Australian Open, Halbfinale

 

Was habe ich mich beschwert, dass es zu glatt läuft bei den Männern. Nun, angesichts der beiden 5-Satz-Thriller am Freitag bin sicher nicht nur ich besänftigt, sondern jeder Tennis-Fan. 2 Halbfinals, 2 Fünfsatz-Thiriller, zweimal Drama ohne Ende, zweimal siegte nicht unbedingt mein Favorit.

Zunächst Carlos Alcáraz vs Alexander Zverev. Der Weltranglistenerste gegen den Deutschen, der noch nie ein Grand-Slam-Turnier gewonnen hat. Relativ beschaulicher Beginn, Fehler auf beiden Seiten, Carlitos nutzt die erste Aufschlagschwäche zum Break und kurze Zeit später tütet er den ersten Satz ein.

Im 2. Satz wird Zverev stärker, gerade sein 1. Service bereitet dem Spanier unlösbare Probleme. Selbst schafft er ein Break, doch gerade beim Game, als er beim Stand von 5:3 auf den Satz aufschlägt, verlässt ihn der Aufschlag, gegen den überragenden Retournspieler Alcáraz darf man sich so etwas nicht leisten. Break Alcáraz, Zverev verzweifelt und gleich noch mal Break Alcáraz und gleich darauf die 2:0-Satzführung. Wohl niemand in der Rod-Laver-Arena und an den Bildschirmen, der jetzt noch viel Chips auf den Hamburger gesetzt hätte.

Doch die Tennisgötter wollten Drama. Dieses bahnte sich an, als Alcáraz plötzlich sehr viel langsamer agierte und beim eigenem Aufschlag nicht mehr hochsprang. Typischer Fall von Krämpfen, der verzweifelte Alcáraz wankte, war sichtlich gehandicapt, nahm sich eine Pause und rief den Physio. Wass den Regeln zuwiderläuft, denn nach denen darf man wegen einer körperlichen Erschöpfung kein medical timeout nehmen, diese Erschöpfung ist gewissermaßen im Spiel impliziert. Der Stuhlsichiedsrichter gewährte sie dennoch, wegen eine „Adduktorenverletzung“, wie es später zur (lahmen) Begründung hieß.

Zverev regte sich auf, doch er besann sich und gewann diesen am Ende sehr merkwürdigen Satz im tiebreak. Merkwürdig deshalb, weil sich Alcáraz zwar kaum bewegen konnte, Zverev aber nicht so recht wusste, wie er mit dieser Bewegungslosigkeit umgehen sollte. Aus dem Stand knallte Alcáraz einige unerreichbare Bälle, aber irgendwie rettete sich Zverev im Tiebreak.

Der vierte Satz wogte dann hin und her mit dem sich zunehmend erholten Alcáraz. Zverev aber hatte jetzt sein Spiel gefunden und gewann auch diesen Durchgang im Tiebreak. Und als er im fünften Satz als Erster ein Break schaffte, schien er tatsächlich auf der Siegesstraße.

Wenn nur diese verdammte Müdigkeit nicht gewesen wäre, kein Wunder, denn zu diesem Zeitpunkt waren weit mehr als viereinhalb Stunden gespielt. Längst war der Aufschlag des Deutschen nicht mehr so wuchtig und effizient. Dennoch schaffte es Zverev, irgendwie seinen Aufschlag zu halten, weil Alcaraz – auch nicht mehr der Frischeste – einige glasklare Breakmöglichkeiten vergab. Und weil Zverev mit einem unfassbaren Vorhandschuss (mein Schlag des Turniers) aus dem Lauf das Game zum 5:3 machte. Andrerseits tat er beim Aufschlag des Spaniers viel zu wenig, um sich noch ein weiteres Break zu besorgen.

Das sollte sich rächen. Beim Stand von 5:4 schlug Zverev zum Match auf, doch diesmal ließ sich Alcáraz gegen das immer schwächere Service die Chance nicht entgehen – Break. Zverev war tatsächlich gebrochen (Break, gebrochen, hihi), auch wenn es nominell Unentschieden stand sah jeder im Stadion und vor den Fernsehgeräten, dass Zverev ein geschlagener Mann war. Der verwandelte Matchball von Alcáraz war dann nur noch die offizielle Bestätigung, dass alles vorbei war. 5:26 Stunden hatte das Drama gedauert, so lange wie noch nie ein Halbfinale bei den Australian Open. Und noch viel länger werden sehr viele Menschen erregt über dieses Spiel mit so vielen Wendungen reden. „We call it a Klassiker“.

 

Der unfassbare Djokovic

 

Das ewig lange Zverev-Match hatte zur Folge, dass das zweite Halbfinale zwischen Titelverteidiger Jannik Sinner und Novak Djokovic erst um kurz vor 22 Uhr Ortszeit begann und kurz vor 2 Uhr nachts endete.

Sinner startete furios, gleich mit einem Break, und sicherte sich ohne Probleme den ersten Satz. Doch Djokovic wollte sich nicht kampflos ergeben wie bei den letzten Aufeinandertreffen in den Grand-Slam-Halbfinals, als er keine Schnitte sah. Sein Aufschlag kam konstant gut und bereitete dem Italiener erhebliche Probleme. Mit dem dritten Breakball nahm der Serbe selbst Sinner den Aufschlag ab und konnte dieses Break trotz bester Chancen von Sinner zum Satzausgleich transportieren.
Satz 3 ging dann wiederum an Sinner, der vierte Durchgang an den Djoker. Und das nächste Drama begann mit dem Titel  „Jannik Sinner – oder wie vergebe ich Breakchancen“: je nach Fanlager Komödie oder Tragödie.

1. Beim Stand von 1:0 hat Sinner 2 Breakchancen, Djokovic wehrt ab und gewinnt den Aufschlag zum 1:1.
2. Beim Stand von 2:1 hat Sinner 3 Breakchancen, Djokovic wehrt ab und gewinnt den Aufschlag zum 2:2.
3. Zwei problemlose Aufschlagspiele – 3:3
4. Sinner kassiert das Break zum 3:4, Djokovic nutzt dabei die allererste (und letztlich einzige) Chance im Satz .
5. Beim Stand von 4:3 für Nole hat Sinner 3 Breakchancen, Djokovic wehrt ab und gewinnt den Aufschlag zum 5:3.
6. Djokovic führt 5:4, vergibt 2 Matchbälle in Folge, einen davon mit unfassbar schwachen Volley bei sperrangelweitem Platz. Noch mal Hoffnung für den Titelverteidiger? Nein. Djokovic bleibt stoisch, lässt einen Service-Winner folgen, und den dritten Matchball verwandelt er. Und wie Alcáraz im ersten Halbfinale sinkt er in die Knie, als habe er schon das Turnier gewonnen. Wobei dieses unfassbare Match dem 38-jährigen Djoker schon wie ein Turniersieg vorkommen musste.

 

Ach, die Frauen spielten auch …

 

Nämlich am Donnerstag. Ich machs kurz und schmerzlos – analog zu den kurzen und höchstens für die Verliererinnen schmerzhaften Partien. Aryna Sabalenka und Lena Rybakina setzten sich praktisch ungefährdet in je zwei Sätzen gegen Elina Svitolina und Jessica Pegula durch. Keine große Geschichte zu erzählen *

Ein kleiner, böser Vergleich der Halbfinali

Frauen:  2 Spiele, 4 Sätze, Spielzeit insgesamt 2:56 Stunden (2 schon vergessene Partien)
Männer: 2 Spiele, 10 Sätze, Spielzeit insgesamt 9:36 Stunden (2 unvergessliche Tennis-Klassiker)

 

Ansetzungen der Finali

 

Frauen, Sa., 09:30: Sabalenka – Rybakina (alle Sympathien für Lena)

* eine kleine Geschichte gabs beim Sabalenka-Match dann doch. Ich hab mich hier ja schon öfter über das meines Erachtens unsportliche Rumgeschreie von Sabalenka mokiert, das sie auch gezielt einsetzt, um die Gegnerin zu stören. Nun, tatsächlich erteilte die großartge Stuhlschiedsrichterin Louise Engzell Sabalenka wegen eines besonders fiesen Schreis verwarnt und erntete ungläubige Blicke. Ich hoffe auf eine Wiedeholung im Finale, gerne auch mit Punkt- und Spielabzug.

Männer, So., 09:30: Alcáraz – Djokovic (all but Nole)