Natürlich komme auch nicht nicht um Lindley Vonn herum. Aber ich möchte die Erfolgreichen in den Vordergrund stellen, anders als so viele Zeitungen, sogar diejenigen, die sich Qualitätsmedien nennen.
Wackelfahrt zur Medaille
Das Wort Traumlauf fällt mir jetzt nicht auf Anhieb ein, wenn ich an Emma Aicher denke. Am Anfang wurde sie herumgeschleudert, als wäre sie in eine Waschmaschine geraten und auch danach hatte sie gerade bei den Sprüngen einige Unsicherheiten. Doch das Wichtigste: Die Ski zeigten immer abwärts, und wenn denn eine Abfahrtstrecke Fehler verzeiht, dann die die Tofana hinunter.
Extrem anspruchsvoll zeigte sie sich, eine echte Herausforderung. Als Erste von den Top-Fahrerinnen nahm Breezy Johnson die Fahrt auf und schnell Fahrt auf. Einmal verlor sie allerdings ziemlich die Linie, doch gerade in den kurvigen Teil hatte sie den perfekten Kurs genommen. Hier erarbeitete sie sich den Vorsprung, der letztlich zu Gold reichen sollte. Hier schließt sich der Kreis, denn 2002 hatte sich Johnson auf der Tofana so schwer verletzt, dass sie Olympia streichen musste
Emma Aicher: Ihre Fahrten schauen ja nie sehr schnell aus. Aber in der Ruhe, die sie offenbar von ihrer schwedischen Mutter mitgekommen hat (ich lasse auch kein Klischee aus) liegt nicht nur Kraft, sondern Schnelligkeit. Am Ende fehlten vier Hundertstelsekungen – es ist völlig unsinnig die Fahrt jetzt nach dieser Winzigkeit abzusuchen. Als ich die Zeitlupenaufnahmen sah, fiel mir der wehene Zopf auf, und ich stellte mir die Frage: Muss das in Zeiten sein, wo Aerodynamiker bei Anzug, Stöcke und Ski auch nach den allerkleinsten Verbesserungsmöglichkeiten suchen.
Aicher gebührt jedenfalls Gold für den besten Spruch des Tages: Ich bin ja eigentlich nie nervös und im Ziel jetzt heute – brutal. Also ich ging mir selber schon auf den Sack, weil ich einfach nervös war.“
Fast die größte Hochachtung habe ich vor Sofia Goggia. Sie musste die endlose Pause nach Vonns Sturz ertragen, vielleicht hat sie ihn sogar mitangesehen und die Schreie gehört. Die beiden verstehen sich ja sehr gut. Selbst hat die Italienerin ja auch schon schwere Sturzverletzungen erlitten, weil sie allzu viel Risiko nahm (auch in Cortina). Doch diesmal gelang Goggia eine für ihre Verhältnisse fast ereignisloser Lauf und belohnte sich völlig zurecht mit der Bronzemedaille. Jahrelang war sie ja nach Vonns Rücktritt die beste Abfahrerin im Skizirkus.
Das Drama um Lindsey Vonn
Für die Abergläubischen. Vonn fuhr mit Startnummer 13 und ihre Fahrt war nach 13 Sekunden zu Ende. Schrecklich die Bilder, wie sie es in die Luft stellte und im Schnee liegenblieb. Dass die Ski nicht aufgegangen waren, konnte nichts Gutes verheißen. Die Diagnose lautet Bruch des Unterschenkels, noch glimpflich, wenn ihr mich fragt. Sie wurde bereits zweimal operiert, die Karriere dürfte unwiderruflich zu Ende sein.
Soviel zu den dürren Fakten, und alle stellen sich jetzt die Frage. Konnte das mit gerissenem Kreuzband überhaupt gut gehen, und war es nicht verantwortungslos von den Betreuern, die überehrgeizige Vonn fahren zu lassen. Dazu gebe ich zu bedenken: Lindsey Vonn ist nicht die mit Abstand besten Abfahrerin aller Zeiten geworden, als dass man (etwa ihr Trainer Aksel Lund Svindal) ihr die Fahrt ihres Lebens hätte ausreden können. Auf das sie zwei Jahre hingearbeitet hat: Allein der Umstand, dass die olympische Abfahrt auf der von ihr geliebten Tofana (12 Weltcup-Siege) stattfinden würde, hat sie angeblich erst zu ihrer Rückkehr bewegt.
Zudem: Die Ärzte gaben ihr medizinisches Okay, wenngleich mit Bauchgrimmen. Es wurde ja auch in allen Medien von Medizinern bestätigt, dass diese Fahrt ohne Kreuzband zwar risikobehaftet sei, aber durchaus möglich, auch weil Vonns Beine außergewöhnlich gut trainiert waren. Und machte sie nicht in den Trainings einen guten Eindruck, im Gegensatz etwa zu Emma Aicher, die in einem Lauf mehrere Tore verpasste?
Es sollte der Lauf ihres Lebens werden. Es war klar, dass sie nicht nur dabei sein wollte, sondern gewinnen (wenigstens eine Medaille). Ich hatte ja prophezeit: Sieg oder Akkia (Hubschraubertransport), und sehr viele, die sie überehrgeizig am Start sahen, ahnte, dass ein Sturz sehr wahrscheinlich war. Der ja unglücklich zustandekam, weil sie ein Tor zu eng nahm und mit der Schulter daran hängen blieb und ersten Analysen zufolge nichts damit zu tun hatte, dass ihr Knie ohne Kreuzband und deshalb instabil war. Vielleicht war es sogar ein Glück, dass sie mit vergleichsweise geringer Geschwindigkeit stürzte und nicht mit 130 Sachen nach dem Tofana-Sprung.
Ich finde die Medien extrem heuchlerisch. Die eigentlich Frau Vonn dankbar sein müssten, weil die Amerikanerin sie eine Woche, ach was: fast 2 Jahre lang lang mit Stoff versorgte. Jetzt zu schreiben, sie hätte gar nicht starten dürfen, finde ich heuchlerisch. Genau wie die Berichterstattung zum Sturz. Dem „Spiegel“ war das eine sofortige Push-Nachricht wert, lange bevor das Rennen zu Ende war. Auch in allen Nachrichtensendungen ging es erst um den Sturz und erst dann um die grandiose Emma Aicher; wer gewonnen hatte, erfuhr man eher beiläufig. Sogar „meine“ SZ kommentierte natürlich Vonns „Irrsinn“. Die Medien gieren nach Sensationen, und Vonn, mit dem Medienzirkus bestens vertraut, „lieferte“.
Wer Vonn kritisiert, kritisiert eigentlich die Disziplin Abfahrt. Nämlich den kompletten Irrsinn, sich mit weit mehr als 100 Sachen eine zum Teil vereiste Piste runterzustürzen. Je mehr Risiko, desto gut. Bei Abfahrtsolympiasieger Franjo van Allmen hält man automatisch die Luft an, so verwegen rast er hinunter. Vor zwei Jahren, als Cyprien Sarrazin mit unfassbarem Risiko einen Doppel-Triumph in Kitzbühel schaffte, da bekannte der damals 32-jährige Vincent Kriechmayr, er sei doch nicht verrückt, so zu fahren. Knapp 10 Monate später stürzte Sarrazin in Bormio so schwer, dass sein Leben ernsthaft in Gefahr war. Es ist sehr fraglich, ob er auf die Abfahrtspisten zurückkommt.
Nicht falsch verstehen: Ich selbst bin von der Abfahrt fasziniert. aber von den Typinnen und Typen auf den schmalen Brettern von Vernunft geleitete Entscheidungen zu erwarten, wäre wirkllich vermessen.
Jetzt wünsche ich Lindsey Vonn nur, dass sie wieder gesundet. Sie hat das Unögliche versucht und dafür teuer bezahlt. Aber wenigstens nicht mit dem Leben oder einer dauernden körperlichen Schaden.
Bronze trotz der Waschmaschine
Die deutschen Biathleten atmen auf. Schon im ersten Wettbewerb schafften sie die ersehnte Medaille, der Rest ist Zugabe. Es war ein Rennen, das wie so oft erst am letzten Schießen entschieden wurde. Die Französin Julia Simon setzte in Rekordzeit einen Treffer dem anderen – Gold. Lisa Vitozzi machte es ihr als italienische Schlussläuferin gleich – Silber. Drama beim Zweikampf um Bronze zwischen der Deutschen Franziska Preuß und der Norwegerin Maren Kirkeeide. Fehler blinkten auf – hier wie dort, und das erstaunlich oft. Am Ende musste Preuß einmal in die Strafrunde, und wirkte sich jur deshalb nicht nachteilig aus, weill ihre Kontrahentein zweimal in die zusätzlichen 50 Meter musste.
Die „Waschmaschine“ habe sie gehabt, berichtete Preuß hinterher. So nennen die Biathleten das Zittern in Beinen und dem ganzen Körper, das sie manchmal ereilt, wenn sie am Schießstand zu lange stehen müssen.
Unfassbar die Schießleistungen der anderen Deutschen, die nicht eine Scheibe verfehlten. Justus Strelow, Philipp Nawrath und Vanessa Voigt trafen alle 10 Scheiben – wie übrigens auch Franzi Preuß beim Liegendschießen.
Und sonst?
- Rodel-Gold: Vier Fahrten, viermal Bahnrekord. Max Langenhan setzte Maßstäbe. Der Deutsche siegte klar vor dem Österreicher Jonas Müller und Dominik Fischnaller aus Italien.
- Ösi-Gold: Snowboarder Benjamin Karl wiederholte seinen Triumph von Paking im Parallel-Riesenslalom. Nach seinem Sieg im Finallauf gegen den Koreaner Sang-Kyum Kim entblätterte er sich wie angekündigt. Gleich vier Schichten musste er abragen, bis der 40-Jährige seinen Adonis-Oberkörper präsentieren konnte. Wie leicht hatte es da Diskusriese Robert harting, der nur ein dünnes Shirt zerfetzen musste.
Den österreichischen Triumph machte Sabine Payer perfekt, die sich erst im Finale der Tschechin Zuzana Maderova geschlagen geben musste, über ihre Silbermedaille hocherfreut war.
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