Zugegeben, das klingt dramatischer, als es letztlich war. Aber ein friedlicher Kehraus war das Saisonfinale der alpinen Skifahrerinnen in Hafjell auch nicht. Zumindest zur Halbzeit des letzten Rennens war es weit mehr als blanke Theorie, dass Emma Aicher der US-Amerikanerin die Kugel noch entreißen könnte.
Die Ausgangsposition war klar: Um den Gesamtweltcup zu gewinnen, musste Emma Aicher den Riesenslalom gewinnen, und Shiffrin durfte keine Punkte einfahren, also nicht unter die besten 15 kommen. Zur Pause war Aicher Dritte, durchaus in Schlagdistanz zur sensationell Führenden Valerie Grenier (die letztlich das Rennen gewann, eine wunderschöne Geschichte für sich). Shiffrin lag nach einer verpatzten Fahrt nur auf Rang 17.
Der Rest ist dann doch recht schnell erzählt, Shiffrin riss sich im 2. Lauf halbwegs zusammen, machte die nötigen Plätze gut. Ihr Triumph stand schon fest, als Aicher als Drittletzte aus dem Starthäuschen fuhr. Mit einem typischen Aicher-Fehler vergab die Deutsche dann alle Siegchancen, fiel sogar noch hinter Shiffrin auf Rang 12 zurück. Um 2 Hundertstelsekunden, und das wiederum war passend zur Saison. Wie oft scheiterte die 22-Jährige um Zeit-Winzigkeiten: Fünf Hundertstel fehlten bei Olympia zu Abfahrtsgold, vier Hundertstel fehlten zu Teamkombi-Gold, eine Hundertstel fehlte zu einem Sieg in Val di Fassa etc. etc. Es war, als wolle sich das Schicksal einen Scherz mit der Deutschen erlauben.
Für die blieb Platz 2 im Gesamtweltcup, gleichzeitig allerdings auch die verfestigte Erkenntnis: Wenn Emma Aicher in ihrer Entwickung auch nur ansatzweise so weitermacht wie in diesem Winter und sie zudem von Verletzungen verschont bleibt, dann ist der Triumph im Gesamtweltcup nur noch eine Frage der Zeit. Als einzige Alpine weit und breit kann sie in allen vier Disziplinen in die Top 5 fahren, mindestens. In dieser Saison ist ihr endlich auch im Riesenslalom der Knopf aufgegangen. Dass sie sich in diesem Winter noch mit Rang 2 begnügen musste (ein unglaublich toller Erfolg ohne Wenn und Aber), lag einzig und allein an einer im Slalom außerirdisch gut fahrenden Shiffrin, die sich in dieser Disziplin sogar selbst übertraf. 9 von 10 Rennen gewann sie, im 10. wurde sie Zweite hinter Camille Rast. Macht 980 Punkte von insgesamt 1410. Vielseitigkeit – das soll der Gesamtweltcup eigentlich belohnen – klingt irgendwie anders. Vielseitigkeit, die Shiffrin in vergangenen Wint4ern auch schon gezeigt hat, aber nach einem schweren Sturz wagt sie sich nicht mehr an die ganz schnellen Fahrten – wozu auch?
Kristallkugeln an McGrath und Braathen
Die finalen Technik-Wettbewerbe in Hafjell brauchten auch die letzten Entscheidungen um die Disziuplin-Wertungen. Im Riesenslalom entthonte Olympiasieger Lucas Braathen den Domnator der vergangenen Jahre, Marco Odermatt, der mit einem frühen Ausfall alle Chancen verlor. Die nächste Enttäuschung für den Schweizer, der in Bormio ohne Olympiasieg geblieben war. Bevor wir in Tränen des Mitleids ausbrechen: Odermatt bleibt der überlegene Triumph im Gesamtweltcup, im Abfahrtsweltcup und im Super-G-Weltcup.
Im Slalom hatte Braathens bester Freund Atle Lee McGrath die Nase vorn, dem im abschließenden Lauf ein achter Rang genügte. Einen Saison-Abschluss nach Maß feierte in seiner norwegischen Heimat Timon Haugan, der sich vor Loic Meillard aus der Schweiz und dem finnischen Aufsteiger Eduard Hallberg durchsetzte. Es war ein schweres Jahr für Haugen, der wegen einer äußerst schmerzhaften Schulterverletzung zeitweise wenig bis überhaupt nicht trainieren konnte.
Überblick der Sieger
Damit ist die internationale Saison beendet. Was auffällt. Nur 2 Olympiasieger, Mikaela Shiffrin im Slalom und Lucas Braathen im Riesenslalom, konnten sich auch die kleine Kristallkugel im Disziplinen-Weltcup sichern.
Olympiasieg Weltcupsieg
Männer
Gesamt: – Odermatt
Abfahrt van Allmen Odermatt
Super-G van Allmen Odermatt
Riesenslalom Braathen Braathen
Slalom Meillard McGrath
Frauen
Gesamt – Shiffrin
Abfahrt Johnson Pirovano
Super-G Brignone Goggia
Riesenslalom Brignone Scheib
Slalom Shiffrin Shiffrin
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