Das war die Woche, die war

Trainer-Rauswurf in Wolfsburg, Aicher-Blackout im Fassa-Tal, Mercedes-Triumph in Australien.

 

Den Wölfen bleibt nur Heulen und Zähneklappern

 

Der fast unaufhaltsame Abstieg des VfL Wolfsburg geht weiter. Nach dem eher erbärmlichen 1:2 gegen den Hambuger SV zogen die VW-Verantwortlichen (naja in Wirklichkeit sinds hoffentlich doch noch die Club-Oberen) erneut die Notbremse und feuerten Trainer Daniel Bauer. Außerdem schic kten sie den komplett überforderten Peter Christensen in die Wüste – ein Schritt, den Wohlmeinende mit dem Club (die gibts tatsächlich) schon viel früher getan hätten. Wenn nämlich jemand den durch und durch missratenen Kader (trotz der VW-Fantastilliarden) zu verantworten hat, dann der Sportdirektor.
Jetzt soll ein guter Bekannter helfen: Dieter Hecking, der erklärte Feuerwehrmann der Liga. Den VfL führte er 2015 zum Pokalsieg, ich war damals live vor Ort im Berliner Olympiastadion und später bei der Pk, als er stolz die „King“-Kappe aufsetzte, die seine Kinder für ihn gebastelt/gekauft hatten. Die Kinder sind jetzt junge Erwachsene, und die Situation beim VfL nicht mehr annähernd fröhlich-heiter, sondern vielleicht so bedrohlich wie noch nie in mittlerweile 29 Jahren Bundesliga-Zeit. Ich gönne ja niemanden den Abstieg (als leidgeprüfter Löwen-Fan weiß ich, wie weh dann noch Häme tut), aber wenn der VfL nicht mehr in der Bundesliga wäre, ihr würde wenig bis nix fehlen.
4 Punkte Rückstand sind es jetzt schon auf den Relegationsplatz 16, das Unterfangen wird extrem knackig.

 

Aicher top – Aicher nachlässig

 

3 Speedrennen waren fürs Wochenende im Val d Fassa angesetzt. Für Emma Aicher begann es fast perfekt, als sie sie in der 1. Abfahrt Zweite wurde, nur um eine Hundertstelsekunde geschlagen von der Italienerin Laura Pirovano, die ihren ersten Weltcupsieg überhaupt landete.
Doch Aichers Aufhol- und Punktejagd wurde jäh aufgehalten, vielmehr stoppte sie selbst. Nämlich durch einen eklatanten Fehler in der 2 Abfahrt, durch den sie nur Rang 12 belegte. Noch ärger erging es ihr im Super-G am Sonntag. Ein Tor offenbar hatte sie (mal wieder) offenbar völlig falsch besichtigt, und die 22-Jährige schied aus. Ein typischer Aicher-Fehler. So nonchalant-lässig und trotzdem schnell sie die Pisten herunterfährt, als würde sie einen besseren Trainingslauf absolvieren, so täppisch wirken ihre Torfehler. In drei Super-Gs ereilte sie in diesem Jahr dieses Schicksal; Dreimal dachte ich: Das kann doch gar nicht wahr sein, hier rauszufliegen.
Die durchaus vorhandenen Chancen auf den Gesamtweltcup haben sich damit so gut wie zerschlagen. Niemand wird darob glücklicher sein als Mikaela Shiffrin. Die US-Amerikanerin war schon sichtlich nervös geworden, traute sich mit zittrigen Knien auf die Super-G-Strecke und belegte Rang 23 (wir reden von der mit Abstand besten Skifahrerin der Welt). Wenn nicht alles verrückt spielt (und sie nächste Woche in einem Slalom rausfliegt), bleibt ihr diese Mutprobe beim Weltcup-Finale in zwei Wochen erspart.
Noch ein Wort zu Pirovano. Sie gewann auch die 2. Abfahrt am Samstag, wieder mit nur einem Hunderstel Vrorsprung – diesmal auf die Österreicherin Conni Hütter. 2 Siege auf derselben Abfahrt an 2 nachfolgenden Tagen mit jeweils nur einem Hundertstel Vorsprung: Ich wüsste nicht, dass es so etwas schon mal gegeben hat. Die italienischen Festspiele im Val di Fassa rundete dann Elena Curtoni mit ihrem Sieg beim Super-G ab.

 

Bei den Männern beschloss das Schicksal, Atle McGrath für den verpasssten Olympiasieg zu entschädigen. Der Norweger, noch einsam im Wald irgendwo bei Bormio nach dem Aus im 2. Duchgang, gewann den Slalom von Kranjska Gora. Zu sagen, es sei ein Hundertstelkrimi gewesen, wäre die Untertreibung des Jahres. McGrath siegte also mit einem Hundertstel vor Landsmann Henrik Kristoffersen. Sein Vorsprung auf den Dritten Lucas Braathen betrug 4/100 Sekunden. Es folgten der Vierte Michael Mat (0.06) und der Münchner Skilöwe Linus Straßer, der als Fünfter gerade mal 9/100 Sekunden Rückstand hatte. Nicht einmal ein Zehntel fehlte also zum Sieg, und deswegen war Straßer auch trotz des verpassten Podestplatzes zufrieden. McGrath aber führt jetzt relativ klar im Slalom-Weltcup; der wäre mehr als ein Ersatz für den verpassten Olympiasieg.

 

Mercedesse bestätigen Favoritenrolle

 

Es herrschte viel Spannung vor dem ersten Formel-1-Lauf in Melbourne. Würde das neue Reglement auch im Rennen klappen? Können die Fahrer überholen? Können sie vielleicht zu leicht überholen? Halten die Boliden? Funktioniert das Energie-Management?
Nach dem ersten Rennen ist es für ein abschließendes Urteil  natürlich noch viel zu früh, aber ich denke, er gibt Grund zum vorsichtigen Optimismus. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Gerade die ersten Runden, als sich George Russel im Mercedes und Charles Leclerc (Ferrari) mehrmals einander überholten, waren sehr unterhaltsam und eine gute Show. Nachdenklich stimmt allerdings die derzeitige Überlegenheit von Mercedes. Am Ende hatte der Brite Russell die Nase klar vorn vor seinem Teamgefährten Kimi Antonelli, den auch ein total verpatzter Start nicht aus der Bahn warf.
Zweite Kraft scheint tatsächlich Ferrari zu sein. Inwieweit außerdem der Ausnahmefahrer Max Verstappen eine ermeinltiche oder tatsächliche Unterlegenheit seines Red Bulls kompensieren kann, ist eine der vielen Unwägbarkeiten. Nachdem er sein Auto im Qualifying nach einem Defekt an die Wand geworfen hat (im Wortsinn), startete er im Rennen von ganz hinten eine Aufholjagd. Doch diese endete schon auf Rang 6, konnte oder wollte Verstappen nicht mehr, lautete eine der großen Fragen, auf die es noch keine Antwort gibt.
Ein mehr als solides Debüt feierte Audi. Gabriel Bortolotto ergatterte gleich im ersten Rennen als Neunter Punkte für die Ingolstädter. Die Basis von Sauber, dessen Rennstall Audi übernommen hat, scheint gut genug (fast hätte ich geschrieben: sauber genug, aber wer braucht schon Wortwitze?) für weitere Punktefahrten, dann auch für Nico Hülkenberg.

Der 2. Lauf findet schon am kommenden Sonntag in China statt.

 

Und sonst?

 

  • Aufruhr in Köln. Nämlich durch den Stadionsprecher Michael Trippel, der mehrmals unangenehm auffiel, als er vermeintliche Fehlentscheidungen abfällig kommentierte gegen den heimischen FC und für Borussia Dortmund (Pfui! Widerlich!“). Ein absolutes NoGo! Extrem parteiische Stadionsprecher, die sich eher als Heim-Einpeitscher denn als seriöse Informierer verstehen, sind ohnehin zunehmend eine Plage, aber Trippel hat den Bogen eindeutig überspannt. Das fanden auch die zumindest nach außen hin peinlich-berührten Kölner Vereins-Oberen. Niemand verlangt absolute Neutraltät, aber den ohnehin sehr geforderten Schiri derart in den Senkel zu stellen nach zwar umstrittenen, aber keineswegs komplett falschen Entscheidungen, das geht überhaupt nicht.
  • Biathlon: Was war das denn? Sonne in Kontiolahti? Schöner, weiß-glitzernder Schnee und auch noch Zuschauem? Wo war die uns vertraute finnische Trostlosigkeit, wenn der Biathlon-Weltcup im Dezember im grauen, nassen Nebel auf einer notdürftig präparierten Kunstschee-Loipe vor einem Zuschauer-Nirwana die Rennen absolvierte?
    Inspiriert von diesen herrlichen Bedingungen waren jedenfalls die Sportler, die sich beim ersten Treff nach Olympia engagiert ins Zeug legten. Mit Ergebnissen, die einem irgendwie bekannt vorkamen, denn vorne waren wie gehabt hauptsächlich ausschließllich Franzosen, Norweger und Schweden, „Innen“ inkludiert, so viel Frauentag muss sein.
    Um genau zu sein: Bei den Männern siegten Eric Perrot (Frankreich/Einzel), die norwegische Staffel und Sture Lagreid (Norwegen/Massenstart/), bei den Frauen die schwedische Staffel, Julia Simon (Frankreich/Massenstart) und Elvira Öberg (Schweden/Einzel). Wenn ichs richtig sehe, sprengte nur die slowakische Dritte Paulina Fialkova im Einzel die Podest-Bastion der drei großen Nationen, und diese wird nach der Saison die Karriere beenden …
  • Hoffen mit Sechzig: Aufstieg? Ernsthafte Chancen?? Noch im März??? Nach dieser Saison???? Das Schicksal treibt ein böses Spiel mit mir, lässt mich Löwen-Fan vom Aufstieg träumen (so sweet dreams). Nach 5 Siegen in Folge nur noch 3 Punkte Rückstand auf Rang 3 und die Relegation. Schön ist es nicht, wie die Löwen spielen, aber erfolgreich. Nächsten Samstag folgt ein Heimspiel gegen Wehen-Wiesbaden, ich schreib nix dazu, Angst vorm Jinx … (und dem erfahrungsgemäßen Rückschlag).

Das war die Woche, die war

Olympia-Nachwehen im Wintersport und natürlich Fußball.

 

Dortmunds Abgesang für diese Saison

 

Champions-League-Aus und das Ende der (eh nur geringen) Meisterschaftsträume. Borussia Dortmund erlebte eine Woche zum Vergessen. Insbesondere das 1:4 bei Atalanta Bergamo (nach 2:0 im Hinspiel) hallt bestimmt noch eine Weile nach, nicht nur, weil die fest eingeplanten Achtelfinal-Einnahmen in Höhe von 11 Millionen Euronen plus ausverkauftem Wetfalenstadion jetzt fehlen. Der insgesamt desaströse Auftritt zeigte, dass es dem BVB an allem fehlt, was eine echte europäische Spitzenmannschaft ausmacht. Die Einstellung war vielleicht sogar noch in Ordnung, die fehlende Klasse eines Bensebaini oder Can oder Guirassy oder Beier erschütternd. Atalanta ist sicher ein sehr gutes Team, aber doch nach dem Europa-League-Triumph von 2024 arg gerupft. Zuletzt verließ Lookman, der dreifache Torschütze im Finale gegen Bayer Leverkusen, den Verein in Richtung Atlético Madrid. In der Serie A sind die Bergamasken gerade mal Siebter, die erneute Qualifikation für die Champions League scheint schon außer Reichweite.

Doch gegen Dortmund drehten sie den 0:2-Rückstand aus dem Hinspiel. Fast problemlos, wie es schien. Die haarsträubenden Abwehrfehler des BVB taten das Übrige, und das absurde Zustandekommen des letztlich entscheidenden Elfmeters in der letzten Minute der Nachspielzeit darf als Blaupause eines für die absolute Spitze nicht wettbewerbsfähigen Kaders herangenommen werden. Ein völlig sinnloser Chip von Schlussmann Gregor Kobel in die Füße eines Italieners, und eine noch sinnlosere KungFu-Grätsche von Benebaini im Strafraum führten zum Strafstoß und dem Knock out.

Am Samstag folgte zwar ein sehr ansehnliches Spiel gegen den Branchenprimus FC Bayern, am Ende aber siegten die Münchner nach dem munteren und von beiden Seiten sehr engagiert geführten Schlagabtausch mit 3:2 und entschieden die Meisterschaft. Nein, noch nicht rechnerisch, aber angesichts von 11 Punkten Vorsprung und dem uneinholbar besseren Torverhätlnis hat  kein vernünftiger Mensch noch Zweifel am Titel.

Für die Dortmunder ist die Saison damit faktisch beendet: International sind sie nicht mehr vertreten, im Pokal ebenfalls ausgeschieden. Meister können sie nicht mehr werden, aus den Champions-League-Plätzen können sie angesichts von 8 Punkten Vorspurng auf Platz 5 auch nur noch in der Theorie fallen. Bleiben also nur das Pseudo-Ziel Platz 2 (klar, etwas höhere Prämien und ansehen) und für die Nationalmannschafts-Aspiranten zehn Partien zum Vorspielen, damit sie  Julian Nagelsmann erwählt. Ein Kriterium des Bundestrainers dabei: jedes Tor frenetisch bejubeln.

Atalanta jetzt gegen Bayern

Für insgesamt 5 deutsche Teams geht es ab nächster Woche international weiter. Das mögliche deutsche Duell in der Champions League fällt aus, denn die Losfee bescherte dem FC Bayern Dortmund-Bezwinger Atalanta und Bayer Leverkusen bekommt es mit dem FC Arsenal zu tun, eine wahthaft herkulische Aufgabe für die Werkself gegen den englischen Tabellenführer.
In der Europa League qualifizierte sich der VfB Stuttgart fürs Achtelfinale und trifft dort auf den FC Porto (mehr klingender Name als wirklich formstark). Der zuvor schon gesetzte SC Freiburg bekommt es mit dem belgischen Vertreter KRC Genk zu tun.
Der FSV Mainz schließlich ist in der Conference League noch dabei: Der Achtelfinal-Gegner heißt Sigma Olmütz aus Tschechien. Klingt machbar, die zwei Partien sind aber doch störend im Abstiegskampf.

 

Emma Aicher auf Punktejagd

 

Die zweifache Silbermedaillengewinnerin kam mit reicher „Beute“ zurück von den Rennen in Soldeu/Andorra. In der Abfahrt wurde sie Fünfte, einen Super-G gewann sie und in einem wurde sie Zweite. Macht insgesamt satte 225 Zähler. Damit halbierte sie den Rückstand auf die Weltcup-Führende Mikaela Shiffrin, die Speedrennen in dieser Saison fast ausschließlich auslässt. Jetzt beträgt der Rückstand auf die Slalom-Olympiasiegerin „nur“ noch 219 Punkte, am nächsten Wochenende stehen im Val die Fassa noch mal 3 Speedrennen an (offenbar wieder ohne Shiffrin), in denen Emma Aicher weiter aufholen (sogar überholen?) kann. Etwaige Hochrechnungen sind noch zu früh, aber mir kann niemand erzählen, dass sie nicht von der Deutschen selbst angestellt werden …
Gerade bei ihrem Sieg am Samstag zeigte Aicher ihr unfassbares Skigefühl und ließ der Konkurrenz nicht den Hauch eine Chance. Warum nicht bei Olympia?, schoss es mir durch den Kopf, dann hätte sie auch noch eine Goldene um den Hals hängen.

 

Und sonst?

 

  • Aufstand im Bundesliga-Keller: St. Pauli schien schon abgeschlagen, jetzt landeten die Hamburger bei Bayer Levekusen 1899 Hoffenheim einen 1:0-Überraschungssieg und verließen die Abstiegsränge. Auch Werder Bremen siegte nach zuvor 13 Partien ohne vollen Erfolg. Ob das mühsame 2:0 gegen das abgeschlagene Heidenheim (damit wohl sicherer Absteiger) wirklich die Kehrtwende ist, wird sich zeigen. Trübe schaut es mittlerweile für den VfL Wolfsburg aus (nicht dass ich und der gemeine Fußballfan darüber besonders unglücklich wären). Trotz des deprimierenden 0:4 beim VfB Stuttgart und dem Absturz auf Rang 17 halten die Vverantwortlichen (die wahren Schuldigen an diesem Desaster!) an Trainer Daniel Bauer fest, die Partie nächsten Samstag gegen den HSV dürfte aber die letzte Chance des Cheftrainers sein, der erst im November im Amt ist.
  • Hanfmanns Erfolgslauf: Der deutsche Tennisprofi kann auf eine sehr erfreuliche Woche in Santiago zurückblicken. Beim Turnier in der chilenischen Hauptstadt wurde er erst im Finale von einem sehr gut aufspielenden Darderi gestoppt. zuvor hatte er völlig überraschend den Argentinier Francisco Cerundolo aus dem Turnier genommen.
    Weniger gut lief es für Alexander Zverev. Beim Turnier in Acapulco war schon in der 2. Runde Schluss, der Serbe Kecmanovic erwies sich als zu stark. Den Sieg im mexikanischen Urlaubsort (fernab der Anschläge) sicherte sich mit Cobolli ein weiterer Italiener.
    Weitere Turniererfolge in dieser Woche feierten die Frauen Peyton Stearns (Austin) und Cristina Bucsa (Merida) sowie Daniil Medwedew in Dubai.
  • Die Flugshow des Domen Prevc: Olympia verlief für den Slowenen nicht nach Wunsch, trotz der Goldmedaille im Mixed-Teamspringen. Auf der Flugschanze am Kulm zeigte er wieder seine Ausnahmeklasse. Er gewann am Wochenende beide Tageswertungen und stellte mit 245,5 Metern einen neuen Schanzenrekord auf
    Apropos Kulm: Erstmals durften auch Kombinierer auf eine Flugschanze. Johannes Lamparter  nutzte die Gelegenheit und segelte auf 235 Meter. Allerdings musste er mit den Händen in den Schnee greifen (Volksmund: er rodelte), es wurden also viele Wertungspunkte abgezogen. Den Sieg in der Kombination schnappte ihn deshalb im Langlauf noch Ilkka Herola weg. Der finnische Aufschwúng bei den Kombinierern (3 Olympia-Meaillen) fand also eine würdige Fortsetzung.

Molympico Giorno

Das Drama der Lena Dürr

 

Verzweiflung, leerer Blick. Da stand Lena Dürr mit dem herrlichen Panorama der Dolomiten im Hintergrund. Doch die Gedanken kreisten nur um das Unfassbare, was geschehen war.

Ein fantastischer 1. Durchgang war Lena Dürr gelungen, zweitbeste Zeit hinter der außerirdischen Mikaela Shiffrin. Als Vorletzte stand sie vorm 2. Lauf im Starthäuschen, wohlwissend, dass jetzt die Olympiamedaille und der größte Karriere-Triumph ganz nah waren. Noch mal ging sie alle kniffligen Passagen durch, eine letzte Konzentration, sie startete – und blieb noch vor dem 2. Tor stehen. Eingefädelt beim 1. Tor – das Aus. Entsetzen überall, bei mir, bei den Fans, bei den Fans unten im Ziel, sogar bei den Konkurrentinnen um die Medaillen. „Eine Katastrophe“, befand sie einigermaßen gefasst. Eine Erklärung hatte sie nicht, wie das geschehen konnte.

Die hatte niemand. Nur Erinnerungen, dass die Germeringerin nicht die Erste war, der ein solches Malheur unterlief. Markus Wasmeier fiel mir sofort ein, der als Mitfavorit im Super-G von Calgary 1988 am ersten Tor scheiterte. Oder Helmut Höflehner. Der Österreicher war 1991 klarer Favorit für die Abfahrt der Heim-WM in Saalbach und verhedderte sich schon beim Start derart katastrophal und nachhaltig, dass das Rennen de facto vorbei war. Austria weinte.

Das wird Lena Dürr nicht trösten, zumal sie „Wiederholungstäterin“ ist. 2022 war sie ebenfalls im Slalom auf dem besten Weg zu Gold mit bester Zwischenzeit, ehe sie kurz vorm Ziel durch eine Ungenauigkeit gar aus den Medaillenrängen fiel und danach bittere Tränen vergoss. Vor 3 Tagen hatte sie einen bemerkenswerten Riesenslalom abgeliefert, wiederum klar auf Medaillenkurs, ein böser Fehler kurz vorm Ende vernichtete alle Hoffnungen. Man muss jetzt kein ausgebildeter Psycologe sein, um zu konstatieren, dass all diese Missgeschicke und Unglückseligkeiten der Lena Dürr vor ihrem wichtigsten Lauf der Karriere im Kopf herumspukten. Wer aber zu viel nachdenkt, hat schon verloren.

Lena Dürr ist 34 Jahre alt, Cortina war höchstwahrscheinlich ihr letztes Olympia, vielleicht hängt sie noch ein Jahr dran mit der WM 2027 in Crans Montana. Der Katastrophenfehler ist also nicht wiedergutzumachen, das unterscheidet sie etwa von der jungen Schwedin Cornelia Öhlund, die ebenfalls aussichtsreich im 2. Durchgang ausfiel, aber mit ihren 20 Jahren mindestens noch zwei-, dreimal bei Olympia dabei sein wird. Lena Dürr wird ohne Medaille bleiben, und wir werden immer an ihr Missgeschick denken, wenn wieder ein Slalom ansteht. Wie an Wasi 1988. Der aber sein Malheur gutmachen konnte mit seinen beiden Triumphen 1994 in Lillehammer.

 

Mikaela Shiffrin überragend

 

Als überzeugter Shiffrin-Afficionao seit mehr als als ein Dutzend Jahren hatte ich kein gutes Gefühl. Denn die Amerikanerin und Olympia, das war zuletzt kein Match. In Peking startete sie gleich sechsmal, sechsmal blieb sie ohne Medaille, darunter mit mich und alle Skifans verstörenden Ausscheidern im Riesenslalom und Slalom. Sie, die nie ausfiel! Auch jetzt in Cortina verbaselte sie ihre erste Gold-Chance, als sie den Teamslalom komplett verbremste und nach Abfahrtsbestzeit ihrer Freundin Breezy Johnson auf Platz 4 zurückfiel.

Ich hätte mir keine Sorgen machen müssen. Die Shiffrin von Cortina war die überlegene Weltcup-Shiffrin, die in dieser Saison 7 von 8 Slaloms zum Teil haushoch überlegen gewonnen hatte. 2 fast perfekte Läufe zauberte sie in den Schnee, hatte letztlich die Ewigkeit von 1,5 Sekunden Vorsprung auf die Zweite Camille Rast und sogar 1,71 auf die überglückliche Bronzene Anna Swenn-Larsson. Welch unfassbarer Druck auf ihr gelegen haben muss, zeigte sich nach der Zieldurchfahrt. Kein überschäumender Jubel, nur grenzenlose Erleichterung, dass sie es geschafft hat. Sie hätte niemanden mehr beweisen müssen, dass sie die mit Abstand beste Skifahrerin der Welt ist. Aber es lag ihr immens viel daran, selbst ihren Frieden, ihre Versöhnung  mit Olympia zu schließen – und das ging nach ihrer Vorstellung nur mit der verdammten Goldmedaille; immerhin auch schon der dritten nach Slalom 2014 und Riesenslalom 2018.

Lena Dürr ließ es sich übrigens nicht nehmen, bei der Siegerehrung live vor Ort zu sein. Wo sich andere verkrochen hätten, gratulierte sie fair der Siegerin und den Platzierten. Die größte Tat überhaupt an diesem strahlenden Sonnentag, und ich nehme es Mikaela Shiffrin sofort ab, als sie sagte: „Ich hätte sie am liebsten umarmt.“

 

Ein Wort noch zu Emma Aicher, de zweiten aussichtsreichen Deutschen. Im ersten Durchgang war schien sie mir zu zaghaft, trotzdem lag sie als Achte noch in Schlagdistanz zu den Medaillen. Der Beginn des 2. Durchgangs war dann sehr verheißungsvoll, doch im flachen Teil, der ihr grundsätzlich nicht so gut liegt, scheute sie das letzte Risiko (ohne das es bei einem Slalom-Großereignis nicht geht) und fiel sogar noch um einen Platz zurück. Um das zu verdeutlichen: Die Laufbeste Paula Moltzan, die nach einem irren Fehler kurz vor Schluss des 1. Laufes nur 28. gewesen war, blieb satte 1,75 Sekunden vor Aicher. Diese wird allerdings mit den beiden Silbernen aus Abfahrt und Team (mit Kira Weidle) Cortina mehr als zufrieden verlassen, zumal sie mit 22 Jahren noch immer am Anfang ihrer verheißungsvollen Karriere steht.

 

Franzi Preuß und das Murmeltierschießen

 

Ganz schlau wollte es die deutschen Trainer machen, (ver)steckten Franziska Preuß als zweite Läuferin in die Staffel. Die nachvollziehbare Übetlegung: Dort hätte sie im letzten Schießen nicht mehr die Verantwortung wie als Schlussläuferin. Schön gedacht, doch die Praxis sah dann so aus, dass Preuß wie gehabt zwar das Liegendschießen fehlerlos absolvierte, doch den Stehendanschlag eben nicht – das Murmeltier grüßte hämisch. Sie verpasste den dritten Schuss und den fünften, und auch die drei Nachlader reichten nicht, dass sie eine Strafrunde vemeiden konnte. Damit verlor das deutsche Team nicht nur die Führung, sondern auch jeglichen Kontakt zu den Medaillenrängen, den auch Janina Hettich-Walz und die vorzügliche Vanessa Voigt nicht mehr herstellen konnten. Wie die Männer landeten die Frauen nur auf Platz 4, zum ersten Mal seit 1992, seit nämlich auch die Frauen im olympischen Programm sind, blieben beide deutsche Staffeln ohne Medaille, das Bronze im Mixed bleibt da nur schwacher Trost.
Den Sieg holten sich die Französinnen, obwohl deren Startläuferin Camille Bened in die Strafrunde (wie bei den Männern Fabien Claude). Aber Lou Jeanmonnot egalisierte den Rückstand, und Oceane Michelon und die unfassbare Schützin Julia Simon (insgesamt für beide Schießübungen nur unwirkliche 38 Sekunden) brachten den Sieg souverän nach Hause – vor Schweden und Norwegen. Den Team-Aufstellern wird ein Felsbrocken vom Herzen gefallen sein, hatten sie doch Top-Läuferin Justine Braisaz-Bouchet außen vor gelassen zu Gunsten von Bened. Für Frankreich ist das schon das fünfte Biathlon-Gold, zwei Massenstarts (Männer und Frauen) stehen noch aus.

 

Olympia-Aus und viele Fragen für die Eishackler

 

Das beste deutsche Team aller Zeiten, hieß es überall vor dem Eishockey-Turnier, nachdem feststand, dass Leon Draisaitl, Tim Stützle und 7 weitere NHL-Stars die Mannschaft verstärken würden. Was extrem ambitioniert klang angesichts des Olympia-Silbers von 2018 und dem WM-Silber 2023, allerdings eben ohne die ganz großen Superstars. Um es übertrieben böse zu sagen: Dass Draisaitl die deutsche Fahne unfallfrei bei der Eröffnungsfeier trug, war die größte Leistung der deutschen Eishackler. Das deprimierende 2:6 im Viertelfinale gegen die Slowakei war nur der traurige Höhepunkt eines Turniers, das niemand als Erfolg verbuchen darf, trotz der Siege gegen Dänemark und Frankreich. Nie trat da ein Team auf, nie hatte ich das Gefühl, dass da eine Einheit auf dem Eis stand. Trainer Harold Kreis schien völlig überfordert, die NHL-Spieler einerseits und die DEL-Profis andrerseits zusammenzubringen. Misstöne waren zu hören, Beschwerden über zu viel Eiszeit der NHL-Stars und die Begründung des Sportdirektors, die besten müssten halt länger spielen. Mag richtig sein, aber am Ende wirkte gerade ein Draisaitl völlig überspielt, auch weil er als klar bester Spieler ständiger Attacken der gegnerischen Verteidigungen ausgesetzt war.
Eis durch und durch missglücktes Turnier also: auch weil die Deutschen plötzlich glaubten, mitspielen zu müssen. Nicht mehr das Verteidigen war im Fokus, sondern das schöne Spiel, das andere Nationen aber so viel besser beherrschen. Noch nicht mal der vermeintlich einfachere Gegner Slowakei (im Gegensatz zu Kanada und USA nur ein Leichtgewicht) verhalf zu jener Euphorie, die etwa das Sensationssilber von Pyeonchang (und fast das Gold, seufz) möglich gemacht hatte.

So blieb das erhoffte Halbfinale Utopie. Dort treffen Kanada auf Finnland (beide jeweils erst nach Verlängerung siegreich über Tschechien respektive Schweiz) und die Slowakei auf die USA (3:2 n. V. gegen Schweden).

 

Mit purer Willenskraft zu Langlauf-Bronze

 

Coletta Rydzek hatte bei ihrer Schlussrunde im Langlauf-Teamssprint genau ein Ziel. Wenigstens die norwegische Kontrahentin Julie Bjervig Drivenes hinter sich lassen und Bronze sichern hinter den enteilten Schwedinnen und, ich staunte, Schweizerinnen. Auf der Zielgeraden mobilisierte sie alle Kräfte („Ich kann unglaubliche Gewichte stemmen“), und am Ende hatte sie mit ihrer  Kollegin Laura Gimmler doch noch die erhoffte Langlauf-Medaille fürs deutsche Team gesichert. Einer der sich am Pistenrand die Kehle heiser schrie, war ihr Bruder Johannes Rydzek, der tags darauf für die deutschen Kombinierer für den Team-Wettbewerb gemeldet war (nach Redaktionsschluss).

Bei den Männern siegte Norwegen, und Schlussläufer Johannes Klaebo holte sein insgesamt 10. Olympia-Gold. Sonderlich anzustrengt schienen er und sein Partner Einar Hedegart nicht zu haben, um die USA und Italien zu distanzieren.

 

 

Molympico Giorno

Nach einem Tag selbst auferlegter Olympia-Pause (na ja fast) gibt es einiges aufzuarbeiten.

 

Ein Slalom, sehr viel Ärger

 

Kurz zu den Fakten: Der Schweizer Loic Meillard triumphierte und bestätigte seinen WM-Titel aus dem vergangenen Jahr. Das gelang bisher nur dem großen Ingemar Stenmark und Benni Raich, also zwei Skilegenden. Zweiter wurde Fabio Gstrein, die die Ehre der Österreicher rettete mit der ersten Einzel-Medaille bei den Alpinen, vor dem norwegischen Altmeister Henrik Kristoffersen.

Geredet wurde aber über 2 andere Sportler

 

Atle McGrath – der Unglücksrabe

 

Mit klarer Bestzeit hatte der Norweger den 1. Durchgang absolviert. Doch ihn ereilte im 2. Lauf das Slalom-Schicksal, das alle fürchten und alle schon getroffen hat: den berühmt-berüchtigten Einfädler. McGrath erwischte es an einem vermeintlich ganz einfachen Tor, Chance aufs Gold weggeschmissen. Wie die Stöcke, die er wutentbrannt in die Gegend schleuderte. Danach machte sich McGrath auf, überwand einen Zaun und stapfte in Richtung Wald. Dort legte er sich in den Schnee, Leib und Seele brauchten Abkühlung. Es passt zur so unpersönlichen Organisation, dass sich alsbald ein Offizieller aufmachte und Meillard bedeutete, dass er dort nicht liegen bleiben dürfe. Anstatt ihn dort einfach in Ruhe (sich abkühlen) zu lassen.
In der Pk am Abend war McGrath schon wieder gefasst. Er erzählte von schrecklichen Wochen, weil kurz vor den Spielen sein geliebter Großvater gestorben sei. Nur der Gold-Triumph seines besten Skikumpels Lucas Braathen im Riesenslalom sei ein kleiner Silberstreif in den dunklen Tagen gewesen. Am Freitag ist die Besetzung in der norwegischen Heimat, extra für McGrath und „seinen“ Slalom wurde sie verschoben.

 

Die Wut des Ski-Löwen

 

In dürren Fakten: Linus Straßer beendete den Slalom als Neunter, nicht schlecht, aber doch weit weg von den ersehnten Medaillenrängen. Noch während das Rennen lief, ließ der Fahrer des TSV 1860 München, deshalb Ski-Löwe, Dampf ab und kein gutes Haar an Olympia allgemein und dem Austragungsort Bormio im Besonderen. „Zu steril, keine Emotionen, zu teure Karten, die Zuschauer zu weit weg“, schimpfte er. So wie er würden viele denken.
Natürlich schwang da viel Frust übers Verpassen der Medaille mit, aber es steckte auch viel Wahrheit drin. Der Slalomhang im Schlussteil der Stelvio war viel zu flach, absolut unwürdig fürs wichtigste Rennen des Jahres. Die Olympia-Organisatoren wollten Bormio unbedingt als Olympia-Ort präsentieren – mit dem Ergebnis, dass die alpinen Männer dort die einzigen Olympioniken waren; also kein Austausch mit anderen Sportlern. Ja nicht einmal mit den alpinen Frauen, denn die starteten in Cortina, wo es im übrigen auch Männer-taugliche Strecken (und für Slalom und Riesenslalom viel bessere!) gegeben hätte.
Bormio ist das Sinnbild dieser furchtbar zerstückelten Spiele. Wo es für normalsterbliche Fans (also diejenigen ohne Privat-Hubschrauber, Herr Skipräsident Eliasch!) unmöglich ist, mehrere Sportarten zu besuchen: was aber genau den Charme von Olympischen Spielen ausmacht.
In einem anderen Blog habe ich Straßer für seine beinharte Kritik kritisiert. Ich meinte vor allem den Umstand, dass er dies getan hat, während das Rennen noch lief, also seine Slalom-Gefährten noch um Medaillen kämpften (und er selbst wie ein schlechter Verlierer daherkam). Dazu stehe ich weiterhin, aber in der Sache gebe ich ihm völlig Recht (wobei ich die fehlende Stimmung im Ziel natürlich nicht wirklich vom Fernsehgerät beurteilen kann).

Was ich ja immer wieder betont habe, manifestiert sich: Für uns Zuschauer mag Olympia das Größte sein. Für die Aktiven und objektiv viel wertvoller ist ein Triumph im Gesamtweltcup, weil dieser den sportlichen Erfolg einer gesamten Saison und nicht nur eines Rennens honoriert. Zufalls-Olympiasieger (ein böses Wort) hats schon viele gegeben, aber noch nie einen zufälligen Weltcupsieger.

 

Ein Abbruch, viel Ärger und einige offene Fragen

 

Apropos Wut. Diese entlud sich vor allem seitens der deutschen Skispringer über die Organisatoren des Super-Team-Wettbewerbs. Gerade hatte Philipp Raimund mit einem tollen Sprung die Führung übernommen (mit Andi Wellinger), da setzte recht plötzlich heftigster Scheefall ein. Die Organisatoren warteten zu, ließen sogar noch den bedauernswerten wie chancenlosen Kacper Tomasiak vom Bakken, der weit hinter Raimund blieb und mit Polen vermeintlich alle Chancen auf eine Medaille verlor. Drei Athleten warteten noch oben, doch es war klar, dass bei diesen Verhältnissen kaum jemand Raimund und seinen Teamkollegen Wellinger würden einholen können. Denn sehr viel Schnee bedeutet: die Anlaufsspur wird erheblich langsamer, der Springer wird dadurch komplett chancenlos.
Die Jury hatte ein Einsehen und brach nach Minuten des Überlegens und Diskutierens den Wettbewerb ab. Gewertet wurden also nur zwei anstatt der drei vorgesehenen Durchgänge, und da lagen die Deutschen 0,3 Punkte hinter den bronzenen Norwegern und klar hinter den siegreichen Ösis und silbernen Polen. Also sprachen die Verantwortlichen von „Skandal!“ und „geraubter Medaille“.

Dazu ein paar Anmerkungen: Natürlich war es extrem unglücklich, dass das Springen abgebrochen wurde, zumal sich das Wetter recht schnell besserte. Die richtige Entscheidung wäre wahrscheinlich gewesen: zumindest alle zweiten Springer der acht verbliebenen Nationen den 3. Durchgang noch mal absolvieren zu lassen. Dies hat die Jury unterlassen mit der für mich schwer nachvollziehbaren Begründung, das sei auch Wunsch der Fernsehanstalten gewesen. Als ob es in der Olympischen Geschichte noch nie längere Unterbrechungen gegeben hätte. Noch besser wäre gewesen, den Wettbewerb angesichts des drohenden Schneefalls schneller ablaufen zu lassen …
Zum Punkt „geraubte Medaille“:  Zur Wahrheit gehört allerdings, dass die Deutschen vor dem entscheidenden Durchgang von Raimund schon sehr viel Rückstand hatten, der unter normalen Umständen kaum aufzuholen gewesen wäre. Die Deutschen trauern also einer (Gold)Medaille nach, die sie höchstens den Verhältnissen zu verdanken gehabt hätten (was es schon oft gegeben hat). Sportlich fair klingt anders, vor allem der Auftritt von Sportdirektor Horst Hüttel stieß bei mir sauer auf, der mehr oder weniger unverblümt sagte: sollen die anderen doch schauen, wie sie mit Drecksverhältnissen zurechtkommen, Hauptsache wir bekommen die Medaille.

Am verdienten Gold der Österreicher Jan Hörl und Stefan Embacher gab es eh nie den geringsten Zweifel. Sie erlösten das Springer-Team Austria, über dessen „Versager“ nach den bis dato medaillenlosen Spielen schon der Stab  gebrochen wurde.

 

Eine Kür zum Träumen

 

Ich meine den wundeschönen Lauf des japanischen Paares Riku Miura und Kihara Ryuichi. 4 Minuten voller Poesie, voller Höchstschwierigkeiten, vielleicht das Beste, was die Eiskunstlauf-Welt je gesehen hat in dieser traditionsreichen Disziplin (sagt der Münchner Löwe, der Eiskunstlauf-Super-Auskenner …). Die Punktrichter jedenfalls sahen das Außergewöhnliche, vergaben so viele Punkte wie noch nie für eine Kür. Ausgemerzt war die verpatzte Kurzkür, die das Weltmeisterpaar auf Platz 5 noch recht glimpflich beendete (jaja, die Punktrichter …).
Schon bevor die Führenden Minerva Fabienne Hase und Nikita Volodin als Letzte zur Kür schritten, war klar: Nur ein absolut fehlerloser Lauf würde den Deutschen zu Gold reichen – wenn überhaupt. Doch schon beim dreifachen Salchow patzte Hase, sprang nur einfach, damit war der Goldtraum dahin. Es reichte letztlich zu Bronze, und nach einer ersten kleinen Enttäuschung waren beide auch hochzufrieden mit der Medaille.
Grotesk empfand ich die Überschriften all überall in den Online-Medien: „Gold verpasst“ anstatt „Bronze gewonnen“. Warum kann man nicht einfach eine großartige Leistung von anderen würdigen?  Zumal Medaillengewinner für detsche AthletInnen höchst rar gesät sind, außer …

 

Danke, lieber Eiskanal

 

Die Röhre in Cortina wurde ja gerade noch rechtzeitig fertig, zur Ver- und Bewunderung fast aller Beobachter. Aus deutscher Sicht kann man nur sagen: Gott sei Dank. Denn während in anderen Sportarten die hiesigen AthletInnen allzu oft  mehr oder weniger weit weg von der Spitze vorbeifahren und -springen, sammeln sie in Cortina Edelmetall im Überfluss.
Vorläufiger Höhepunkt der Erfolgsstory war der Zweierbob der Männer. Johannes Lochner siegte vor seinem Erzrivalen Francesco Friedrich und Adam Ammour (I love that name). Deutscher Dreifach-Erfolg, das hatten bei diesen Spielen nur die schwedischen Langlauf-Sprinterinnen geschafft. Nach der Silbermedaille von Laura Nolte im Monobob und den reich bedachten Rodlern und Skeletoni also der Meaillen-Sweep. Ein Sonderlob gebührt den Technikern vor allem denen des FES (Institut für Forschung und Entwicklung), das maßgeschneiderte Gefährte und Kufen gezimmert haben. Berliner Wertarbeit, wer in der Hauptstadt kann das noch von sich behaupten?
20 Medaillen hatten die deutschen SportlerInnen bis Dienstagabend gesammelt, 15 (!) davon im Eiskanal. Nough said zu diesem ungesunden Verhältnis, außer: Es stehen im Bob noch der Frauen-Zweier und Vierer-Männer an …

 

Und sonst?

 

  • Biathlon: Die 3 dominierenden Nationen machten die Männer-Staffel unter sich aus. Frankreich siegte trotz der Strafrunde für Startläufer Fabien Claude vor Norwegen und Schweden. Das deutsche Quartett wurde Vierter – immerhin Best of the Rest. Obs die Frauen am Mittwoch besser machen? Ich hab meine Zweifel.
  • Eisschnelllauf: Wieder was gelernt: Im Mannschaftswettbwerb gibt es keine Führungswechsel mehr. Eine fährt die gesamten 3000 Meter voran, die anderen beiden eng hinterher, zum Teil mit (erlaubter) Berührung. Führungswechsel, so die neueste Erkenntnis, würden zu viel Zeit kosten und wären zudem zu fehleranfällig. Es siegten die kanadischen Frauen und die italienischen Männer.
  • Ski Freestyle: Wer kann, möge sich in der Mediathek das Männer-Finale im Big Air anschauen. Schon beim Zuschauen wirds einem angesichts der Drehungen und Windungen (bis zu sechsfach!) schwindlig. Gewonnen hat ein allen Experten bis dato fast unbekannter Norweger namens Tormod Frostad vor dem US Boy Mac Forehand (wieso spielt der nicht Tennis, hihi?) und Matej Svancer aus Österreich.

Molympico Giorno

Skandal um den Ukrainer Heraskewytsch

 

Das IOC hat den Skeletoni tatsächlich disqualifitziert. Wegen des beanstandeten Helmes, auf dem Bilder von rund 20 der insgesamt 100 ukrainischen Sportler geklebt waren, die im Krieg von Kugeln oder Bomben getötet wurden. Das IOC sah hierin eine – verbotene – politische Botschaft, Verteidiger von Wladislaw Heraskewytsch sprechen von einer – nicht verbotenen – Erinnerung an gute Freunde.
Schon nach den Trainingsläufen mit diesen Helm kündigte das IOC die Disqualifikation an, sollte er diesen auch im Wettkampf benutzen. Hweraskewytsch blieb dabei. Er habe nicht provozieren wollen, sondern nur erinnern, sagte er. Und verwies unter anderem auf den „goldenen“ deutschen Gewichtheber Matthias Steiner, der bei der Siegerehrung in Peking das Foto seiner verstorbenen Ehefrau in die Kameras hielt (ohne Sanktion, warum auch?).

Zwar sprach offiziell der Skeleton-Verband die Disqualifikion aus, aber sicher nach Absprache mit dem IOC. Insofern war der Auftritt von Kirsty Coventry pure Heuchelei, als sie beim ZDF in Tränen ausbrach. Wenn denn jemand die Disqualifikation hätte verhindern können, dann wohl die IOC-Chefin. Sich hinter angebliche Regeln zu verschanzen – das ist erbärmlich.

Falls Heraskewitsch provozieren und die wieder zunehmende Russland-Freundlichkeit des IOC und der Verbände anprangern wollte, hat er sein Ziel erreicht. Kaum ein akkreditiertes Medium, das jetzt nicht groß berichtete. Wäre er ohne von vornherein ohne Beanstandungen gefahren, hätten die wenigsten die Aktion überhaupt mitbekommen, so weiß die ganze (Sport)Welt davon. Streisand-Effekt at its best.

https://de.wikipedia.org/wiki/Streisand-Effekt

Emma Aicher tappt in die Kursfalle

 

Dass der Super-G extrem anspruchsvoll, ja fast bösartig gesetzt war, zeichnete sich schon bei den ersten Läuferinnen ab. Reihenweise fuhren die besten Skiläuferinnen mit zu hohem Tempo in die tricky gesetzten Tor-Kombinationen und schieden aus.

Hirn anschalten war also angesagt, und allein das Podium zeigt, dass Erfahrung extrem nützlich war. Es siegte die Italienerin Federica Brignone (35) vor der Französin Romaine Miradoli (31) und Conni Hütter (33) aus Österreich. Die Deutsche Kira Weidle-Winkelmann schied ebenso aus wie Emma Aicher, die zwar die erste Klippe gut nahm, an der zweiten aber grandios scheiterte. Sie wirds verkraften nach zwei Silbermedaillen, und ob es für eine Medaille oder gar den Sieg gereicht hätte, wage ich anhand der Zwischenzeiten eher zu berzweifeln. Auch die anderen Abfahrts-Medaillengewinnerinnen Breezy Johnson und Sofia Goggia sahen das Ziel nicht. Goggia schied gar mit der klar besten Zwischenzeit auf, ein typischer Lauf der risikobereiten Italienerin, der letztlich nicht gut gehen konnte.

So gab es tatsächlich das Happy End für Brignone, das kaum jemand für möglich gehalten hatte. Im April hatte sie sich bei einem Sturz bei den nationalen Meisterschaften so ziemlich alles am linken Bein verletzt, was man sich verletzen kann. Schien- und Wadenbeinbruch, dazu Kreuzbandriss. Doch die Italienerin hatte dieses eine Ziel: Heim-Olympia in Cortina, dafür nahm sie alle Qualen und bis zuletzt enorme Schmerzen in Kauf. Noch vor ein paar Tagen lag ihr Start in den Sternen, weil sie zu große Schmerzen hatte, die Ersatzfahrerin stand schon bereit.

Und dann diese Fahrt, maßvoll, wo es nötig war, mit Tempo, wo es der Kurs zuließ. Das ist ja grundsätzlich der Reiz des Super-Gs, der schnell gesteckt ist und ohne Trainingslauf bewältigt werden muss. Doch meines Erachtens hatte es der norwegische Kurssetzer übertrieben. Gerade beim Olympischen Lauf eine Falle nach der anderen aufzustellen (mit für Super-G ungewohnt kurzen Torabständen), kann nicht der Sinn der Sache sein. Schön anzusehen ist es auch nicht, wenn die besten Skifahrerinnen der Welt wie Anfängerinnen die Tore verpassen (in die Garage fahren, wie es so unschön heißt).

 

Das letzte Schießen – eine Qual

 

Dreimal hatte Franziska Preuß beim Einzel fehlerlos je fünf Scheiben abgeräumt, als sie zum letzten Stehendanschlag fuhr. Klar war: Würden erneut alle Scheiben fallen, wäre eine Medaille sicher. Doch die Weltcup-Gesamtsiegerin 2025 zeigte Nerven (oder dachte sie zu viel nach?), sie ist ganz bestimmt nicht die erste, der dieses Malheur passierte. Zwei Strafminuten handelte sie sich ein, Medaillenchance dahin, auch weil sie in der Loipe nicht mehr in der Galaform der vergangenen Saison ist, einige Erkältungen kosteten zu viel Tribut.

So war der Weg frei für Julia Simon. Noch vor Olympia hatte sie Rennen sausen lassen, weil die Laufform überhaupt nicht da war. Die Allerschnellste war sie zwar immer noch nicht in der Loipe, aber was Madame am Schießstand abliefert, ist außergewöhnlich. So schnell wie sie feuert keine Frau die Schüsse ab – und auch nur ganz wenige Männer, wenn überhaupt. Wenn sie dann noch von 20 Versuchen 19 ins Ziel bringt, ist sie schwer zu schlagen. Noch nicht einmal von ihrer überragenden Landsfrau Lou Jeanmonnot, die trotz zweier Fehlschüsse immerhin noch zu Silber lief.

Die Sensation schlechthin lieferte allerdings Lara Hristova. Die Bulgarin eroberte ohne Schießfehler die Bronzemedaille. Sogar Franziska Preuß fragte ungläubig nach, wer zum Teufel diese 22-jährige junge Frau war, die perfekt schoss und auch in der Loipe recht gut zurecht kam. Besser zum Beispiel als die unglückliche Vanessa Voigt, die bei ebenfalls fehlerfreier Darbietung 13 Sekunden langsamer war und „nur“ Vierte wurde. Platz 4 wäre im Weltcup eine fantastische Platzierung gewesen, bei Olympia gibts nur die symbolische Blech(Holz-)Medaille.

 

Drama um Wennemars

 

Sportlich vielleicht bisher sogar der größte Aufreger der Spiele, für die Eisschnelllauf-Nation Holland sogar ganz bestimmt. In aller Kürze: Joop Wennemars ist über 1000 Meter klar auf Medaillenkurs, doch beim letzten Seitenwechsel übersieht sein Laufpartner Ziwen Lian aus China klar die Vorfahrt und schneidet Wennemars den Weg ab. Der muss abbremsen, verliert bei dem Manöver mindestens eine halbe Sekunde (eher mehr) und der Medaillentraum ist geplatzt. Im Ziel ist der Holländer drauf und dran, dass er Ziwen an die Gurgel gehen  will, der so tut, als sei nichts gewesen. Später wird der Chinese wegen seines klar sportwidrigen Verhaltens disqualfiziert, doch davon kann sich Wennemars natürlich nichts kaufen
Im nächsten Lauf fährt ausgerechnet Ziwens Landsmann Zhongyang Ning zu Bronze mit einer Zeit, die Wennemars ohne Behndeung mit Sicheheit klar unterboten hätte. Nach seinem Protest darf er zwar noch einmal starten, doch nur eine halbe Stunde nach dem ersten Lauf fehlt ihm natürlich die Kraft und er kann die zweit nicht unterbieten. Hinterher beschwerte er sich bitter, dass die Pause viel zu kurz gewesen sei.
Der eine Chinese verhilft dem Landsmann mit einem klar sportwidrigen Verhalten zu Bronze, ich bin tatsächlich geneigt, dass das absichtlich war (leide traue ich mittleweile fast jedem Sportler fast alles zu für einen Vorteil). Das lässt sich natürlich nicht beweisen, ich erinnere aber ungerne an den Formel-1-Fahrer Nelson Piquet jr., der mit voller Absicht einen Unfall verursachte, damit Teamkollege Fernando Alonso das Rennen gewann. Hätte vorher auch niemand geglaubt, dass so etwas möglich ist.
Zumindest am Sieg des überragenden Jordan Stolz gab es nicht die geringsten Zweifel. De Amerikaner siegte mit einer halben Sekunde Vorsprung auf den Holländer Jening de Boo. In dessen Zeitbereich wäre Wennemars ohne Behinderung wohl gefahren.

 

Wenn nur die Kunst zählt

 

Eistanzen ist nicht so meines, obwohl Torvill/Dean natürlich unvegessen sind: Was am Mittwoch aber  die beste Paare aufs Eis zauberten, hat mich dann doch gefesselt, vor allem die US-Amerikaner und die Franzosen. Zunächst Madison Chock und Matthew Bates. Zu „Paint it Black“ tanzten sie einen Torero, in Schwarz gekleidet und roten Tuch. Schnell und ambitioniert wirkte es und ziemlich frisch. Den Gegensatz dazu lieferten Laurence Fornier Beaudry und Guiilaume Cizeron. Sie malten ein Gesamtkunstwerk aufs Eis, nicht ganz so spritzig wie die Amerikaner, aber mit vollendeter Harmonie (was ich aufgrund des klaren Urteils der Jury erst beim zweiten Mal anschauen wirklich zu würdigen weiß, denn ich hätte die Amis vorne gesehen). So ging Gold an Frankreich, und Ceizeron gelang Historisches. Noch nie hat ein Eistänzer Olympiagold mit zwei Partnerinnen gewonnen. 2022 hatte er mit Gabriella Papadakis triumphiert

Wer die Franzosen bewundern will (die Amis sucht ihr bei Youtube)

https://www.eurosport.de/eiskunstlauf/olympia-mailand-cortina/2026/laurence-fournier-beaudry-und-guillaume-cizeron-gewinnen-goldmedaille-gesamtkunstwerk_vid60055020/video.shtml

 

Und sonst?

 

  • Rodeln: Die Doppelsitzer bei Frauen und Männern wurden zu einer italienischen Angelegenheit, die beide Wettbewerbe für sich entscheiden. Bei den Frauen siegten Voetter/Oberhofer vor den deutschen Eitberger/Matschina und Egle/Kipp aus Österreich, bei den Männern Rieder/Kainzwaldn vor den Österreichern Steu/Kindl und den Deutschen Wendl/Arlt. Medaillenvielfalt à la Rodeln. Wenn die von Olympia ausgeschlossenen Kombinierinnen diese einseitigen Konkurrenzen (gerade 11 Frauenpaare waren dabei) gesehen haben, müssen sie sich komplett verschaukelt fühlen. Denn genau die mangelnde Quantität ist eines der Hauptgründe, warum sich Olympia den Kombinierinnen verschließt.
  • Ski Freestyle: Die Australierin Jakara Anthony ist die klar beste Buckelpistenfahrerin der Welt. Im Olympiafinale geriet sie aus dem Rhythmus und musste die Fahrt abbrechen. Den Sieg erbte Elizabeth Lemley, gerade 20 Jahre jung.

Giorno Molympico

Eine kleine Änderung: Ich befasse mich heute nicht jur mit dem gestrigen Tag, sondern auch mit dem was am Dienstag bis jetzt passiert ist.

 

Gold für den österreichischen Kurssetzer

 

Das ist natürlich eine Übertreibung, denn gefahren ist Katharina Huber den Slalom im Teamwettbewerb schon selbst – und das großartig. Aber Martin Pfeifer wurde seinem Ruf gerecht und setzte heute einen Lauf, der äußerst tricky war. Und gerade in dem für Huber maßgeschneiderten (und wahrscheinlich bis zum Erbrechen geübter Torfolge) Teil holte sie dann die entscheidenden Hundertstelsekunden gegenüber der Deutschen Emma Aicher heraus. Am Ende lagen Abfahrerin Ariane Rädler und Slalomartistin Katharina Huber fünf Hundertstelsekunden vor Kira Weidle-Winkelmann/Emma Aicher. Dritte wurden die US-Amerikanerinnen Jaqueline Wiles/Paula Moltzan. Eine herbe Enttäuschung erlebte Mikaela Shiffrin. Alles schien angerichtet für Gold, nachdem ihre Landsfrau Breezy Johnson erneut die beste Abfahrtszeit hingelegt hatte, sie also sogar mit Vorsprung ihren Lauf in Angiff nahm. Doch der mit Abstand besten Slalomfahrerin versagten die Nerven, und sie legte einen für ihre Verhältnisse fast indiskutablen Lauf hin. Das Team fiel noch auf den undankbaren 4. Platz zurück. Shiffrin und Olympia – das war ja in Peking 2022 schon das große Drama, als sie als große Favoritin weder im Riesenslalom noch im Slalom das Ziel erreichte.

„Alles richtig gemacht“, konnten dagegen die deutschen Trainer bilanzieren. Es war ja ein Pokerspiel, mit dem Jolly Joker Emma Aicher, die in Abfahrt und Slalom herausragend ist. Die Frage war: Passt das besser mit der Abfahrerin Kira Weidle-Wnkelmann im Slalom oder mit der Slalomartistin Lena Dürr im Slalom. Man setzte auf Rot Slalom, und Aicher legte dort Laufbestzeit hin, mehr geht nicht. Dass sie erneut nur um Hundertstel Gold verpasste nach Abfahrtssilber, störte da wenig.

 

Schweizer Triumph bei den Männern

 

Tags zuvor durfte Franjo van Allmen den zweiten Olympiasieg feiern. Er selbst wurde in der Abfahrt zwar nur Vierter, doch sein Slalompartner Tanguy Nef zauberte einen wahren Traumlauf in den Schnee – das reichte. Silber gewannen zeitgleich die Schweizer Marco Odermatt/Loic Meillard (der eigentlich als der bessere Slalolmfahrer als Nef galt) und Vincent Kriechmayr/Mario Feller aus Österreich. Zum Unglücksraben avancierte Alex Vinatzer. Der italienische Slalomfahrer ging nach der Abfahrtsbestzeit seines Partners Giovanni Franzoni als Letzter in den Slalom, doch der war nach eigener Aussage „mit der Situation überfordert“ und kam nach 18. Laufzeit nur auf Rang 7. „Ich muss mich bei Giovanni entschuldigen.“ Dass es Mikaela Shiffrin ähnlich erging, wird ihm kein Trost sein.

 

Die Gunst der Schanze genutzt

 

Dass Philipp Raimund mit der Anlage in Predazzo glänzend zurechtkam, deutete sich schon im Training an, als er mehrmals den besten Sprung hinlegte. Doch Training und Wettkampf sind oft zwei paar Schuhe, und da war die Hypothek, das Raimund vorher noch nie einen Weltcup gewonnen hatte. Doch „Hippe“ (was für ein Spitzname für diesen Vornamen, noch nie gehört) ließ sich nicht beirren: In Durchgang 1 sprang er schon an die Spitze, und auch, als die Konkurrenz im 2. Durchgang sehr gute Weiten hinlegte, ließ er sich nicht beirren: Er verteidigte nicht nur seinen knappen Vorsprung, er baute ihn sogar mit dem wiederum besten Sprung aus. Am Ende lag er 3,4 Punkte vor dem Sensationszweiten Kacpar Tomasiak aus Polen und gar 8,1 vor Gregor Deschwanden und Ren Nikaido, die sich Bronze teilten. 
Domen Prevc ging als Sechster leer aus. Beim Saisondominator hatte sich im Training schon abgezeichnet, dass er mit der Schanze nicht so zurecht kam.
Schwer geschlagen auch die Österreicher: Als Bester der erfolgsverwöhnten Adler landete Stefan Embacher auf den siebten Platz.

Apropos Vorname: Ich habe (mit KI) geschaut, ob schon mal ein Namensvetter von mir (Philipp) deutsches Gold bei Winterspielen geholt hat. Es hat keine Treffer gegeben.

 

Fehlerlos zu Gold, Gedanken beim toten Freund

 

Es war schon absehbar, dass Norwegens Biathlon-Männer den Rücktritt der Bö-Brüder gut verkraften würden. Beim ersten Einzelwettbewerb über den langen 20-Kilometer-Kanten siegte dann auch ein Landsmann: Johan-Olaf Botn verfehlte keine einzige der 20 Scheiben, und weil er in der Loipe flott genug unterwegs war, lag er im Ziel 15 Sekunden vor dem Franzosen Eric Perrot und 48 für Sture Lagreid, die jeweils einmal danebenschossen.
Bei seiner Zieleinfahrt gedachte Botn mit zum Himmel gerecken Händen seines Landsmanns und Trainingskollegen Sivert Guttorm Bakken. Botn hatte ihn im Dezember leblos in einem Hotelzimmer gefunden, mit einer Atemmaske über dem Mund. Noch immer ist der Tod nicht aufgeklärt. „Ich habe auf der letzten Runde kaum an mich selbst gedacht, meine Gedanken und Gefühle für Sivert kamen direkt nach dem letzten Schießen.“

 

Wer soll diesen Klaebo schlagen

 

Die Überlegenheit war absurd. Im Sprint, eigentlich eine wirklich knappe Angelegenheit, lief der Norweger Johannes Hoesflot Klaebo in der ganz eigenen Liga. Als hätte er einen Motorantrieb, lief er der Konkurrenz auf und davon. Viel fehlte nicht, und er hätte sich sogar die Zeit nehmen können, sich vor dem Zieleinlauf noch eine norwegische Fahne zu schnappen. Silber holte der ersstaunliche Amerikaner Ben Ogden vor Klaebos Landsmann Oskar Opstad Vike.
Vier Wettbewerbe stehen für Klaebo noch an, und angesichts seiner Sonderklasse ist es äußerst unwahrscheinlich, dass er nicht vier weitere Goldmedaillen holt (wie 2025 bei der WM in Trondheim.

Bei den Frauen dagegen erwarte ich einen schwedischen Durchmarsch. Nach dem Doppelerfolg im Skiathlon durch Frida Karlsson und Ebba Andersson überließ beim Sprint Team Sverige dem Rest der Welt noch nicht mal die Bronzemedaille. Es siegte Linn Svahn vor Jonna Sundling und Maja Dahlqvist.

 

Und sonst

 

  • Gasser chancenlos: Die zweifache Olympiasiegerin im Big Air hatte im Finale nichts mehr zu melden. Mit unfassbaren Sprüngen siegte die Japanerin Kokomo Murase vor Zoi Sadowski Synnot aus Neuseeland und Seunggeun Yu. Die Österreicherin Anna Gasser hatte die ersten beiden Sprünge verpatzt, aber auch wenn alles geklappt hätte, eine Medaille wäre wohl außer Reichweite geblieben.
  • Gold für Holland: Im dritten Wettbewerb gab es für die Eisschnelllauf-Nation endlich die ersten Medaillen. Jutta Leerdam siegte vor Landsfrau Femke Kok und der Japanerin Miho Tagaki. Um Leerdam hatte es reichlich Wirbel gegeben: Das Glamourgirl war mit einem Privatflugzeug samt Top-Verpflegung eingeschwbt und hatte Pressekonferenzen geschwänzt.