Deutsche Riesen sind meistertauglich

Die Vorrunde der Basketball-Europameisterschaft ist absolviert, und die deutschen Hoffnungen auf eine Medaille, vielleicht sogar auf den Titel, sind durch die 5 Auftritte bestimmt nicht kleiner geworden. 5 überzeugende Erfolge gelangen dem Team, 4 davon mit einer dreistelligen Punkte-Ausbeute. Und das, obwohl der neue Bundestrainer Alex Mumbro wegen akuter Beschwerden am Bauch im Krankenhaus lag und nicht in der Halle war. Mittlerweile ist er aus dem Krankenhaus in Tampere entlassen und dürfte in der K.o.Runde wieder coachen. Jedenfalls wurde er von Alan Ibrahomagic glänzend vetreten, mit dem er in ständiger Verbindung war und ist.

Nun muss ich natürlich einschränken, dass die Gegner nicht unbedingt die allererste Klasse waren. Aber die Art und Weise, wie Franz Wagner, Dennis Schröder und Co. Montenegriner (nach fahriger Anfangsphase), Briten und Schweden beherrscht hatten war eindrucksvoll. Auch die beiden „Auswärtspartien“ gegen Litauen (tausende Fans hatten sich in nahe Tampere gemacht) und Gastgeber Finnland waren letztlich eine klare und ungefährdete Angelegenheit. Und eben nicht nur Wagner und Schröder zeigten ihre Stärke, das ganze Team wirkt extrem harmonisch, vielleicht sogar noch stärker als beim WM-Triumph vor zwei Jahren in Asien. Allerdings mit einer Schwäche, die dem Team böse auf die Füße fallen könnte: den Defensivrebound. Sogar die Finnen angelten sich gegen die Deutschen 19 Rebounds am  offensiven Brett

Können die deutschen Basketballer tatsächlich Europameister werden? Ich sehe nicht, was dagegenspricht, aber ein Selbstgänger ist der Weg vom Achtelfinale ab Samstag bis zur Pokalübegabe am Sonntag eine Woche danach (alles jetzt in Riga) natürlich nicht. Aber in den anderen Gruppen hat sich jetzt auch kein Übergegner herauskristallisiert. Sehr gut haben mir die Türken gefallen, die in einer grandiosen Partie (wohl die beste der Vorrunde) den Titelfavoriten Serbien bezwungen haben. Also ist auch Nikola Jokic, der beste Basketballer der Welt, schlagbar mit seinem serbischen Team. Zumal jetzt mit Bojan Bogdanovic ein sehr wichtiger Spieler fehlt. Schlagbar heißt natürlich nicht, dass Deutschland gegen Serbien (wenn ich aufs potenzielle Halbfinale vorausblicken darf) auch mit Sicherheit schlagen wird, denn da spielt der gewisse Jokic mit …).
Die Türken ihrerseits sind allerdings tatsächlich brandgefählich mit ihrem Super-Center Alperin Sengün von den Houston Rockets, einer meiner absoluten Lieblingsspieler.

Und sonst? Natürlich die absoluten Weltklassespieler Giannis Antetokuonpo (Griechenland) und Luka Doncic (Slowenien), die an einem fabulösen Tag jeden Gegner praktisch im Alleingang bezwingen können. Ob das allerdings in gleich vier Spielen innerhalb von nur einer Woche gelingt, erscheint mir doch fraglich, und die jeweiligen Teams wirken nicht breit genug aufgestellt im Kader für diesen Parforceritt.
Italien und Frankreich (ohne den Außerirdischen Victor Wembanyama), idurchaus stark, mmer gefährlich, allein mir fehlt der Glaube.

Aufmerksame und des Basketballs kundige Leser werden ein Team vermissen: den Alles-Gewinner und Titelverteidiger Spanien, das doch aus aussichtslosesten Situationen noch heil und erfolgreich herauskommt. Doch die Ibero-Freunde müssen stark sein, das verjüngte Team ist tatsächlich in der Vorrunde gescheitert, wurde in seiner Gruppe nur Fünfter, unter anderem hinter der Basketball-Großmacht Georgien. Im letzten Vorrundenspiel gegen Griechenland schien es tatsächlich so, als könnten sich die Spanier Houdini-mäßig aus der Malaise herauswinden, doch jetzt fielen Würfe eben nicht, die sonst in ähnlichen Schlussphase wie von Zauberhand geführt durch die Reuse rutschten.

 

Achtelfinal-Tableau 

 

Litauen – Lettland (Sa., 17:30)
Griechenland – Israel (So., 20:45)
Türkei – Schweden (Sa., 11:00)
Polen – Bosnien-Herzegowina (So., 11:00)
Deutschland – Portugal (Sa., 14:15)
Italien – Slowenien (So., 17:30)
Serbien – Finnland (Sa., 20:45)
Frankreich -Georgien (So., 14:15)

Alle Partien finden in der Xiaomi Arena in Riga statt. Sie fasst im Basketball 11.000 Zuschauer. Grandios dürfte das Duell zweier baltischer Basketball-Nationen zwischen Lettland und Litauen werden, aber auch Griechenland vs Israel und Italien vs Slowenen (der mögliche deutsche Viertefinal-Gegner wird hier ermittelt) klingt extrem vielvesprechend.

Und jetzt schreib ichs einfach hin, und man nehme mir bitte, bitte ab, dass keine Deutschtümelei oder gar übertriebener Nationalismus dahintersteckt: Deutschland wird Europameister!

Japan ist mein Favorit

Trotz aller Unwägbarkeiten wage ich ein Power Ranking, allein basierend auf den Leistungen im Turnier. Meine Nummern 1 und 2 werden das Finale nicht bestreiten können, weil sie schon im Viertelfinale aufeinandertreffen würden.

Japan Drei überzeugende Siege und ein Torverhältnis von 12:0 sprechen für sich. Sie sind tolle Fußballerinnen, ideenreich, flink, technisch beschlagen und flexibel, wie die brillante Kontertaktik beim 4:0 gegen Spanien zeigte. Der Titel führt über Nippon.

Schweden: Mein wahrscheinlich gar nicht mehr so geheime Geheimtipp. Physisch sehr stark mit unglaublich gefährlichen Standards. Amanda Ilestedt tut sich hier hervor, traf als Verteidigerin schon dreimal.

 Frankreich Das 0:0 gegen Jamaika war noch sehr holprig, aber Les Bleues zeigten dann gegen Brasilien ihre Stärken. Sie haben grandiose Einzelspielerinnen mit Wendy Renard an der Spitze. In die Quere kommen könnte ihr Leichtsinn (3 Gegentore gegen Panama), und ob wirklich alle Teamquerelen verschwunden sind, bleibt abzuwarten.

 England Mit Spielführerin Leah Williamson, Mittelfeldantreiberin Fran Kirby und Torjägerin BethMead fehlen drei Stützen, die wesentlich zum EM-Triumph 2022 beigetragen haben. Doch individuelle Klasse und Teamspirit sind immer noch vorhanden. Die Abwehr muss erst mal überwunden werden, was bisher noch kein Team geschafft hat.

Niederlande Den Holländerinnen fehlt mit Miedema ihre beste Spielerin. Dennoch wussten sie größtenteils zu überzeugen und sicherten sich vor den USA den Gruppensieg. Der Halbfinaleinzug scheint nicht utopisch.

 USA Ein Pflichtsieg gegen Vietnam, zwei Unentschieden gegen die Niederlande und Portugal – das ist wahrlich keine weltmeisterliche Bilanz. Gegen Portugal rettete gar der Pfosten den Titelverteidiger in der Nachspielzeit den Verbleib im Turnier. Doch jetzt werden die Karten neu gemischt, und die US Girls haben Siegeswillen und Selbstbewusstsein en masse. Allerdings sind Stars wie Rapinoe doch in die Jahre gekommen, und die Jüngeren in ihren Leistungen noch schwankend.

Australien Hier habe ich wegen des Heimvorteils vielleicht ein paar Bonuspunkte verteilt. Iorrunde kamen sie ohne ihren Superstar Sam Kerr aus, die jetzt hoffentlich wieder fit ist. Zumindest das Viertelfinale müsste drin sein.

Spanien Das Team begann souverän mit zwei klaren Siegen gegen Costa Rica und Sambia. Gerade das in der Deutlichkeit überraschende 0:4 gegen Japan lässt einige Fragen offen. Weltfußballerin Alexia Putellas ist nach überstandenem Kreuzbandriss längst noch nicht in Topform. Doch es gibt Spielerinnen wie die grandiose Technikerin Aitana Bonmati, die das ausgleichen können.

Schweiz Erst nach langem Schwanken habe ich die Schweiz hinter Spanien gesetzt. In der Nacht zum Samstag können sie mich im direkten Achtelfinalduell eines Besseren belehren. In der Defensive steht das Team der deutschen Trainerin Inka Grinks sehr sicher, doch auch hier hapert es am offensiven Spiel. Nur aufs Elfmeterschießen zu hoffen, dürfte dann doch zu wenig sein.

Kolumbien Maßgeblich für meine Einschätzung vor Norwegen und Dänemark ist die Partie gegen Deutschland und vor allem das Wunderkind Linda Caicedo, nicht nur wegen ihres Traumtores gegen Merle Frohms, dem vielleicht schönsten Treffer der WM. Technisch beschlagen sind sie, und ihr körperbetontes Spiel, manchmal auch über die Grenzen des Erlaubten, taugt nicht jedem.

Norwegen Nach zwei Partien standen sie mit 0 Toren und nur einem Pünktchen vor dem Aus, das sie allerdings mit einem überzeugenden 6:0 gegen Philippinien abwenden konnten. Sie verfügen über herausragende Einzelspielerinnen wie Ada Hegerberg und Caroline Hansen und eine kompakte Abwehr. Werden sie für Japan zum Stolperstein?

Nigeria Die Afrikanerinnen blieben in ihrer Gruppe unbesiegt – das allein spricht für sich. Insgesamt das beste Team aus Afrika, seit Jahrzehnten. Höhepunkt war natürlich das 3:2 gegen Gastgeber Australien. Zwei torlose Remis belegen die Stärken in der Abwehr und Schwächen im Spiel nach vorn, das Leitmotiv dieses Turniers.

Jamaika Drei Spiele kein Gegentor, immerhin gegen Branchengrößen Frankreich und Brasilien. Vorne allerdings herrscht Flaute, wenn sich nicht gerade England-Legionärin Bunny Shaw ein Herz nimmt. Ansonsten müssen die Reggae Girlz um Beistand von oben beten, was sie ja inbrünstig tun.

Dänemark Das erste Spiel gegen Neuseeland (0:1) war furchtbar. Klare Steigerung beim 0:1 gegen England und der Pflichtsieg gegen Haiti. Mir ist völlig unklar, welches Level die Däninnen erreichen können. Eine Pernille Harder hat vielleicht nicht mehr die große Klasse von früher, kann aber jederzeit einen Geistesblitz haben.

Südafrika Das 3:2, mit dem das Team die Italienerinnen aus dem Turnier kegelte, war die erste große Überraschung. Immerhin sechs Tore gelangen dem Team (bei sechs Gegentreffern); es ist damit der Gegenentwurf von so vielen Außenseitern, denen es allein auf die Defensive ankommt. Unterhaltsam anzuschauen war das allemal. Mal sehen, ob sie diese Taktik auch gegen Holland anwenden.

Marokko Es begann desaströs mit dem 0:6 gegen Deutschland, das die Marokkanerinnen mit zwei furchtbaren Abwehrfehlern einleiteten. Das Team fing sich und die Deutschen mit zwei 1:0-Erfolgen noch ab. Was jetzt kommt, ist nur noch Zugabe; das Halbfinale zu erreichen wie die Männer in Katar, scheint dann doch utopisch.