springer, zumal sich das sekündlich Wetter verschlechtert. Die Jury wartet ab, und das ist der Riesenfehler. Denn aus dem „sich verschlechterndem Wetter“ wird ein veritabler Schneesturm. Irgendein irrer Mensch lässt den Polen Kacper Tomasiak vom Bakken, der bleibt chancenlos wegen der wegen des Schnees viel zu langsamen Anlaufspur. Weiteres Zuwarten, das Schneetreiben wird noch dichter. Jeder weiß, bei diesen Verhältnissen wird den Deutschen die Medaille nicht mehr zu nehmen sein, wenn denn gesprungen wird …
Plötzlich jubeln die Österreicher. Das kann nur bedeuten, dass der Wettbewerb abgebrochen wurde, das kommt im Skispringen ziemlich häufig vor. Es zählt also die Wertung nach Durchgang 2: Hinter Gold-Austria und Silber-Polen jubelt Norge über Bronze, um ganze 0,3 Punkte (das ist weniger als eine einzige minimal bessere Haltungsnote) haben die Deutschen die ersehnte Medaille verpasst. Sicher der unglücklichste der 14 vierten Plätze des Olympia-Teams.
Groß ist die Wut bei den Deutschen. Sportdirektor Horst Hüttel prangert an, sehr unsportlich, wie mir scheint. Er hat wohl gehofft, dass die Jury trotz der irregulären Verhätnisse die restlichen  Springer aus Norwegen, Slowenien und Österreich ins Elend hüpfen lässt, auch das hat es schon oft gegeben.
10 Minuten nach dem Abbruch haben sich die Verhältnisse wieder beruhigt, wie es im übrigen die Wetterkarten vorhergesagt. Warum die Jury nicht zugewartet hat, eines der größten Rätsel dieser Spiele.

 

Man will sie nur umarmen und trösten …

 

Wo Sieger sind, da sind auch Besiegte – das sind die brutalen Regeln des Sports. Manche sind leider schon wieder vergessen, manche werden immer in unserem Gedächtnis bleiben oder zumindest sehr lange

 

Der Einsame im Wald

 

Atle Lee McGrath wollte nur noch allein sein. Als klar Führender des ersten Durchgangs hatte er im zweiten Lauf eingefädelt, die ewige Drohung jedes Slalom-Artisten. Sieg weg, alle Gold-Träume weg.
Atle McGrath warf die Stöckle weg, dann begab er sich in Richtung des nahegelegenen Waldstückes und legte sich dort in den Schnee. Der Inbegriff des traurigen Verlierers, es wird bleiben. Hinterher erzählte er, dass sein geliebter Großvater kurz vor den Spielen gestorben sei. Eigens, damit er starten konnte, wurde die Beisetzung verschoben. Schicksal ist eine Bitch.

Ein ähnlich ikonisches Foto gibt es über Lena Dürr. Gerade war sie Zweite des 1. Durchgangs im zweiten Lauf am ersten Tor gescheitert, da stand sie fassungslos noch im Slalomhang. Hinter ihr der strahlend blaue Himmel und die fantastische Bergkulisse um Cortina. Selten habe ich so viel Schönheit und so viel Traurigkeit in einem Foto vereint gesehen.

 

Auch der Superstar ist nur ein Mensch

 

Wie gesagt, im Eiskunstlauf kenne ich mich nicht aus. aber natürlich war mirt Ilia Malinin und seine Quad-Kür ein Begriff. Jene vier Minuten, die er mit sieben Vierfachsprüngen samt Rückwärtssalto zum sportlichen Nonplusultra erhoben hatte. Laut ARD war seine (gelungene) Kür der meistgeklickte Sportclip 2025.

Er musste also das Gold „nur“ noch abholen, erst recht nach dem besten Kurzprogramm, also schon mit gewissem Vorsprung. Es wurden die wohl verheerendsten Minuten, die je ein Top-Favorit überstehen musste (ein sehr großes Wort, ich weiß). Nachdem der vierfache Flip missglückte, ging gar nichts mehr. Plötzlich war da nicht mehr ein absolute Superstar des Sports auf dem Eis, sondern ein verzweifelter Mensch, der plötzlich bei einfachsten Schrittpassagen ins Stolpern geriet. Irgendwie brachte er die Kür zu Ende (was für ein Wille, nicht einfach aufzugeben, sogar den Rückwärtssalto wagte und schaffte er) und wie ein Gespenst saß er mit den fassungslosen Trainern in der Kiss-and-Cry-Ecke und wartete stoisch auf die Noten, die nur verheerend werden konnten (und es auch wurden).
Wahrscheinlich zur Überraschung aller stellte sich Ilia Malinin hinterher den Medien, eine Erklärung hatte er natürlich nicht, wie niemand eine Erklärung für dieses Desaster hatte. Aber jener aufrechte, tapfere Malinin gibt Hoffnung, dass er an diesen schlimmen vier Minuten zuvor nicht zerbrechen wird.

 

Und da waren noch …

 

Selbstverständlich gab es noch viel mehr strahlende Sieger, (googlelt Philipp (sic!) Raimund) und traurige Verliererinnen (Ebba Andersson/Staffel samt Auferstehung im 50er). Aber vor allem gab es wie bei jeden Spielen die skurillen, (aber)witzigen Momente, die niemand vorhersehen kann. An die wir uns alle lange erinnern und die uns alle erinnern, dass hier Menschen (und sogar Tiere) am Werk sind.

 

Endspurt um Platz 27

 

Massenstart der Männer im Biathlon: Die Sieger und fast alle Platzierte sind schon längst im Ziel, da tauchen auch die Letzten in der Schlusskurve auf. Es sind Fabien Claude, Nicola Romanin und Campbell Wright: Plötzlich bleiben sie stehen, anstatt gemächlich auszutrudeln. Auf ein Zeichen fangen die Drei plötzlich an wie wild zu sprinten und zu endspurten, als hinge ihr Leben (oder wenigstens eine Medaille) davon ab. Ein Zielfoto musste letztlich entscheiden, und da hatte der Franzose Claude (Biathlon: klar ein Franzose!) die Nase Skibindung (diese ist maßgeblich) knapp vor Romanin aus Italien und dem Ami Wright. Einen schöneren Sprint um Platz 27 hat es wahrscheinlich noch nie gegeben, die begeisterten Zuschauer dankten es mit frenetischem Applaus.

 

Er will doch nur spielen

 

Langlaufsprint, Qualifikation. Die Besten sind schon durch, aber trotzdem wird noch (verbissen wollte ich schreiben, aber …) um jede Zehntelsekunde gekämpft. Normalerweise nimmt niemand mehr groß Notiz davon, aber plötzlich tauchte ein ungebetener Gast auf. „Nazgul“, ein zweijähriger tschechischer Wolfshund war vom nahen Zuhause ausgebüxt, und seine fassungslose Besitzerin sah am Fernseher, wie er die Läuferinnen Konstantina Charalampidou und Tera Hadzic ins Ziel begleitete. Die fanden das weniger lustig  – Hadzic: Ich wusste nicht, ob es ein Wolf ist“ (die es in den nahen Bergen gibt), wohl aber das Publikum, das regelrecht verzückt dem äußerst verspielten Nazgul beim Laufen, Toben und Schnüffeln zusah, bevor ihn ein mutiger Funktionär einsammelte. Der Sportwelt bleibt das tierische Tun beim Gott sei Dank nicht verbissenen Endspurt erhalten, es gibt sogar ein offizielles Zielfoto. Zumindest die Griechin hat ihren Frieden geschlossen. „Ich bin jetzt berühmt wegen eines Hundes, der über die Ziellinie gelaufen ist, und jetzt wollen alle mich interviewen. Es ist das erste Mal, dass ich überhaupt Interviews gebe“, sagte Charalampidou.

 

Der Curling-Brawl

 

Gemeinhin gelten Curling-SpielerInnen als extrem fair. Sogar WM-Partien bestreiten sie der Sage nach ohne Schiedsrichter, die Gentlemen und Ladies regeln das gerne selbst. So verwunderte es doch sehr, dass in einem Vorrundenspiel Schweden und Kanadier aneinandergerieten. Ein Schwede monierte einen Regelverstoß (eine zweite Berührung beim Anschieben), was der Kanadier mit einem herzhaften „Fuck off!“ antwortete (der überblendende Piep-ton bei derlei Beleidigungen war offenbar grade ausgefallen …). Ein heftiger Wortwechsel war die Folge, den das staunende Publikum wegen der verkabelten Spieler in den Wohnzimmern zuhause verfolgen durften.
Auch hinterher (die Kanadier hatten letztlich gewonnen) glätteten sich die Wogen nicht, die gegenseitigen Beschuldigungen hielten an. „Es ist Olympia“, hatte die ZDF-Expertin und aktive Curlerin Sara Messenzehl eine Erklärung. Immerhin fand der Kanadier Kennedy so etwas wie eine Entschuldigung. „Ich habe zwar Recht, aber die Wortwahl war nicht in Ordnung.“

 

Ich nehm mir die Ski, wie es mir gefällt

 

Am Schlusstag wurde die Welt noch Zeuge eines dreisten Diebstahls. Skilanglauf, 50 Kilometer, nicht nur olympische Premiere für die Frauen, sondern auch Stresstest für Mensch und Material. Weswegen die Regelhüter den Skiwechsel vorgesehen haben, in einer extra ausgewiesenen Wechselzone. Jeder Läuferin „gehört“ eine Wechselbox, in der frisch (und vielleicht besser) gewachste Skier bereitstehen. Die Startnummer entspricht der Boxennummer, so weit, so gut, so einfach.
Menschen irren, und die Russin Darja Neprajewa irrte. Nämlich zur Nummer 12 anstatt zur Nummer 14. Sie schnallte sich die Skier an und stob davon, nicht gerade unerkannt, doch uneinholbar. Blöd halt, dass die Skier weg waren für die tatsächliche Besitzerin Kathrin Hennig-Dotzler. Blöd vor allem für die deutschen Techniker, die sich nach vermeintlich getaner Arbeit (ein zweiter Skiwechsel ist nicht mehr vorgesehen) schon zurückgezogen hatten in ihren Truck und das Equipment schon abgebaut. Plötzlich also viel Hektik statt Ruhe nach dem äußerst anstrengenden Olympia. Irgendwie kriegten sie es hin und stellten Hennig-Dotzler noch ein paar Skier in die Box.
Und Neprajewa? Die wurde mit ihrer Beute auch nicht glücklich. „Ich merkte schnell, dass ich mit den Skiern nicht zurechtkam“, berichtete sie reichlich zerknirscht. Obwohl oder weil sie bestens präpariert waren. Den Regeln entsprechend wurde sie disqualifiziert (aber nicht aus dem Rennen genommen). Der deutsche Bundestrainer fand den treffendsten Vergleich. „Das war, als ob ein McLaren in die Ferrari-Box kommt, um sich dort frische Reifen abzuholen.“ Wers erratische Ferrari kennt: Sie hätten diese aufgezogen, wenngleich nur drei.

 

Das war dann der zweite Teil. Ob ich mich noch zu einer „deutschen“ Analyse aufraffe, ich bezweifle es und verweise auf die ausufernde Berichterstattung zu diesem Thema.

Apropos Ausruhen. Bis frühestens Sonntag ist dieser Laden nun geschlossen, deutscher Fußball-Clasico hin oder her.

 

 

 

 

 

 

 

Das wird Molympico, Wochenende

Die letzten beiden Tage fasse ich zusammen. Ein paar vielleicht hochinteressante Entscheidungen stehen noch an

 

Pflichtprogramm

 

Sa., 11:00/So., 10:00 Skilanglauf, 50 km klassisch, Männer und Frauen

Für den echten Langlauffan der Höhepunkt, allerdings seit ein paar Jahren entschärft. Denn es wird nun  im Massenstart gelaufen, was gerade bei den Männern bedeutet, dass sich 40, 45, ja 48  Kilometer wenig bis nichts tut und sich alle auf den Endspurt verlassen. Sollte es auch diesmal dazu kommen, dürfte Johannes Klaebo das 6. Gold der Spiele nicht zu nehmen sein. Früher liefen die Athleten im Intervallstart, also jeder für sich, da haben sich die 50 Kilometer schon gewaltig gezogen, für den Langlauffan war das das Nonplusultra.

Für die Frauen ist der 50er erstmals olympisch, überhaupt laufen sie diese Distanz erst seit ein paar Jahren. Was Emazipation so ausmacht. Erfahrungswerte gibt es also wenige, zumal auch joch im klassischen Diagonalstil gelaufen wird. Man muss aber kein großer Prophet sein, um die Schwedinnen ganz vorn und die Norwegerinnen vorne zu sehen. Gespannt bin ich auf die Österreicherin Theresa Stadlober, die in den bisherigen Rennen immer besser wurde, je länger es ging. Eine Medaille wäre allerdings eine Sensation

 

Sa., 14:15: Biathlon, Massenstart Frauen

 

Der letzte Wettbewerb der Ski-Zweikämpfer. Die Männer am Freitag haben gezeigt, dass gerade in dieser Disziplin Überraschungeneinkalkiuliert werden müssen. Eine dieser Überrschungen traue ich tatsächlich der Deutschen Vanessa voit vor. Sie schoss bisher ausgezeichnet und gefiel in der Staffel auch läuferisch. Favoritsiert sind dennoch die Französinnen um Lou Jeanmonnot.
Es wird das letzte Rennen in der Karriere von Franziska Preuß sein, sie wird also die Weltcups nach Olympia nichtmehr bestreiten, auch nicht den am Holmenkollen. Warum eigentlich nicht mit einer Medaille abtrete?

 

So., 14:10: Eishockey Männer, Finale

 

Kanada ist nach dem harterkämpften 3:2 über Finnland nach 0:2 erster Endspielteilnehmer und egal ob gegen die Slowakei oder die USA Favorit. Die Reihe McDavid, Celebrini und McKinnon st außergewöhnlich, obwohl sich die Drei erst zu Olympia gefunden haben, weil sie unterschiedlichen NHL-Teams angehören.
Finnland trifft schon tags (Sa., 20:40) davor im Bronze-Match auf den Verlierer USA vs Slowakei.

 

Wird sicher spannend

 

Sa., 16:40/17:15: Eisschnelllauf, Massenstart Männer und Frauen, Finali

 

Je 16 Männer und Frauen stürzen sich gleichzeitig auf die 400-Meter-Bahn, da wird es ähnlich eng zugehen wie im Shorttrack. Alle 4 Runden gibt es Zwischensprints mit Punkten für die ersten Vier (ähnlich wie im Punktefahren im Bahnradsport. Ein Rundengewinn ist natürlich möglich und würde besonders vergütet werden.
Favoriten? Ich sag mal Hlländer und Holländerinnen, das scheint mir die Chance am größten, richtig zu liegen. Ansonsten: komplette Ahnungslosigkeit meinerseits.

 

🇩🇪👓

 

Ganz am Schluss setze ich sie jetzt doch auf, um speziell auf die beiden verbliebenen Bob-Entscheidungen hinzuweisen. Am Samstag der Zweier der Frauen (4. und entscheidnender Lauf: 21:05) mit drei aussichtsreichen Bobs made in Germany, die vor allem mit den 3 US-Bobs um die 3 Medaillen kämpfen.
Am Sonntag (12:15) der Vierer, in denen wiederum Johannes Lochner und Francesco Friedrich aussichtsreiche Crews anführen.

 

Und sonst: 

 

  • Die Finali im Curling: Bei den Männern kämpfen Großbritannien und Kanada um Gold (Sa., 19:05), bei den Frauen Schweiz und Schweden (So., 11:05).
  • Schlussfeier: Diese findet in der Arena von Verona statt. Begründung für den außergewöhnlichen Ort: Es sollen halt wirklich Winterspiele für ganz Norditalien werden. Angesichts des Ortes würde ich mir die Wiederauferstehung von Luciano Paverotti wünschen.

 

Das wird Molympico, Freitag

Ohne Schifoan ist das alles nichts. Und trotzdem.

 

Pflichtprogramm

 

14:15: Biathlon, Massenstart Männer

 

30 Läufer, die besten dieser Spiele und des Weltcups nach einem speziellen Schlüssel, starten gleichzeitig auf die 15 Kilometer Strecke. Viermal muss geschossen werden, liegend, liegend, stehend, stehend. Keine Nachlader, pro Fehlschuss die Strafrunde. Extrem spannendes, schnelles Format. Der Erste im Ziel hat auch gewonnen.
Die Favoriten? Wie immer bei diesen Spielen kommen sie aus Frankreich, Norwegen und Schweden. Ich persönlich hoffe auf den Italiener Tommasso Giacomel, für den Heim-Olympia bisher ein veitables Disaster war. Die deutschen Starter können eigentlich nur positiv überraschend, aber sie können auch positiv überraschen.

 

16:40/21:10: Eishockey Männer, Halbfinali

 

Alles redet vom Traum-Endspiel Kanada vs USA (meines ist es bestimmt nicht), aber zuvor gibt es noch die Halbfinali. Da treffen zunächst (16:40) die hohen Favoriten aus Kanada auf Finnland, die ihr Team bis auf eine Ausnahme ebenfalls ausschließlich aus NHL-Stars rekrutiert haben. Ich halte seit jeher zu finnischen Eishockey-Teams und-Spielern, aber ganz objektiv sehe ich kaum Chancen gegen Team Canada, das über 4 nfassbar starke Sturmreihen verfügt. Ich lass mich gerne überraschen.
Danach (21:10) kommt es zum Duell USA gegen Slowakei. Wws die Slowaken können, wissen jetzt auch die Deutschen, die US-Boys hatten gegen Schweden auch viel Glück.

Gibt es nach 60 Minuten keine Entscheidung, gibt es 10 Minuten  Overtime mit sogenannten Sudden Death, das erste Tor entscheidet. Wieder im Format 3 gegen 3 (plus Torhütern). Für mich ein Wahnsinn, denn das ist eine komplett andere Sportart mit komplett anderer heransgehensweise. Äußest unterhaltsam, das schon, aber mit echten Hockey hat das nicht die Bohne zu tun. Zum bewundern/freuen/ärgern schon bei 3 Viertelfinali (außer dem Deutschland-Spiel, die allesamt auf diese Art entscheiden wurde. Die NHL und andere nationale Ligen wissen schon, warum sie in Play-off-Runden nicht vom regulären 5 vs 5 abgehen, acuh wenn das gerne mal Stunden dauern darf.
Gibt es nach 10 Minuten keine Entscheidung, kommt es zum Penaltyschießen. Viel schwerer zu verwandeln als etwa ein Elfmeter beim Fußball. Dennoch unfassbar spannend, wie Draisaitl senior zu berichten weiß. Eine der epischsten Szenen in der Olympia-Geschichte, die niemand vergessen wird, der dabei war.

 

Wird sicher spannend

 

12:00: Ski Freestyle, Cross Frauen,  K.-o.-Runde

 

4 Läuferinnen starten gleichzeitig in einen Parcours mit Steilkurven und Sprüngen. Berührungen sind erlaubt, allerdings in Grenzen. Die ersten zwei jeder K.o.Runde steigt in die nächste Runde auf. Im Finale um die Medaillen dann 4 Starterinnen, man muss kein Mathe-Genie sein, um auszurecnen, dass eine die echt Dumme ist (tote Rennen sind doch sehr selten).
Insgesamt stehen ab 12 Uhr 4 K.o.Runden an, in relativ schnelle Abfloge bis zum Finale (13:10).

 

14:05: Curling, Halbfinale

 

Na endlich, der Löwe findet die Steineschubser (Spaß). Die Paarungen stehen noch fest: Die Termingötter haben beschlossen, dass beide Partien gleichzeitig stattfinden. Schön für die Zuschauer vor Ort, nicht so gut für den Fernsehzuschauer, es sei denn er wählt den Splitscreen (sieht also von beiden wenig). Immerhin können wir dank Streaming frei auswählen, welche Partie wir bevorzugen.

 

16:30: Eisschnelllauf, 1500 Meter Frauen

 

Die gefürchtete Mitteldistanz, in der die Läuferin ein zu hohes Anfangstempo schmerzlich büßt. Wie immer kommen die besten Läuferinnen am Schluss, allerdings nur der Vorleistung nach und nicht der aktuellen Form. Die holländische 500-Meter-Olympiasiegerin allerdings beginnt, wenn sie einigermaßen duchkommt, könnte sie schon eine veritable Richtzeit setzen.

 

21:30: Shorttrack, Staffel-Finale (5000 Meter)

 

4 Teams a 3 Läufer: Einer ist „on“, also maßgeblich auf der Bahn, die anderen werden fliegend per handschub eingesetzt, immer von innen kommend. Einfach anschauen und schnell begreifen. Sehr unterhaltsam

 

 

 

 

 

 

 

Molympico Giorno

Das Drama der Lena Dürr

 

Verzweiflung, leerer Blick. Da stand Lena Dürr mit dem herrlichen Panorama der Dolomiten im Hintergrund. Doch die Gedanken kreisten nur um das Unfassbare, was geschehen war.

Ein fantastischer 1. Durchgang war Lena Dürr gelungen, zweitbeste Zeit hinter der außerirdischen Mikaela Shiffrin. Als Vorletzte stand sie vorm 2. Lauf im Starthäuschen, wohlwissend, dass jetzt die Olympiamedaille und der größte Karriere-Triumph ganz nah waren. Noch mal ging sie alle kniffligen Passagen durch, eine letzte Konzentration, sie startete – und blieb noch vor dem 2. Tor stehen. Eingefädelt beim 1. Tor – das Aus. Entsetzen überall, bei mir, bei den Fans, bei den Fans unten im Ziel, sogar bei den Konkurrentinnen um die Medaillen. „Eine Katastrophe“, befand sie einigermaßen gefasst. Eine Erklärung hatte sie nicht, wie das geschehen konnte.

Die hatte niemand. Nur Erinnerungen, dass die Germeringerin nicht die Erste war, der ein solches Malheur unterlief. Markus Wasmeier fiel mir sofort ein, der als Mitfavorit im Super-G von Calgary 1988 am ersten Tor scheiterte. Oder Helmut Höflehner. Der Österreicher war 1991 klarer Favorit für die Abfahrt der Heim-WM in Saalbach und verhedderte sich schon beim Start derart katastrophal und nachhaltig, dass das Rennen de facto vorbei war. Austria weinte.

Das wird Lena Dürr nicht trösten, zumal sie „Wiederholungstäterin“ ist. 2022 war sie ebenfalls im Slalom auf dem besten Weg zu Gold mit bester Zwischenzeit, ehe sie kurz vorm Ziel durch eine Ungenauigkeit gar aus den Medaillenrängen fiel und danach bittere Tränen vergoss. Vor 3 Tagen hatte sie einen bemerkenswerten Riesenslalom abgeliefert, wiederum klar auf Medaillenkurs, ein böser Fehler kurz vorm Ende vernichtete alle Hoffnungen. Man muss jetzt kein ausgebildeter Psycologe sein, um zu konstatieren, dass all diese Missgeschicke und Unglückseligkeiten der Lena Dürr vor ihrem wichtigsten Lauf der Karriere im Kopf herumspukten. Wer aber zu viel nachdenkt, hat schon verloren.

Lena Dürr ist 34 Jahre alt, Cortina war höchstwahrscheinlich ihr letztes Olympia, vielleicht hängt sie noch ein Jahr dran mit der WM 2027 in Crans Montana. Der Katastrophenfehler ist also nicht wiedergutzumachen, das unterscheidet sie etwa von der jungen Schwedin Cornelia Öhlund, die ebenfalls aussichtsreich im 2. Durchgang ausfiel, aber mit ihren 20 Jahren mindestens noch zwei-, dreimal bei Olympia dabei sein wird. Lena Dürr wird ohne Medaille bleiben, und wir werden immer an ihr Missgeschick denken, wenn wieder ein Slalom ansteht. Wie an Wasi 1988. Der aber sein Malheur gutmachen konnte mit seinen beiden Triumphen 1994 in Lillehammer.

 

Mikaela Shiffrin überragend

 

Als überzeugter Shiffrin-Afficionao seit mehr als als ein Dutzend Jahren hatte ich kein gutes Gefühl. Denn die Amerikanerin und Olympia, das war zuletzt kein Match. In Peking startete sie gleich sechsmal, sechsmal blieb sie ohne Medaille, darunter mit mich und alle Skifans verstörenden Ausscheidern im Riesenslalom und Slalom. Sie, die nie ausfiel! Auch jetzt in Cortina verbaselte sie ihre erste Gold-Chance, als sie den Teamslalom komplett verbremste und nach Abfahrtsbestzeit ihrer Freundin Breezy Johnson auf Platz 4 zurückfiel.

Ich hätte mir keine Sorgen machen müssen. Die Shiffrin von Cortina war die überlegene Weltcup-Shiffrin, die in dieser Saison 7 von 8 Slaloms zum Teil haushoch überlegen gewonnen hatte. 2 fast perfekte Läufe zauberte sie in den Schnee, hatte letztlich die Ewigkeit von 1,5 Sekunden Vorsprung auf die Zweite Camille Rast und sogar 1,71 auf die überglückliche Bronzene Anna Swenn-Larsson. Welch unfassbarer Druck auf ihr gelegen haben muss, zeigte sich nach der Zieldurchfahrt. Kein überschäumender Jubel, nur grenzenlose Erleichterung, dass sie es geschafft hat. Sie hätte niemanden mehr beweisen müssen, dass sie die mit Abstand beste Skifahrerin der Welt ist. Aber es lag ihr immens viel daran, selbst ihren Frieden, ihre Versöhnung  mit Olympia zu schließen – und das ging nach ihrer Vorstellung nur mit der verdammten Goldmedaille; immerhin auch schon der dritten nach Slalom 2014 und Riesenslalom 2018.

Lena Dürr ließ es sich übrigens nicht nehmen, bei der Siegerehrung live vor Ort zu sein. Wo sich andere verkrochen hätten, gratulierte sie fair der Siegerin und den Platzierten. Die größte Tat überhaupt an diesem strahlenden Sonnentag, und ich nehme es Mikaela Shiffrin sofort ab, als sie sagte: „Ich hätte sie am liebsten umarmt.“

 

Ein Wort noch zu Emma Aicher, de zweiten aussichtsreichen Deutschen. Im ersten Durchgang war schien sie mir zu zaghaft, trotzdem lag sie als Achte noch in Schlagdistanz zu den Medaillen. Der Beginn des 2. Durchgangs war dann sehr verheißungsvoll, doch im flachen Teil, der ihr grundsätzlich nicht so gut liegt, scheute sie das letzte Risiko (ohne das es bei einem Slalom-Großereignis nicht geht) und fiel sogar noch um einen Platz zurück. Um das zu verdeutlichen: Die Laufbeste Paula Moltzan, die nach einem irren Fehler kurz vor Schluss des 1. Laufes nur 28. gewesen war, blieb satte 1,75 Sekunden vor Aicher. Diese wird allerdings mit den beiden Silbernen aus Abfahrt und Team (mit Kira Weidle) Cortina mehr als zufrieden verlassen, zumal sie mit 22 Jahren noch immer am Anfang ihrer verheißungsvollen Karriere steht.

 

Franzi Preuß und das Murmeltierschießen

 

Ganz schlau wollte es die deutschen Trainer machen, (ver)steckten Franziska Preuß als zweite Läuferin in die Staffel. Die nachvollziehbare Übetlegung: Dort hätte sie im letzten Schießen nicht mehr die Verantwortung wie als Schlussläuferin. Schön gedacht, doch die Praxis sah dann so aus, dass Preuß wie gehabt zwar das Liegendschießen fehlerlos absolvierte, doch den Stehendanschlag eben nicht – das Murmeltier grüßte hämisch. Sie verpasste den dritten Schuss und den fünften, und auch die drei Nachlader reichten nicht, dass sie eine Strafrunde vemeiden konnte. Damit verlor das deutsche Team nicht nur die Führung, sondern auch jeglichen Kontakt zu den Medaillenrängen, den auch Janina Hettich-Walz und die vorzügliche Vanessa Voigt nicht mehr herstellen konnten. Wie die Männer landeten die Frauen nur auf Platz 4, zum ersten Mal seit 1992, seit nämlich auch die Frauen im olympischen Programm sind, blieben beide deutsche Staffeln ohne Medaille, das Bronze im Mixed bleibt da nur schwacher Trost.
Den Sieg holten sich die Französinnen, obwohl deren Startläuferin Camille Bened in die Strafrunde (wie bei den Männern Fabien Claude). Aber Lou Jeanmonnot egalisierte den Rückstand, und Oceane Michelon und die unfassbare Schützin Julia Simon (insgesamt für beide Schießübungen nur unwirkliche 38 Sekunden) brachten den Sieg souverän nach Hause – vor Schweden und Norwegen. Den Team-Aufstellern wird ein Felsbrocken vom Herzen gefallen sein, hatten sie doch Top-Läuferin Justine Braisaz-Bouchet außen vor gelassen zu Gunsten von Bened. Für Frankreich ist das schon das fünfte Biathlon-Gold, zwei Massenstarts (Männer und Frauen) stehen noch aus.

 

Olympia-Aus und viele Fragen für die Eishackler

 

Das beste deutsche Team aller Zeiten, hieß es überall vor dem Eishockey-Turnier, nachdem feststand, dass Leon Draisaitl, Tim Stützle und 7 weitere NHL-Stars die Mannschaft verstärken würden. Was extrem ambitioniert klang angesichts des Olympia-Silbers von 2018 und dem WM-Silber 2023, allerdings eben ohne die ganz großen Superstars. Um es übertrieben böse zu sagen: Dass Draisaitl die deutsche Fahne unfallfrei bei der Eröffnungsfeier trug, war die größte Leistung der deutschen Eishackler. Das deprimierende 2:6 im Viertelfinale gegen die Slowakei war nur der traurige Höhepunkt eines Turniers, das niemand als Erfolg verbuchen darf, trotz der Siege gegen Dänemark und Frankreich. Nie trat da ein Team auf, nie hatte ich das Gefühl, dass da eine Einheit auf dem Eis stand. Trainer Harold Kreis schien völlig überfordert, die NHL-Spieler einerseits und die DEL-Profis andrerseits zusammenzubringen. Misstöne waren zu hören, Beschwerden über zu viel Eiszeit der NHL-Stars und die Begründung des Sportdirektors, die besten müssten halt länger spielen. Mag richtig sein, aber am Ende wirkte gerade ein Draisaitl völlig überspielt, auch weil er als klar bester Spieler ständiger Attacken der gegnerischen Verteidigungen ausgesetzt war.
Eis durch und durch missglücktes Turnier also: auch weil die Deutschen plötzlich glaubten, mitspielen zu müssen. Nicht mehr das Verteidigen war im Fokus, sondern das schöne Spiel, das andere Nationen aber so viel besser beherrschen. Noch nicht mal der vermeintlich einfachere Gegner Slowakei (im Gegensatz zu Kanada und USA nur ein Leichtgewicht) verhalf zu jener Euphorie, die etwa das Sensationssilber von Pyeonchang (und fast das Gold, seufz) möglich gemacht hatte.

So blieb das erhoffte Halbfinale Utopie. Dort treffen Kanada auf Finnland (beide jeweils erst nach Verlängerung siegreich über Tschechien respektive Schweiz) und die Slowakei auf die USA (3:2 n. V. gegen Schweden).

 

Mit purer Willenskraft zu Langlauf-Bronze

 

Coletta Rydzek hatte bei ihrer Schlussrunde im Langlauf-Teamssprint genau ein Ziel. Wenigstens die norwegische Kontrahentin Julie Bjervig Drivenes hinter sich lassen und Bronze sichern hinter den enteilten Schwedinnen und, ich staunte, Schweizerinnen. Auf der Zielgeraden mobilisierte sie alle Kräfte („Ich kann unglaubliche Gewichte stemmen“), und am Ende hatte sie mit ihrer  Kollegin Laura Gimmler doch noch die erhoffte Langlauf-Medaille fürs deutsche Team gesichert. Einer der sich am Pistenrand die Kehle heiser schrie, war ihr Bruder Johannes Rydzek, der tags darauf für die deutschen Kombinierer für den Team-Wettbewerb gemeldet war (nach Redaktionsschluss).

Bei den Männern siegte Norwegen, und Schlussläufer Johannes Klaebo holte sein insgesamt 10. Olympia-Gold. Sonderlich anzustrengt schienen er und sein Partner Einar Hedegart nicht zu haben, um die USA und Italien zu distanzieren.