Das war die Woche, die war

Anmerkung: Zur EM der Fußballfrauen habe ich mch schon in einem gesonderten Text befassthttps://blickueberdenteich.de/deutsche-fussballfrauen-beamen-uns-zurueck-in-die-80er-jahre/

 

Pogacar unaufhaltsam

 

3 Pyrenäen-Etappen, dreimal beherrschte Tadej Pogacar das Geschehen, auch wenn am Samstag in Superbagneres der fürs Gesamtklassement uninteressante Holländer Arensmann als Erster durchs Ziel fuhr. Besonders beim Anstieg nach Hautacam am Donnerstag bewies der Slowene seine Ausnahmeklasse, als er zwischen sich und dem Zweiten Jonas Vingegaard mehr als 2 Minuten legte. Ich sehe nicht, wer dem Titelverteidiger das Gelbe Trikot für Paris noch streitig machen kann, vorausgesetzt natürlich, er bleibt gesund.
Hinter Pogacar und Vingegaard hat sich Florian Lipowitz ins Rampenlicht gefahren und gleichzeitig ins Weiße Trikot des besten Jungprofis. Der deutsche ehemalige Biathlet zeigt sich bisher als klare Nummer 3, erst recht nach der Aufgabe von Remco Evenepoel, der allerdings vorher schon Schwächen zeigte. Beeindruckend, wie er am Berg mit den allerbesten mithält, dazu noc h hervorragende Qualität im Zeitfahren. Klar, ein Schwächeanfall kann den noch Unerfahrenen Fahrer jederzeit passieren (gerade am Mont Ventoux am Dienstag), aber es sieht sehr gut aus für den erst 24-Jährigen. Seine besten Jahre hat er zudem noch vor sich.

 

Wellbrock unbesiegbar

 

4 Freiwasser-Wettbewerbe bei der Schwimm-WM in Singapur, viermal stand Florian Wellbrock ganz oben auf dem Siegerpodest. Der Magdeburger triumphiert über 5 und 10 Kilometer, in einem Ausscheidungsrennen und mit der gemischten Staffel (zusammen mit seinen Magdeburger TeamkollegInnen Isabell Gose, Celine Rieder und Oliver Klemet). Das hat es bei einem Großereignis noch nie gegeben – und das ein Jahr nach dem für ihn völlig verpatztem Olympia. Wellbrock wollte nach dem Desaster schon  aufhören, fand aber in seiner Trainingsgruppe und Chef Bernd Berkhahn neue Motivation. Der sich ja schon seit längerer Zeit auch internationale SpitzenschwimmerInnen anschließen. So gewann die Australierin Moesha Johnson die Titel über 5 und 10 Kilometer. Auch der neue 400-Meter-Weltrekordler Lukas Märtens gehört im übrigen dieser Gruppe an. Dieser wird dann nächste Woche bei der Becken-WM starten, wie auch Florian Wellbrock über 1500 Meter.

 

Eintracht Frankfurts nächster Goldesel – der Transfermarkt

 

Eintracht Frankfurt gibt Stürmer Hugo Ekitiké an den FC Liverpool ab, für die stolze Summe von 95 Millionen Euro. Die nächste Irrsinnssumme, die der Bundesligist einstreich: Erst im Januar wechselte Omar Marmoush für 80 Millionen zu Manchester City, und vor 2 Jahren wechselte Kolo Muani für 95 Millionen zu PSG. 300 Millionen in 2 Jahren – Sportdirektor Markus Krösche ist ein waher Geldesel. Ersatz haben die Frankfurter schon gefunden: Jonathan Burkhardt wechselt vom Ligakonkurrenten Mainz an den Main.

Die Reds wiederum verpflichteten mit dem Franzosen bereits den dritten namhaften Bundesliga-Profi nach Florian Wirtz und Jeremy Frimpong, die beide von Bayer Leverkusen kamen.

Und die Bayern? Sind bei ihren Wunschtransfern Nick Woltemade (Stuttgart) und Luis Diaz (Liverpool) nicht groß weitergekommen. Zumindest bei Diaz haben sich die Chancen wegen des Ekitiké-Transfers verbessert, zumal der Kolumbianer sein Interesse hinterlegt hat. Verhärtete Fronten dagegen bei Woltemade. Der deutsche Senkrechtstarter will ja unbedingt zu den Münchnern, es hakt „nur noch“ an der Ablösesumme. Und was macht der Profi in solchen Fällen. Schickt den Berater vor, der jammert. Es sei ungehörig, dass die Stuttgarter bei einer Bundesliga-internen Rekordsumme von 55 Millionen noch nicht mal verhandeln wollen (er verschweigt natürlich, dass er bei einem derartigen Transfer kräftig verdienen würde, sehr viel mehr als bei einer schnöden Vetragsverlängerung oder -Aufbesserung). Dumm gelaufen, hättest Du mal vergangenes Jahr eine Ausstiegsklausel in Woltemades Stuttgart-Vertrag eingebaut, aber wer hätte diese Leistungs-Explosion schon vorhergesagt? Das Ganze zeigt mal wieder anschaulich, wie verwerflich das Fußballgeschäft ist, wo Verträge (Woltemade bis 2028!) nichts mehr zählen.

 

Zverev trainiert mit Toni Nadal

 

Das wäre ein Paukenschlag, wenn Toni Nadal den Deutschen länger betreuen würde. Zunächst gab es vergangene Woche „nur“ gemeinsame Trainingseinheiten dem Mann, der Rafael Nadal zu einer Tennislegende formte. Ob mehr daraus wird, bleibt abzuwarten, doch Zverev könnte vom unermesslich großen Wissen Toni Nadals extrem profitieren. Viel fehlt Zverev ja nicht zu einem Grand-Slam-Triumph (auch wenn derzeit Carlos Alcáraz und Jannik Sinner unerreichbar scheinen). Nadal gilt als Disziplin-Fanatiker (Zverev als eher unpünktlich, oh, oh), Widerspruch duldet er kaum, erst recht nicht von Angehörigen. (Papa und Bruder Zverev, oh, oh). Wie geschrieben, alles bisher nur Spekulatius, zumal niemand verlässlich weiß, ob sich Toni Nadal eine Tour-Begleitung rund um die Welt noch mal antun will. Charme hätte eine wie auch imme geartete Zusammenarbeit auf jeden Fall, und sie wäre für Zverev die Ideallösung.

 

Und sonst?

 

  • Motorrad: Marc Marquez, wer sonst? Der spnische MotoGP-Fahrer holte sich auch in Brünn das Double Sprint und Normalrennen – zum fünften Mal in Folge. Dem WM-titel steht wohl nicts mehr entgegen.
  • Rallye: Der Schwede Oliver Solverg (im eigenen Oliver-Solberg-Team) gewann die Rallye Estland vor dem Lokalmatoadoren Ott Tänak. Tänak führt die WM-Wertung mit einem Punkt Vorsprung auf Elfyn Evans an.
  • Schwimm-WM: Gold für die Österreichischen Schwestern Ekaterini und Eirini Alexandri im Synchron-Schwimmen. Ihre Drillingsschwester Vasiliki wurde im Einzel Vierte und Fünfte.
  • Golf: Scottie Scheffler siegte überlegen bei den Open Championships. 4 Schläge Vorsprung hatte der US Boy auf Landsmann Harris English. Scheffler holte sich damit den zweiten Major-Titel des Jahres und den vierten insgesamt. Nur die US Open fehlen noch in seiner Sammlung.
  • Tennis: Turniersiege holten sich  Luciano Darderi in Bastad, Alexander Bublik (Gstaad) und Denis Shapovalov (Los Cabos) sowie Lois Boisson (Hamburg) und Irina-Camelia Begu im heimischen Iasi/Rumänien.

 

 

Das wird die Woche, die wird

In eigener Sache: Am Donnerstag (das Wetter, seufz) fahre ich noch mal an den Bodensee. Ob und wie ich Sport genieße, weiß ich noch nicht. Entscheidung in der Tour, Beginn der Hartplatz in Amerika und die Formel-1-Ardennenfahrt in Spa – das sind die großen Höhepunkte der Woche. Den Frauenfußball habe ich schon beleuchtet.

 

Pogacar einsam – bis nach Paris?

 

Nach dem Ritt über die Pyrenäen über 3 äußerst anspruchsvolle Etappen hat sich das Feld der Tour de France. Ganz vorne Tadej Pogacar, mehr als 4 Minuten dahinter Jonas Vingegaard, und dahinter führt der deutsche Jungprofi Florian Lipowitz das übrige Feld an und überdies die Wertung des besten Jungprofis, das ihm das Weiße Trikot bescherte. Eine Vorentscheidung gewiss, aber es warten noch schwere Aufgaben. Schon am Dienstag nach dem Ruhetag folgt der Schlussanstieg zum sagenumwobenen Mont Ventoux. Wenn es da wirklich heiß wird (bis zu 40 Grad sind da möglich), spendet der kahle Berg mit seinem Mondkratern keinerlei Schatten.

Lipowitz etwa kennt den Ventoux noch gar nicht, zumindest nicht wettkampfmäßig. Vielleicht hat er wie Tausende Hobby-Radsportler den Berg privat bezwungen. Lipowitz ist jedenfalls die große Überraschung, wenngleich er sein immenses Können schon vergangenen Herbst bei der Vuelta und vor gut einem Monat beim Crerium Dauphiné gezeigt hat. Aber dass er jetzt beim absoluten Jahreshöhepunkt quasi ohne Schwäche durch Frankreich hetzt, das beeindruckt schon sehr und gibt für die folgenden Jahre zu den schönsten Hoffnungen Anlass, wenn denn die Pogacars und Vingegaards genung haben sollten.

Neben dem Ventoux wartet auf die Fahrer in der abschließenden Woche noch das Rendezvous mit den Alpen. Am Donnerstag geht es aufs Dach der Tour mit der Zielankunft auf dem Col de Loze (2304 Meter), nachdem die Fahrer zuvor schon den Col de la Madeleine erklimmen müssen. Tags darauf eine weitere Begankunft in La Plagne, der Wintersportstation.

Etwas Besonderes haben sich die Verantwortlichen für die Schlussetappe in Paris (nach einem Jahr Pause wegen Olympia) ausgedacht. Wie bei den Spielen führt die Strecke über den Montmartre. Ob hier allerdings Attacken geritten werden, wage ch zumindest im Hinblich aufs Gesamtklassement zu bezweifeln.

 

Tennis goes America

 

Den Beginn der US-Hartplatzsaison (mit einem Abstecher nach Kanada) macht wie gewohnt das Turnier in Washington. Sowohl Frauen als auch Männer schlagen in der US Hauptstadt auf. Bei den Frauen führt Jessica Pegula vor ihrer US-Landsfrau Elena Navarro und der Kasachin Lena Rybakina die Setzliste an. Am Start ist auch Tatjana Maria, die damit zum dritten Mal innerhalb von 3 Wochen den Atlantischen Ozean überquert (London-Newport-Hamburg-Washinton). Sie startet gegen eine Qualifikantin. Bei den Männern ist Taylor Fritz der nominelle Favorit vor Lorenzo Musetti und Holger Rune. Während Alexander Zverev noch pausiert, hat die deutsche Nummer 2 Daniel Altmaier gemeldet. Die Aufgabe gegen den Italiener Matteo Arnaldi ist Knifflig, scheint aber nicht unlösbar.

Auch in Europa ist noch einiges geboten: Die Männer haben Sandplatz-Turniere in Kitzbühel (Bublik, Baez) und Umag (Francisco Cerundolo, Darderi) vor sich, die Frauen messen auf >Hartplatz sich in Prag (Noskova, Srmakova). In Kitz haben Yannick Hanfmann und Jan-Lennard Struff die Qualifikationgeschafft, Justin Engel bekommt aufgrund seiner tollen Leistungen als Junior ein spezielles Startrecht.

 

Spa, die Wunderschöne

 

Nicht nur die Radsportler fahren bergauf und bergab, auch die Motorsportler. So trifft sich die Formel 1 am Wochenende in Spa-Franchorchamps jeder legendäre Kurs durch die belgischen Ardennen mit der berühmt-berüchtigten Eau Rouge (bergauf scheinbar in den endlossen Himmel), wo der begnadete Stefan Bellof bei einem Tourenwagenrennen tödlich verunglückte. Trotzdem ist Spa neben Montreal meine Liblingsstrecke im Formel-1-Kalender.
Klarer Favorit sind wieder die beiden McLarens von Oscar Piastri und Lando Norris, der mit den beiden Siegen zuletzt in Silverstone und Spielberg den Abstand auf mickrige 8 Punkte verkürzte. Eine Teamorder verbietet sich da, zumal der Abstand auf den Dritten Max Verstappen schon komfortable 69 Zähler beträgt.

 

Und sonst

 

  • Die Fußball-Teams fornieren sich langsam: Im Training sind bis auf die Club-WM-geplagten Bayern und Dortmunder schon längst alle Teams. Aber an allen Kadern wird noch fleißiog gebastelt. Die Stürmersuche bei den Bayern steht im Vordergrund, doch weder der Wechsel von Woltemade (Stuttgart) noch von Diaz (Liverpool) sind zuletzt nähergekommen. Allerdings dürfte der FC Liverpool nach de Verpflichtung von Etikite eher bereit sein, den wechswselwilligen Kolumbianer abzugeben.
  • Schwimm-WM in Singapur: Nach den Freiwasserwettbewerben (und dem Florian-Wellbrock-Gold-Quadrupel) haben die Schwimmer eine Woche Pause, ehe ab nächsten Sonntag die Beckenstrecken (insgesamt 42!) warten. Mal sehen, wie sich der Magdeburger von den Strapazen im mehr als 30 Grad warmen Meer erholt. In dieser Woche kommt es zu zahlreichen Entscheidungen im Wasser- und Artistikschwimmen, dazu Wasserball und Klippenspringen (Samstag, Sonntag).
  • Leichtathletik: Ab morgen beginnen die US Trials in Eugene/Oregon. Das Prinzip ist bekannt: Nur die ersten Drei jeder Disziplin fahren zur WM nach Tokio im September. Aufatmen können alledings die amtierenden Weltmeister, die ein persönliches Startrecht genießen unabhängig von Abschneiden in Eugene.

Deutsche Fußballfrauen beamen uns zurück in die 80er-Jahre

Die Viertelfinali der Fußball-EM der Frauen sind gespielt, mit zum Teil bemerkenswerten Partien mit allem, was diese Sportart so faszinierend und (je nach Ansicht) wunderbar oder grauenhaft macht.

 

Ein Sieg der Leidenschaft und des Herzblutes

 

Ein Kapitel für sich schrieb die Partie Deutschland gegen Frankreich, die uns in längst vergangen geglaubte Zeiten zurückbrachte. Schon die Vorzeichen waren klar: Hier ein teilweise begeistendes Team von les Bleues, dort eine Mannschaft, die nach einem mehr als ernüchternden 1:4 in der Vorrunde gegen Schweden die Wunden leckte. Und spätestens nach dem vorsätzlichem Haareziehen von Kathrin Hendrich gegen eine französische Spielerin samt Rot und (recht glücklich) verwandeltem Elfmeter in der 13. Minute schienen alle Messen doch gesungen. Wer jetzt übrigens meint, Haareziehen sei typisch Frau, den verweise ich gerne auf eine Szene von vor einer Woche, als im Finale der Club-WM Joao Neves (PSG) Chelsea-Spieler Marc Cucuralla das gleiche Delikt beging. https://www.ran.de/sports/fussball/klub-wm/videos/fifa-klub-wm-cucurella-im-fokus-neves-sieht-rot-nach-haare-ziehen
Was dem langhaarigen Spanier nicht zum ersten Mal passierte.

Deutsche und Aufgeben?, denktste! Denn sie besannen sich wie zu besten Zeiten   auf die deutschen Tugenden (die Dauer-Motzki Matthias Sammer schon vergessen glaubt) und lieferten einen tollen Kampf bis über die Schmerzgrenze hinaus. Eine schöne Ecken-Variante brachte das 1:1 durch Sjoeke Nüsken, und die Verteidigung wehrte alle Angriffe der Französinnen mit riesigem Herzen ab. Wobei es ihnen die bemerkenswert einfallslosen Gegnerinnen auch recht einfach machten. Glück kam hinzu bei zwei Abseitstreffern der Equipe tricolore (eines davon haarscharf). Auf der anderen Seite scheiterte Nüsken mit einem ganz schwachen Elfmeter und prolongierte die Serie von absurd schwachen Versuchen vom Punkte bei diesem Turnier.

Also Verlängerung, immer noch 10 gegen 11. Die gefährlichste Szene der Französinnen entschärfte die deutsche Schlussfrau Ann-Katrin Berger mit einer Monsterparade, als sie eine veunglückte Kopfball-Abwehr von Janina Minge von der Linie kratzte: sicher der beste Save des Turniers und vielleicht einer der besten in der EM-Geschichte (Männlein und Weiblein).

https://www.sportschau.de/fussball/frauen-em/weltklasse-parade-berger-verhindert-dfb-rueckstand,fussball-frauen-em-berger-parade-100.html

Mit etwas Glück (eine Französin traf in der Schlussminute der Verlängerung nur die Oberkante der Querlatte, an die Berger den Ball guckte) retteten sich die Deutschinnen ins Elfmeterschießen, und dort avancierte Berger endgültig zur Matchwinnerin. Nicht nur hielt sie 2 Versuche, sondern sie traf auch selbst vom Punkt, als sie selbstbewusst als 5. Schützin antrat und eiskalt verwandelte. Offen bleibt nur, ob ihr die auf einer Trinkflasche aufgemalten Hinweise halfen (Wer dachte da nicht an Jens Lehmanns Zettel 2006 gegen Argentinien, der im Fußball-Museum ausgestellt ist). Und wie es sich für ein deutsches Team im Elfmeterschießen gehört, waren die Schützinnen fast unfehlbar. Sechs verwandelten souverän, nur die extra dafür eingewechslte Sara Däbritz wollte es zu gut machen und zielte etwas zu hoch. Die französische Torhüterin jedenfalls berührte keinen Ball (außer, wenn sie ihn aus dem Tornetz holte).

So viele Parallelen zu den 1980ern und vor allem zur Nacht von Sevilla 1982, als die deutschen Männer sich gegen eine vermeintlich übermächtige Equipe Tricolore durchsetzten. Wieder diese unfassbare Leidenschaft, eine glänzenden Torfrau (die allerdings nicht der Gegnerin die Zähne ausschlug wie einst Toni Schumacher Patrick Battiston. Wobei: Haareziehen ist auch nicht die feine Art).

Apropos Haareziehen: Ich hatte riesiges Vegnügen in einem anderen Blog die Partie zu verfolgen, wo alle denkbaren und undenkbaren Haarwortspiele gemacht wurden. Mir persönlich fiel sofort „Asterix der Gallier“ ein, als der gefangenengenommene Miraculix den Römern statt des Zaubertranks ein Haarwuchsmittel braute (samt tausend Sprüchen über Haare).

Zurück zum Spocht: Die Deutschinnen treffen am Mittwoch auf den klaren Favoriten Spanien. Tags zuvor duellieren sich England und Italien

 

Elfmeterschießen aus Absurdistan

 

Und damit bin ich bei der 2. bemerkenswerten Viertelfinal-Partie, genauer gesagt, dem Elfmeterschießen zwischen England und Schweden, das nach dem 2:2 nach Verlängerung (die Schwedinnen hatten schon 2:0 geführt) nötig wurde. Ich kann es nicht anders sagen: Ein schlimmeres Duell vom Punkt habe ich noch nie gesehen. Nicht nur, dass nur 5 von insgesamt 14 Schüssen erfolgreich waren, sondern viel mehr die (Entschuldigung!) mehr als dilettantische Art, wie zahlreiche Versuche derart schwach in die Hände der gegnerischen Torfrau geschoben wurde, kaum dass der Ball die Torlinie erreicht hätte, ließ mich mehr und mehr staunend und (ich gebe es zu) laut lachend zurück. Zur tragischen Heldin avancierte die schwedische Torfrau Jennifer Falk: Die hielt zwar vier Elfer, versagte aber selbst vom Punkt, als sie den Ball bei ihrem Versuch, der das Match zu Gunsten Sverige entschieden hätte) weit übers Tor drosch.

Am Ende durften also die Engländerinnen jubeln trotz ihrer England-typischen 4 Fehlversuche im Elferschießen.

 

Viertelfinale

Norwegen – Italien 1:2

Das entscheidende Tor erzielte die Squadra Azzurra eine Minute vor Schluss

Schweden – England 5:4 n. E.
Spanien – Schweiz 2:0
Lange wehrte sich die Gastgeberinnen gegen übermächtige Ibererinnen, doch zwei fein herausgespielte Treffer entschieden das Spiel zugunsten der Spanierinnen um die brillanten Bonmati und Putellas

Frankreich – Deutschland 6:7 n. E.

 

Halbfinale

Di., 21:00: England – Italien in Genf/ZDF und DAZN
England ist Titelverteidiger und hat sich von Spiel zu Spiel gesteigert. Italien steht zum ersten Mal seit 28 Jahren in einem EM-Halbfinale

Mi., 21:00: Spanien – Deutschland in Zürich/ARD und DAZN
Bei Olympia 2024 setzte sich das deutsche Team im Spiel um Platz 3 mit 1:0 durch

Böses Spiel mit Marc ter Stegen

Marc-André ter Stegenist ein herausragender Torwart, 2009 absolvierte er für Borussia Mönchengladbach sein erstes von insgesamt 108 Bundesligaspielen, 2014 wechselte er zum berühmten FC Barcelona. Dort avancierte er nach etwas schwieriger Anfangszeit (Claudio Bravo war Stammtorwart) zur unbestrittenen Nummer 1, wurde 2024 Mannschaftskapitän. Mehr als 400 Spiele hat er  für die Katalanen absolviert, zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist allerdings mehr als fraglich, ob ein weiteres hinzukommt.
Denn der FC Barcelona, dieser selbsternannte Weltclub und noch viel mehr, plant nicht mehr mit ihm. Und tut alles, um den teuren Keeper (geschätzte 18 Millionen Gehalt per annum) loszuwerden – trotz eines Vertrages, der 2023 um 5 Jahre verlängert wurde, also noch bis 2028 läuft. Das mit mehr als 1 Milliarde verschuldete Barca muss sparen.

Sparen nach Barca-Art bedeutet: Zunächst verpflichtete der Club den hochbegabten Schlussmann Joan Garcia für 40 Millionen vom Lokalrivalen Espanyol, setzte ter Stegen also einen starken Konkurrenten vor die Nase. Das kommt vor, und ter Stegen gab sich sportlich und wollte den Kampf um den Stammplatz im Tor aufnehmen, den er zu gewinnen glaubte. Doch dann der nächste Rückschlag: Trainer Hansi Flick bedeutete ter Stegen, dass er nur noch Nummer 3 wäre. Das geschah ohne Leistungsabgleich und im Zweifel auf Geheiß der Vereinsspitze, die Flick nicht verärgern wollte und deshalb kuschte. Nummer 2 hinter Garcia sei vielmehr Wojciech Szczesny, also jener 35-jährige Pole, den Barca nach ter Stegens schwerer Patallasehnen-Verletzung 2024 aus dem Ruhestand geholt hatte und der den Deutschen ordentlich, allerdings auch nicht überragend vertreten hatte. Jetzt darf der passionierte Kettenraucher noch ein Jahr anhängen wahrscheinlich ausschließlich auf der Bank; nur damit Barca ter Stegen vergraulen kann, um sich das Gehalt zu sparen (insgesamt mehr als 54 Millionen Euro). Dabei zeigte sich ter Stegen fit, als er im April von de Verletzung wiederkam, war unter anderem bester Deutscher bei den beiden Nations-League-Niederlagen gegen Portugal und Frankreich, verhinderte gar Schlimmeres. Jetzt wurde er verbannt hinter einem Auslaufmodell, darf auch nicht mehr mit der 1. Barca-Mannschaft trainieren.

Natürlich weiß der Club um ter Stegens Dilemma. 2026 steht die Fußball-WM an, und es wäre für den Nationalttorwart nach heutigem Stand das erste mal, dass er ein großes Turnier als  Stammtorwart fürs deutsche Team bestreiten könnte.. Zwar ist er seit 2012 Nationalkeeper, doch an Manuel Neuer gab es 12 Jahre lang kein Vorbeikommen. Zunächst war Neuer tatsächlich klar besser, in anderen Turnieren wollte sich die Trainer erst Löw, dann Flick keinen Stress  machen, die eine (sportlich wohl verdiente) Degradierung Neuers mit sich gebracht hätte. Um allerdings den Nummer1-Status fürs Turnier in Amerika zu behalten, braucht ter Stegen Spielpraxis. Die er bei Barca auf keinen Fall erhält, wie ihm klar bedeutet wurde. Absitzen des Vertrages kommt also eher nicht in Frage, die wirklichen Spitzenclubs sind allerdings auf der Torwartposition schon mehr oder weniger stark besetzt. Galatasaray, bei dem ein Geldscheißer offenbar seine Hinterlassenschaften abgelegt hat, zeigt Interesse; das wäre halt nur türkische Liga, allerdings auch ambitionierte Champions League und ein Wiedersehen mit Leroy Sané Trotdem sicher ein Downgrad.

„Mes que un club“ steht stolz auf der Barca-Homepage. Mehr als Fußball, natürlich nur im Guten. Barca betrachtet sich als Herz und Sprecher der Katalanen, oft auch des überbordenden Katalanismus, der die Separation von Spanien anstrebt. Er galt als das Gute in der Franco-Zeit, wo die Schiris Real Madrid gerne bevorzugten.
„Mes“ galt auch lange Zeit für Großzügigkeit, für Erhabenheit. Als die anderen Vereine schon längst ihre Trikotbrust kommerziell an die meistbietenden verhökerten für zweistellige Millionenbeträge, war das blaurote Trikot erst blank, dann durfte Unicef kostenlosfür seine Dienste werben.
Vorbei, vergessen: Jetzt wirbt Barca für kolportierte 70 Millionen für ein Streamingportal, das ist sehr viel „mes“. Doch Barca und die Finanzen, das ist mittlerweile eine äußerst übelriechende Geschichte. Mehr als 1 Milliarde Euro Schulden hat der FC Barcelona mittlerweile angehäuft, abstruse Gehälter einerseits (alle netto gezahlt), riesige Ablösesummen, und jetzt kommt auch noch der Aus-/Umbau der heiligen und so großartigen Spielstätte Camp Nou in die gigantischste, größte und (natürlich beste( Spielstätte Europas hinzu. Insgesamt 1,5 Milliarden Euro wurden dafür veranschlagt (neben dem reinen Stadion für 105.000 Zuschauer, ein Hotel, eine Basketball-Arena, Büros und ein Fancenter). was so eine moderne Arena halt so braucht). Camp Nou neu ist allerdings im Verzug, die Baukosten sind explodiert, erst 2026 ist die Arena vollständig fertig.
Damit Barca überhaupt eine Lizenz erhält, hat es sein Tafelsilber verkauft. Viele Logen in der neuen Super-duper-Arena sind schon bis über 20 Jahre im Voraus verkauft, ebenso Werbeeinnahmen bis übers Jahr 2040 hinaus.
Sogar der sehr nachsichtige spanische Verband achtet mittlerweile auf Finanzgebaren. Neue Spieler werden nur genehmigt, wenn die Summen nur durch Verkaufe anderer Profis gedeckt sind. Wahrscheinlich nur deshalb scheiterte der Wechsel des Hochbegabten Nico Williams von Athletic Blilbao, weil Barca dem Spieler keine Spielgarantie geben konnte.

Barca war immer ein Sehnsuchtsort der Fußball-Romatiker. Seit Johan Cruyff in den 70ern spielte und seit den 90ern das neue Barca erschuf mit dem berühmten Tiki Taka in diesem wunderschönen Camp Nou; das dann Pep Guardiola mit Superspielern wie Xavi und Iniesta und Busquets zur Perfektion trieb, garniert mit dem unerreichten Genie des Lionel Messi. Jetzt ist das das stolze „mes“ einem traurigen „mes“, also eher einem „menys“ gewichen. Wo verdiente Spieler vergrault werden, wenn es dem allmächtigen Präsidenten Laporta gefällt (wie Ilkay Gündogan 2024 ebenfalls als Kapitän, der immerhin bei ManCity und Pep Unterschlupf fand=. Jüngsten Gerüchten hat Pep Interesse an ter Stegen gezeigt, dann würde sich das üble und falsche Spiel für ter Stegen würdevoll schließen.

Und nachdem ich das alles aufgeschrieben habe, platzt die Meldung hinein, dass ter Stegen eine erneute Operation an seinem Knie plant. 4 Monate Pause würde das bedeuten und höchstwahrscheinlich das Ende aller WM-Träume als Torwart auf dem Feld. Das wäre eine allzu traurige Pointe eines üblen Spiels.

Frauke Brosius-Gersdorf und das Verfassungsgericht – ein Versuch der Einschätzung

Vorbemerkung: Diesen Text habe ich am Dienstagabend geschrieben, damit ich meine Gedanken über diesen in der deutschen Geschichte einmaligen Vorgang ordne. Jetzt gebe ich ihn frei , nachdem ich ihn nach einer Nacht überschlafe noch mal überdacht und korrigeiert habe.

Da saß die zurzeit wohl heißdiskutierteste Person des Landes bei Markus Lanz. Frauke Brosius-Gersdorf hat ein schreckliches Wochenende hinter sich, wie sie freimütig bekannte. Der in Morddrohungen gipfelnde Hass gegen sie persönlich hat sie mitgenommen. Und doch versuchte sie, ihre Position klarzumachen: nämlich dass sie keine linke Aktivistin sei, sondern sie mit ihren rechtlichen Ansichten in der Mitte der Gesellschaft sei.
Ein beispielloser Shitstorm vor allem rechtsradikaler Medien und Online-Portalen wie das AfD-nahe Nius hatte vergangenen Freitag letztlich ihre Wahl zur Verfassungsrichterin verhindert. Eigentlich schien diese eine Formsache, weil der Wahlausschuss am Montag zuvor mit einer Zweidrittelmehrheit (und damit zwingend mit mindestens 4 der 5 Stimmen der Union) ihre Wahl (sowie die von zwei weiteren KandidatInnen) abgesegnet hatte. Normalerweise winkt dann der Bundestag die Kandidaten durch, manche Abgeordnete sicher mit Bauchweh. Aber normalerweise werden grundsätzliche Bedenken schon früh nach Bekanntgabe der Kandidaten geäußert, also in diesem Fall ab Anfang Juni. Und es gab Bedenken: so große sogar, dass ein Kompromiss geschlossen wurde. Die SPD gab die Zusage, dass Brosius-Gersdorf nicht in einigen Jahren Senatsvorsitzende werden würde, wie es der Stellenplan eigentlich vorsah.

Ein Aspekt fehlt mir ohnehin völlig in der Diskussion: Nicht nur haben mindestens 4 der 5 Union-Mitglieder im Wahlausschuss sich für die Kandidatin ausgesprochen. Auch in der Union-Fraktion gab es  eine klare Mehrheit für Brosius-Gersdorf. Laut Spahn waren es “bis zu 60” von insgesamt 208, die sich dagegen ausgesprochen haben. Der Rest, also mehr als 140, hätten die Kandidatin durchgewinkt (und sei es mit der Faust in der Tasche). Nur weil die AfD so zahlreich im Bundestag sitzt, hätte dies vielleicht nicht gereicht.
Leider höre ich von den offenbar gemäßigten Unionisten überhaupt nichts mehr. Gedächtnisverlust? Maul- und Klauenseuche? Umgedreht worden unter Androhung von Waterboarding? Sehr traurig.
Und ein Markus Söder fordert die Kandidatin zum Rückzug auf, obwohl (nach allem was ich gelesen habe) die CSU-Fraktion geschlossen für Brosius-Gersdorf gestimmt hätte, zumindest niemand laut protestiert hat..

 

Die Rolle des Jens Spahn

 

Dass ein Fraktionsvorsitzender wie hier Jens Spahn von der Union erst am Tag der Wahl merkt, dass er nicht die erforderlichen Stimmen zusammenbekommt, hat es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie gegeben. Was ist da so schrecklich schiefgelaufen, dass eine Juristin mit bestem Ruf (trotz durchaus umstrittener Ansichten) jetzt wie eine linksradikale Agitatorin, ja wie eine Schwerverbrecherin gehandelt wurde und auf jeden Fall ihren guten Ruf erst mal (hoffentlich nur erst mal) verloren hat. Maßgeblich beteiligt waren wie gesagt die AfD und rechtsradikale Online-Portale: Ich hab mal bei Nius geschaut, was die so hetzen, es ist wirklich kaum zu ertragen. Ziel der AfD ist es nachweislich, dass sie einen Keil zwischen SPD und Union treibt, und diese Richterwahl war offenbar genau die richtige Gelegenheit. Und so hagelte es nachweislich falsche Vorwürfe, etwa, dass sie Abtreibungen bis zur Geburt für rechtmäßig hielte (Beatrix von Storch). Vor allem die Union-Bundestag-Mitglieder wurden zudem mit E-Mails überflutet (größtenteils KI-generiert), die diese von einer Nichtwahl überzeugen wollten. Das Fass zum Überlaufen brachte dann ein Plagiatsvorwurf des bekannt-berüchtigt-umstrittenen Plagiatsjägers Weber, der Ungereimtheiten/Gemeinsamkeiten  ihrer Doktorarbeit und in der Habilitation ihres Mannes entdeckt haben wollte. Am Tag der Wahl wurden diese offengelegt, so ein Zufall aber auch. Erst zu diesem Zeitpunkt will Spahn erkannt haben, dass er nicht die erforderlichen Union-Stimmen für die Kandidatin erhalten würde. Begründet wurden sie dann tatsächlich mit den durch nichts bewiesenen Vorwürfen, die Weber noch am Vormittag explizit nicht als Plagiats-Vorwurf verstanden lassen wollte. Das half auch nichts mehr. Nach Rücksprache mit der SPD wurde die gesamte Richterwahl abgesagt(also auch der beiden anderen KandidatInnen), und das am letzten Sitzungstag vor der Sommerpause.

Die Hetzerei und falschen Beschuldigungen gingen übers Wochenende ekelhaft weiter, wobei auch hochrangige (katholische) Kirchenvertreter wie der Bischof von Bamberg sich der rechten Hetzerei anschlossen (schon vorher hatte dieser gehetzt). Die Union fordert eine Rücknahme der Kandidatur, die SPD beharrt auf ihr. Im Fokus der Vorwürfe steht vor allem Jens Spahn, der mit der Maskenaffäre ohnehin schon bis zur Unterkante Oberlippe im Sumpfe steckt. Ich sehe das so:

  • Entweder er hat den Unmut von den ungefähr 50 Abweichlern unterschätzt oder gar nicht wahrgenommen (weil er mit seiner Maskenaffäre so beschäftigt ist?), die aus „Gewissengründen“ (vornehmlich wegen der Ansichten zur Abtreibung) eine Wahl nicht vornehmen könnten. Dann hat er seinen Laden nicht im Griff, denn genau das ist die Stellenbeschreibung eines Fraktionsvorsitzenden. Freies Madat hin oder her, das hier als Begründung herhalten muss.
  • Oder: Er hat die Stimmung erkannt, aber die Wahl mit Absicht zu so einem späten Zeitpunkt torpediert. Aus rein egoistischen Gründen (um vielleicht in der Fraktionals glorreicher Verhinderer dieser angeblich unzumutbaren Frau dazustehen). Oder gar, um die ganze Koalition zu sprengen, damit er nach den folgenden Neuwahlen als Kanzler eine Schwarz-blaue Koalition anführt. Nicht nur ich halten letztgenannte Vermutung keineswegs für abwegig, sondern gar nicht so unwahrscheinlich (ich formuliere es noch vorsichtig, weil ich nur Indizien, keine Belege habe).

 

Frauke Brosius-Gersdorf bei Lanz

 

Angesichts der nicht enden wollenden Vorwürfe sah sich die Kandidatin genötigt, von sich aus die Öffentlichkeit zu suchen, was extrem ungewöhnlich ist (und ihr vielleicht auch auf die Füße fällt). Am Dienstagvormittag mit einem Schreiben, in dem sie ihre Positionen klar benannte. Später bei Lanz. Dort sahen wir eine sichtlich angefasste (wen wunderts), aber auch sehr gefasste Frau. Hervorragend geführt durch gute Fragen des Moderators (vielleicht die beste Lanz-Sendung seit Jahren!) glänzte sie gerade mit ihrer sachlichen Begründung der umstrittenen Standpunkte.

  • Das AfD-Verbot? Habe sie nie gefordert, aber wohl das vom Grundgesetz vorgesehene Verfahren, wenn Anhaltspunkte vorliegen. Dieses sei dann zwingend, dabei bleibe sie.
  • Der Schwangerschaftsabbruch? Eine Legalisierung noch im 9. Monat habe sie nie gefordert, im Gegenteil. Sie plädiere allerdings tatsächlich nicht nur für Straffreiheit in den ersten 3 Monaten, sondern sogar für die Rechtmäßigkeit des Tuns. Bedeutet: Abschaffung des §218. Und diese Rechtmäßigkeit sehe auch der Koalitionsvertrag vor. Dort nämlich heißt es, dass die Krankenkassen in Zukunft einen solchen Eingriff bezahlen bezahlen sollen. Dies allerdings sei eben nur dann verfassungsrechtlich zulässig, wenn der Eingriff nicht rechtswidrig ist.
  • Die Menschenwürde des Ungeborenen: Könne bis zur Geburt nie den gleichen Standard wie Menschenwürde der Schwangeren sein. Weil eine Abwägung zweier Leben nicht möglich sei dann auch bei Lebensgefahr für Kind Und/oder Frau nicht gestattet sei.
    Anmerkung von mir: Diese Abwägung von Menschenleben ist auch in anderen Fällen nicht möglich. Sogar wenn ein Flugzeug in feindlicher Absicht in Richtung eines vollbesetzten Stadions fliegt, darf es nach herrschender Meinung nicht abgeschossen werden (um Abertausende Menschenleben zu retten zum Preis der Flugzeuginsassen). Das ist die Juristerei, die ich liebe. 

    Dies bedeute nicht, dass das Ungeborene keine Rechte habe, im Gegenteil. Je weiter die Schwangerschaft fortgeschritten, desto mehr verschiebt sich die Waage von der Schwangeren zum Ungeborenen. Deshalb auch de straffreie Abbruch nur in den ersten 12 Wochen.

 

Mich hat der Auftritt voll übezeugt. Frauke Brosius-Gersdorf wäre ein Gewinn fürs Verfassungsgericht. Eine offenbar sehr kluge Frau, sehr überzeugend im Duktus (und manchmal vielleicht allzu sehr). Und eines ist außerdem zu beachten. Eine Rechts-Wissenschaftlerin (die unter anderem Möglichkeiten auslotet, Probleme frei aussucht, Fragen stellt, die dann in der Jurisprudenz diskutiert werden) hat völlig andere Aufgaben als eine Verfassungsrichterin, die ans Grundgesetz, also geltendes Verfassungsrecht gebunden ist und fallgebunden entscheiden muss.
Anmerkung: Was hätte ich als Student diese offenbar sehr kluge und verbindliche Frau gerne als Professorin im Verfassungs/Verwaltungsrecht gehabt und nicht den, den ich hatte … Wahrscheinlich hat sie auch Haare auf den Zähnen, wenn ihr was gegen den Strich läuft.

Aber nicht alle teilen diese Ansicht, das sei zugegeben. Die „Welt“ hetzt weiter, findet es indiskutabel und dem Ansehen einer Verfassungsrichterin unwürdig, dass sich FBG gegen Kritik wehrt. Dabei hat diese ausdrücklich betont, dass sie natürlich wisse, dass nicht jedermann ihrer Ansicht sei. Sie habe sich nur gegen die völlig unsachliche, mit Lügen behaftete Schmähkritik gewehrt und nur deshalb den Weg in die Öffentlichkeit gesucht.

 

Wie geht es weiter?

 

Zurzeit stehen sich Union und SPD unversöhnlich gegenüber, die Sommerpause dürfte der Jahreszeit entsprechend heiß werden. Bisher lehnt die Union sogar ab, dass sich die Kandidatin vor der Fraktion erklärt und sich den Fragen stellt. Die SPD kann die Kandidatin letztlich nicht zurücknehmen, ohne dass sie ihr ohnehin angeschlagenes Ansehen bei der Basis/Fraktion/Wähler völlig verliert. Brosius-Gersdorf hat betont, sie erwäge einen Rückzug, wenn sie das Ansehen des Verfassungsgerichts  oder die Koalition als gefährdet ansehe, vor allem angesichts was dann drohe.

Ich fürchte, auf einen „freiwilligen Rückzug aus persönlichen Gründen“ wird es hinauslaufen, weil die Union absolut unversöhnlich ist, wie auch gestern die indiskutablen und an Plumpheit/Voreingenommenheit nicht zu überbietenden Auftritte einer Doro Bär (die insgesamt nicht so viel Klasse hat wie Brosius-Gersdorf im kleinen Finger) oder des wie gewohnt sinnlos polternden bayer. Ministerpräsidenten. Eines ist allerdings auch klar: Ein Rückzug der Kandidatin wäre eine Katastrophe fürs Verfassungsgericht, weil sich dann die rechtsradikalen Hetzer als Gewinner fühlen dürfen und jeden weiteren Kandidaten mit nicht genehmen Ansichtenauf dieselbe schäbige Art und Weise verunglimpfen. Sollte es doch dazu kommen, müsste die SPD im Gegenzug den Untersuchungsausschuss gegen Spahn beantragen. Wenn dieser widerliche, unfähige und trotzdem kreuzgefährliche kreuzgefährliche Mensch nichts mehr zu sagen hätte, dann würde sich das Opfer vielleicht sogar lohnen.