Wawrinka und Monfils -Abschied von 2 ganz Großen

Die ersten zwei Runden im Einzel bei den US Open sind absolviert. Während bei den Frauen alles nach Plan läuft und die Top-Gesetzten nahezu geschlossen in die 3. Runde marschierten, hat sich dass Feld bei den Männern schon merklich reduziert

 

Frenetischer Beifall für Wawrinka und Monfils

 

Sehr viel Wehmut ist jetzt schon dabei dabei, wenn ich diese Zeilen schreibe. Denn Stanislav Wawrinka und Gael Monfils waren nicht nur höchst erfolgreiche Profis (Wawrinka mehr, Monfils etwas weniger). Vor allem  begeisterten sie die Fans auf der ganzen Welt mit fantastischem und unglaublich ästhetischem Tennis. Beide mit einer herrlichen einhändigen Rückhand gesegnet, aber ich trete Monfils sicher nicht zu nahe, wenn (nicht nur) ich konstatiere: Eine schönere einhändige Rückhand als die von Stan the Man hat es bei den Männern noch nie gegeben, allenfalls die von Justine Henin (nona).

Jetzt hatten der Schweizer und der Franzose ihr letztes Spiel bei einem Grand-Slam-Turnier. Die Niederlagen gegen Matteo Berrettini und Learner Tien gerieten aber fast zur Nebensache: Wichtig war, dass sie noch einmal ihr Können zeigen durften, dass sie Abschied nehmen durften von der ganz großen (Grand-Slam-)Bühne. Über die Video-Wand liefen noch mal die besten Szenen, von ihren Erfolgen. Von denen Wawrinka mehr hatte, schaffte doch das Kunststück, dass er trotz der Großen 3 Federer, Nadal und Djokovic gleich dreimal bei Grand Slams triumphierte, unter anderem in New Y>ork 2016. Ein solcher Erfolg blieb Monfils verwehrt, auch wegen zahlreicher Verletzungen, die eine noch größere Karriere verhinderten. Dennoch war er aufgrund seiner spektakulären Spielweise überall Publikumsliebling. Auch die New Yorker drückten ihm gestern Nacht die Daumen, obwohl er gegen ihren Landsmann Tien antrat. Der wiederum wäre der Letzte, der ihnen das übel genommen hätte.

Die beiden werden das Jahr bei kleineren Turnieren ausklingen lassen, der Schweizer Wawrinka etwa zu Hause in Basel. Monfils wiederum hat in New York noch gar nicht fertig, denn seine ukrainische Ehefrau Lena Svitolina ist noch chancenreich im Rennen. Da wird er schon heute Nacht auf der Tribüne die Daumen drücken.

 

Aderlass bei den Top-Männern

 

Das Feld der Weltranglisten-Spitze hat sich schon spürbar gelichtet. So mussten von den Top 8 Felix Auger-Alliasime (3), Novak Djokovic (4) und Alex De Minaur (6) die Segel streichen; ebenso Lorenzo Musetti (13), Arthur Fils (10/gegen Stefan Tsitsipas) und der US-Boy Brandon Nakashima (16), der zuvor bei den Masters-Turnieren in Montreal und Cincinnati so aufgetrumpft hatte. Jetzt fand er in seinem Landsmann Alex Mikkelsen seinen Meister.
Wieder mal ein (Gesundheits)Drama legte Djokovic hin. In seiner Erstrundenpartie gegen den soliden Argentinier Navone kämpfte er mehr mit seiner Fitness denn mit dem Kontrahenten. Übergeben musste er sich auf dem Platz, am Ende hatte der Serbe überhaupt keine Kraft mehr. Es war das erste Erstrundenaus bei einem Grand Slam seit 2006 (!), damals in Melbourne. In New York ist ihm ein derartiges Missgeschick überhaupt noch nicht passiert.
Die körperliche Qualen, die ihn laut eigener Aussage regelmäßig bei anstrengenden Partien befallen: sind sie vielleicht deutliches Zeichen, dass der 24-malige Grand-Slam-Sieger es endlich sein lassen sollte? Der Djoker verneinte das, sein Fernziel sind die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles. Dem objektiven Betrachter fehlt angesichts der Bilder vom Center Court in New York die Fantasie, wie er bis dahin durchhalten will. Andrerseits: Es ist Djokovic, und der ist dann am Besten wenn alle gegen ihn sind …

 

Fragezeichen hinter Zverev und Alcáraz

 

Die beiden Top-Gesetzten sind noch im Turnier, aber die Auftritte waren alles andere als souverän. Zverev mutiert zum wahrscheinlich härtesten (und bestbezahlten) Nachtarbeiter in New York. In zwei aufreibenden Night Sessions auf dem Arthur Ashe brauchte er jeweils 5 Sätze, ehe er die keineswegs hochbegabten Lorenzo Sonego und Quentin Halys (nix für ungut) aus dem Turnier nahm. Es war zweimal weit nach Mitternacht, als Zverev ddie Matchbälle verwandelte.
Carlos Alcáraz hatte zwar gegen Safiullin und Faria weit weniger Mühe, und doch bin ich hier fast noch skeptischer. Der Spanier ist sichtlich noch nicht fit; wie auch nach mehr als 4 Monaten Pause wegen der Handverletzung? Sein Spiel ist teilweise immer noch brillant, aber er schlägt bei Weitem schwächer auf als jeder in der Männer-Konkurrenz (wahrscheinlich gibts auch ein paar Frauen, die zurzeit über ein härteres Service verfügen). Die Frage, die nur Alcáraz beantworten kann (und nicht wird). Kann er es nicht besser oder hält er den Aufschlag bewusst zurück und hofft, dass die anderen Fähigkeiten genügen? Eines sollte sich jeder Zweifler (also auch ich selbst) vergegenwärtigen: Der Spanier ist seit jetzt 16 Grand-Slam-Partien ohne Niederlage und in New York Titelverteidiger. Nough said …

 

Die Amis kommen

 

Vorn allen Spielern, die ich näher verfolgt habe (recht viele, aber bei Weitem nicht alle …), machte Taylor Fritz mit zwei äußerst souveränen Siegen den besten Eindruck. Auch seine Landsmänner Ben Shelton (nach Anfangsschwierigkeiten) und Francis Tiafoe scheinen die Atmosphäre zu genießen, wo die Fans so hoffen, dass sie mal wieder einen heimischen Turniererfolg bei den Männern sehen dürfen. Mein Tipp vor der Männer-Konkurrenz lautete: Taylor Fritz. Daran hat sich erst mal nichts geändert.

 

Favoritinnen souverän

 

15 der 16 Top-gesetzten Spielerinnen haben die 3. Runde erreicht. Allein Belinda Benic musste sich der Außenseiterin Julia Putintzewa geschlagen geben, die schon länger den zweifelhaften Ruf als einer der unangenehmsten Kontrahentinnen im Feld genießt. Ansonsten. Mehr oder weniger klare Siege der Sabalenkas, Rybakinas und Gauffs. Die alle noch ohne Satzverlust sind, auch wenn Coco Gauff gestern Nacht gegen Paula Badosa im 2. Durchgang einige Mühe hatte und erst im Tiebreak von einer unerklärlichen und plötzlich auftretenden Aufschlagsschwäche der Kontrahentin profitierte.

 

Taggers Talentprobe

 

Drei Sätze brauchte die letztjährige Finalistin Amanda Anisimova – und zwar gegen eine erst 18-jährige Spielerin, die in den nächsten Jahren viel Aufsehen erregen dürfte: Lilli Tagger gab jedenfalls mehr als eine Kostprobe von ihrem Können ab, die unseren österreichischen Nachbarn viel Hoffnung gibt. Letztlich  war Anisimova ungefährdet, aber es braucht nicht viel Fantasie, um das gewaltige Potenzial der 1,85 Meter großen und dementsprechend aufschlagstarken Tagger zu erkennen. Die als eine der ganz wenigen im Spitzentennis noch eine einhändige Rückhand wagt (nicht vganz wo schön wie die von Stan …). Die große Frage: Wird das künftig ihre Waffe oder Angriffsfläche sein?

Aber das ist Zukunftsmusik: Die Gegenwart in New York verspricht ausgeglichenes Spitzentennis. Die Auftritte der Top-Profis lassen in den nächsten Tagen aufregende und offene Partien gegeneinander erwarten. Leider ohne deutsche Beteiligung: Als Letzte verabschiedeten sich gestern Eva Lys (eher chancenlos gegen Mirra Andreewa) und Tatjana Maria (eher unnötig gegen Bartunkova) aus dem Wettbewerb.

Freude über Lys, Staunen über Monfils, Ärger über Eurosport

Happy Slam nennen alle auch die Australian Open wegen der ausgelassenen Stimmung dort. Auch die Ausgabe 2025 bietet so manche hübsche Geschichte.

 

Lucky Lys

 

Warum ich Sport so mag? Wegen Geschichten wie dieser: Eva Lys gilt schon länger als sehr begabte Tennisspielerin. Die allerdings wegen einer Immunschwäche immer wieder gesundheitliche Probleme hat. Was sie jetzt Down under (wo es schön warm ist) in Melbourne erlebte und vielleicht noch erlebt, ist ein Märchen. Das ziemlich traurig begann, denn in der 3. Qualifikationsrunde für die Australian Open unterlag sie der Einheimischen Destanee Aiava. Vorbei war eine erstaunliche Serie, denn 2024 hatte sie das Kunststück geschafft, in allen vier Grand-Slam-Turnieren die Qualifikation zu überstehen; sie scheiterte dann jeweils in der 1. Runde.
Eva Lys saß im Wortsinn auf gepackten Koffern auf dem Weg nach Hause (der Vater war schon heimgeflogen), da ereilte sie (angeblich eine Viertelstunde vor dem Aufbruch) der Anruf der Turnierdirektion, den sich alle in der letzten Runde ausgeschiedenen Qualifikanten im gar nicht so Geheimen erhoffen. Die Russin Kalinskaja hatte ihre Teilnahme abgesagt, und Lys rückte als sogenannte Lucky Loserin ins Hauptfeld nach. Dort besiegte sie in der 1. Runde die Qualifikantin Kimberly Birrell, in der 2. Runde Varvara Gracheva. Diese Nacht kam es zum Duell gegen die Rumänin Dominique Cristian, die sie zuvor dreimal hintereinander schon bezwungen hatte. Nach verlorenem ersten Satz steigerte sich Eva Lys und siegte letztlich mit 4:6, 6:3, 6:3. Überwältigende Freude, herzliche Umarmung mit der dagebliebenen Mutter und der kleinen Schwester, die ihr unglaublich ähnlich sieht (hoffentlich schaut das zuständige Schulamt nicht so genau hin …)
Damit steht Lys im Achtelfinale, als erste Lucky Loserin überhaupt bei den Australian Open und als insgesamt Sechste Spie,erin (oder Spieler) bei einem Grand-Slam-Turnier. Der Lohn: Gut 250.000 Euro und der Sprung in die Top 100 der Weltrangliste. Ach ja: Geburtstag gefeiert hat Lys auch noch so zwischendurch, wurde am Sonntag 23 Jahre alt. Im Achtelfinale trifft sie auf die Polin Iga Swiatek, eine vermeintlich unlösbare Aufgabe, die Lys aber frohgemut angeht. „Beim Tennis weß man nie, und wenn mein Arm locker ist …“ Allerdings zeigte die ehemalige Weltranglistenerste und vierfache Paris-SiegerinSwiatek  bisher eine nahezu makellose Leistung, schoss ebenfalls am Samstag in der 3. Runde Emma Raducanu mit 6:0 und 6:1 vom Platz.

Und Eurosport? Der Rechte-Inhaber versteckte das Lys-Match in seinem Bezahl-Kanal Discovery+, zeigte im Hauptsender wie in den vergangenen Tagen geradezu sklavisch das Geschehen auf dem Center Court, wo sich Alex de Minaur und der Francisco Cerundolo duellierten (mit dem besseren Ende des Aussies de Minaur). Für mich ein Unding, ja indiskutabel, auch ohne deutsche Brille. Der Reiz der ersten Woche liegt ja gerade im Hin- und Herschalten zwischen den Courts – und das bleibt dieses Jahr völlig außen vor. Richtig ärgerlich wird es dann, wenn ich die Relive-Aufzeichnung aus der Nacht bei Discovery suche und mir eine riesig prangende Lys-Überschrift die Spannung wegnimmt. Dass zudem die Übertragung nur mit englischen (und rumänischen!) Kommentar zu hören war, ist eines Bezahlsenders unwürdig. Obwohl: Englische Reporter sind sehr viel angenehmer als ihre deutschen Kollegen bei deutschen Matches. Wohltuend entspannt, enorm kenntnisreich. Trotzdem ein absolutes Armutszeugnis, wenn die letzte verbliebene deutsche Spielerin so vernachlässigt wird, da rettet auch das nachgeschobene Interview (Lys wurde virtuell ins Studio gebeamt) nicht viel. Immerhin: Ab dem Achtelfinale laufen alle Einzel-Spiele entweder bei ES1 oder ES2.

 

Gael Monfils: je älter, desto besser

 

Der Franzose gehört schon sehr lange zu meinen absoluten Lieblingsspielern: spektakuläre Schläge, eine wunderbare einhändige Rückhand, und er ist ein echter Showman, der jedes Match zu einem Ereignis macht. Sein Problem: viele Verletzungen und mangelnde Konstanz und manchmal auch eine geradezu chronische Unlust, wenn es nicht so läuft.. Gerade in einem Grand-Slam-Turnier mit den Best-of-5-Partien leistete er sich zu oft einen Durchhänger, die ihn allzu früh überflüssigerweise scheitern ließen.
Und jetzt? Spielt er mit seinen 38 Jahren ein unfassbares Turnier. Am Samstag bezwang er in einem spektakulären Match den Amerikaner Taylor Fritz, dem einige Experten sogar den Turniersieg zugetraut hatten. Diesmal hielt der Franzose sein hohes Niveau fast über die gesamte Zeit, schlug konstant gut auf und entnervte Fritz mit brillanten Returns. Der Lohn war ein grandioser Viersatz-Erfolg, der ihn ins Achtelfinale beförderte, wo er auf den Amerikaner Ben Shelton trifft: auf alle Tennisfans wartet ein fantastischer Showdown zweier toller Spieler, zweier Publikumslieblinge.
Das Samstags-Glück perfekt für Monfils machte der Überraschungssieg seiner Ehefrau Elena Svitolina, die sich ebenfalls fürs Achtelfinale qualifizierte durch einen Erfolg über die Italienerin Yasmine Paolini. Witzige Parallele: Wie Taylor Fritz war Paolini als Nummer 4 gesetzt. Die Ukrainerin Svitolina trifft nun auf die Russin Veronika Kudermertova, und da kann ich nur hoffen, dass die Veranstalter so freundlich sind, diese beiden Partien nicht gleichzeitig ansetzen. Denn gerade Svitolina wird in diesem auch persönlich schwierigen Match (ich glaube, ich muss das nicht näher beleuchten) jeden Bestand von außen brauchen. Aber egal wie es ausgeht: FAmilie Monfis wird mit der gemeinsamen Tochter eine schöne Zeit down under haben. Großer Seufzer.