Australian Open, 3. Runde
Jannik Sinner sah aus wie ein lebender Leichnam. Völlig apathisch lehnte er seiner Partie gegen den erstaunlichen Amerikaner Eliot Spizzirri an der Werbebande der Rod-Laver-Arena, beim Stand von 1:3 im 3. Satz nicht willens und offenbar auch unfähig, in der mörderischen Hitze von Melbourne auch nur einen weiteren Ballwechsel bestreiten zu können. Signale in die Spieler-Box: Soll ich aufgeben? Ratlosigkeit bei den Betreuern, was zu tun ist. Eine medizinische Auszeit war nicht mehr möglich, die hatte Sinner schon beansprucht. Und dann die Ansage des Stuhlschiedsrichters: „Play is suspended“ (Spiel ist unterbrochen). Ein Rettungsreifen, in dieser speziellen Situationin etwa so wahrscheinlich wie der für einen Schiffbrüchigen auf hoher See nach 2 Tagen.
Aber tatsächlich wahr: Es gab wegen der unerträglichen Hitze tatsächlich eine Pause, damit sie endlich das schützende Dach über die Rod-Laver-Arena zuziehen konnten. Diese reichte Sinner (samt dem einen oder anderen Mittelchen in der Kabine, vielleicht sogar vom berüchtigten Doping-Masseur): Merklich erholt kam der Italiener wieder auf den Platz und siegte doch noch in 4 Sätzen. Der Titelverteidiger war dem Aus gerade noch von der Schippe gesprungen.
Dass es zu einer Unterbrechung kommen würde, war angesichts der unzumutbaren Bedingungen nur eine Frage der Zeit. Die Organisatoren hatten dies schon tags zuvor und noch mal am Vormittag angekündigt und auch klare Regeln, wann das der Fall sein würde. Warum sie trotz der erwarteten Temperaturen von 40 Grad die Partien ohne Dach beginnen ließen, wird ihr Geheimnis bleiben. Doch der Zeitpunkt der Unterbrechung irritiert mich enorm – und entsprach meines Erachtens eben nicht den selbst aufgestellten Regeln. Normalerweise werden Wetterunterbrechungen wegen Hitze und (viel öfter) Regens direkt nach Ende eines Games verkündet, doch dies unterließ der Schiedsrichter. Erst als Sinner für alle ersichtlich sich als nicht mehr spielfähig zeigte, kam es zur Unterbrechung. Von „Lex Sinner“ muss da leider die Rede sein. Dass die Organisatoren unter keinen Umständen den zweimaligen Champion und Titelverteidiger wegen einer Aufgabe aus dem Turnier verlieren wollten. Die sie selbst verschuldet hätten, weil sie die Partie bei offenem Dach begonnen ließen. Das „lex Sinner“ lässt sich auch daraus schließen, dass die Partien auf den anderen Plätzen (wo es nicht weniger heißt war) erst 5 Minuten danach unterbrochen wurden. 5 Minuten, die Sinner allem Anschein nach nicht mehr hätte auf dem Platz stehen können. Der ja bekanntermaßen, mit Hitze nicht so gut zurechtkommt wie andere Profis. Ich wage die nicht sehr waghalsige Behauptung: Wären die Zeichen umgekehrt gewesen, und der Außenseiter Spizzirri wäre dermaßen in den Seilen gehangen, nie im Leben hätte es diese Unterbrechung zu diesem gegeben. „Quod licet Jovi, non licet bovi“, das wussten schon die alten Römer.
Turnier der Favoriten …
Sinner bleibt dem Turnier also erhalten, und wir dürfen davon ausgehen, dass er bis zu seiner nächsten Partie am Montag gegen seinen Landsmann Luciano Darderi wieder voll bei Kräften ist. Damit steht fest, dass es im Achtelfinale nur noch gesetzte Spieler gibt, von den Top 8 ist tatsächlich nur der Kanadier Felix Auger-Alliasime raus, den erwischte es schon in der 1. Runde wegen einer Verletzung. Eine solche Dominanz der Etablierten hat es meines Wissens noch nie gegeben. Der junge US-Amerikaner Leander Tien ist als Nummer 25 der am schlechtesten klassierte Profi in der Runde der besten 16. Für mich ist es Turnier-Sensation, dass es eben keine Überraschungen gegeben hat. die
Auch die beiden Oldies mit voller sentimentaler Unterstützung haben es nicht geschafft: Stan Wawrinka (gegen Taylor Fritz) und Marin Cilic (Casper Ruud) wehrten scih zwar nach (schwindenden) Kräften, mussten sich aber jeweils in 4 Sätzen beugen. Im besten Spiel des bisherigen Turnierverlaufs setzte sich der Italiener Lorenzo Musetti gegen den so starken Tomas Machac aus Tschechien nach 5 dramatischen Sätzen und vierteinhalbstunden Hitzekampf durch.
Geradezu Spaziergänge legte Altmeister Novak Djokovic hin, der nach 3 Partien noch ohne Satzverlust ist und sehr viele Kräfte sparen konnte. Die wird er brauchen, wahrscheinlich schon am Montag gegen den tschechischen Himmelstürmer Jakob Mensik.
Alexander Zverev hielt die deutsche Fahne hoch. Er gab zwar auch gegen Cameron Norris einen Satz ab, doch zeigte er eine klar verbesserte Vorhand, die er gegen den äußerst unangenehmen Argentinier Francisco Cerundolo auch brauchen wird. Die Partie findet am australischen Abend statt (morgen 9 Uhr MEZ), und auch die Hitze soll sich zumindest für Sonntag und Montag wieder verziehen. Eine Glatze will sich Zverev schneiden lassen – für den Fall dass er die nächste Runde erreicht das Turnier gewinnt.
Achtelfinale, Männer
So.: Alcáraz – Paul
So.: De Minaur – Bublik (mein Must see : Lokalmatador vs Zauberer)
So.: Zverev – Cerundolo
So.: Medwedew – Tien
Mo.: Musetti – Fritz
Mo.: Djokovic – Mensik
Mo.: Shelton – Ruud
Mo.: Sinner – Darderi
… und der Favoritinnen
Auch hier haben 7 der Top 8 das Achtelfinale erreicht, auch hier erwischte es die Nummer 7: nämlich die Italienerin Jasmine Paolini, und das kam gegen das US-Supertalent Iva Jovic nicht besonders überraschend. Iga Swiatek (Nr. 2) hatte zwar gegen die Russin Anna Kalinskaya einen Aussetzer-Satz, gewann aber mit 6:1, 1:6 und 6:1. Gewisse Mühe hate auch Aryna Sabalenka (Nr. 1) gegen die Neu-Österreicherin Anastasia Potapova, als sie zweimal einen Tiebreak benötigte.
Immerhin sind bei den Frauen noch 2 Ungesetzte im Wettbewerb: die Chinesin Wang Zin, die Kasachin Julia Putintsewa und die Sensations-Qualifikantin Maddison Inglis, die vom Nichtantreten der exzentrischen Japanerin Naomi Osaka (Bauchmuskelzerrung) profitierte. Dagegen erlebten die von mir noch so gelobten Tschechinnen einen schwarzen Samstag: 4 traten an, 4 schieden mehr oder weniger sang- und klanglos ohne Satzgewinn aus. So bleibt die wunderbar-vielseitige Karolina Muchova die letzte Verbliebene nach ihrem Freitag-Erfolg gegen die Polin Linette.
Achtelfinale Frauen
So.: Sabalenka – Mboko
So.: Jovic – Putintseva
So.: Gauff – Muchova
So.: Andreewa – Svitolina (Russin vs Ukrainerin, das wird sehr herzlich)
Mo.: Keys/TV – Pegula
Mo.: Anisimova – Wang
Mo.: Rybakina – Mertens
Mo.: Swiatek – Inglis
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