Nagelsmann – ohne Anstand, ohne Moral

Der Fall Neuer und WM erreicht eine neue Dimension. Wie Sky am Samstag vermeldete, hat sich Trainer Julian Nagelsmann entschlossen, den 40-Jährigen ins WM-Tor zu hieven. Eine unfassbare Kehrtwende, nachdem Neuer nach der EM 2024 seinen Rücktritt erklärt hatte. Nagelsmann akzeptierte (vielleicht sogar zufrieden), Oliver Baumann rückte ins Team und dieses schaffte mit ordentlichen, teils starken Baumann-Leistungen (in Nordirland!) am Ende souverän die Qualfikation. Niemand bezweifelte ernsthaft, dass er auch bei der WM das Tor hüten würde. Weder ließ Neuer auch nur ansatzweise erkennen, dass er von seinem Rücktritt zurücktreten würde, noch dass Nagelsmann in irgendeiner Weise daran interessiert wäre.

Bestätigt hat Nagelsmann seine Kehrtwende und den Sky-Bericht (offenbar aus erster Hand vermeldet) nicht. Im Gegenteil. In einem bemerkensweert absurden Auftritt gestern im Sportstudio eierte der Mann in einer Weise herum, dass jeder um heikle Themen herumeiernde Politiker eigelb vor Neid werden müsste. Nein, er habe sich noch nicht entschieden. Nein, er könne nicht mal sagen, ob Neuer auf der 55er-Liste steht, die der DFB am vorvergangenen Samstag der FIFA schicken musste. Ja, er wisse eigentlich überhaupt nicht, wer denn auf dieser Liste stehe. Wohlgemerkt: hier sprach der Bundestrainer über die von ihm zusammengestellte Liste (die eine Shortlist für den endgültigen Kader ist, den Nagelsmann am Donnerstag benennt). Mehr Publikumsverarsche war noch selten. Dadurch, dass Nagelsmann nichts gesagt hat, hat er das Thema erst recht angeheizt. Keiner glaubt ernsthaft mehr, dass das kein Thema  ist. Ich bewundere Interviewer Jochen Breyer dafür, dass er nicht komplett die Contenance verloren hat (die Gesichtszüge waren ihm schon entglitten) angesichts der schamlosen Lügen (begleitet von überheblichem Grinsen), die ihm offen ins Gesicht geschleudert wurden.

Allein die Tatsache, dass das Thema wieder aufploppt und zwar im Sinne eines bisher nie dagewesenen Toornarounds, schockert mich zutiefst (nicht dass mich bei diesem komplett überschätzten, durch und durch charakterlosen, bösartig-egozentrischen Bundestrainer noch etwas schockieren sollte). Er hat ohne jede Not ein unendlich tiefes Fass aufgemacht. Er hat ohne jede Not einen untadeligen, vorzüglichen Sportsmann (Oliver Baumann) zertrümmert. Mehr Verachtung, mehr Herablassung war nie, und es hat schon gerade auf der Torwart-Psoition entsetzliche  Grabenkämpfe gegeben. Ich erinnere an Stein/Schumacher 1986 und den berühmten Steinschen „Suppenkasper“ in Richtung Bundestrainer Kaiser Franz, der ihm (Stein!) die vorzeitige Abreise aus Mexiko bescherte. Es gab auch immer auch beinharte Zweikämpfe wie Kahn/Lehmann vor der Heim-WM 2006, als Jürgen Klinsmann die beiden Kombatanten in ein offenes Duell schickte (sportlich versteht sich, obwohl Kahn wahrscheinlich gerne zur Waffe gegriffen hätte, erst recht, als das Klinsmann sich für Lehmann entschied). Aber noch nie wurde so perfide die Nummer 1 hinterrücks ermeuchelt, erst recht nicht so kurz vor einem großen Turnier.

Nicht verhehlen möchte ich die (für mich) indiskutable Rolle von Manuel Neuer. Noch bis nach seiner (glänzenden!) Leistung im Halbfinal-Rückspiel der Champions League gegen PSG hat er das Thema nicht an sich herangelassen. Nie hat er ansatzweise zu erkennen gegeben, dass es ihn noch mal reizt, in einem WM-Tor zu stehen. Hat er auch nicht nötig. Er war viermal dabei, zweimal vorzüglich (2010 und mit dem Höhepunkt Weltmeister 2014), zweimal allerdings auch wirklich schlecht, als er 2018 und erst recht 2022 gewichtigen Anteil daran hatte, dass die Deutschen zweimal in der Vorrunde ausschieden. Niemand bezweifelt, dass Neuer in seiner Prime zu den besten Torhütern der Welt zählte (der Beste?). Aber trotz starker Leistungen in Madrid und gegen PSG: Er ist nicht mehr so gut, nicht mehr so (gedanken)schnell, und das macht seine Ausflüge außerhalb des Strafraums so gefährlich. Es besteht also noch nicht einmal eine sportliche Notwenidgkeit zu diesem radikalen Schritt. Und dabei lasse ich noch außen vor, dass Neuer in dieser Saison sehr oft angeschlagen war und pausieren musste; auch am Samsag wurde er (mit angeblich nicht so schlimmen Wadenbeschwerden) ausgewechselt. Neuer und die Bayern – das ist ein Thema für sich, über das ich mich jetzt nicht auch noch auslassen möchte …

Ich weiß natürlich nicht, werden ersten Schritt gemacht hat, der Bundestrainer oder der Torwart.

– Nagelsmann, weil er mit Baumann nicht zufrieden war, weil er Bedenken hatte? Das wäre sogar noch akzeptabel, aber nicht auf diese perfide Weise. Nicht hinterrücks Oliver Baumann das Messer in den Rücken rammen!
Neuer, weil er aus Langeweile oder finanziellen Erwägungen oder sonstigen Gründen (sein fanatischer Ehrgeiz) doch noch mal WM-Torwart sein wollte? Dann hat er ebenfalls ein perfides Spiel gespielt, ohne Rücksicht auf Verluste sein eigenes Ding durchgezogen. Einen Keil ins Team getrieben, das ohnehin auf der Suche nach Zusammenhalt ist. Was nota bene wiederum, am nicht nur in der Torwartfrage erratischen Nagelsmann liegt, der nach dem letzten Testspiel gegen Ghana seinen Siegtorschützen (!)  Denis Undav aufs Schändlichste beschimpfte – nur wachsweich zurückgenommen „weil meine Frau dazu riet“ (Nagelsmann).

Eine ruhmlose, ja schändliche Rolle haben auch die Medien gespielt. Die immer wieder „Neuer! Neuer! schrien und schrieben, wenn dieser ein gutes Spiel ablieferten. Die ebenfalls Baumann aufs Übelste demontierten. Wer den völlig desillusionierten Schlussmann gestern gesehen und vor allem flüstern hören hat, weiß, dass diese Demontage brillant gelungen ist. Respekt, ihr Bild-Hetzer, Repekt, liebe SZ–Redakteure, die in einer einzigartigen Kampagne (aus München-patriotischen Gründen) Neuer ins WM-Team schreiben. Ihr könnt Euch den Baumann-Skalp ans Revers heften!

Neuers überfälliger Schritt

Jetzt ist es offiziell. Am Mittwoch hat Manuel Neuer bekanntgegeben, dass er nicht mehr für die deutsche Nationalmannschaft spielen wird. Die Reaktionen reichen von „Zeit wird es“ bis „was für ein großartiger, großmütiger Schritt des besten Torwarts aller Zeiten“. Der „Kicker“ tat sich besonders hervor. Die Lobhudelei grenzte an Seligsprechung zu Lebend-Zeiten (geht das überhaupt?), dabei verfasste nicht einmal Bayern-Fanboy Carlo Wild die Zeilen. https://www.kicker.de/neuer-beendet-mit-stil-und-groesse-eine-einmalige-aera-1045795/artikel

Mein Kommentar dazu

Für mich kommt der Schritt keine Sekunde zu früh.Schon die Tatsache, dass ihn Bundestrainer Julian Nagelsmann zur unangefochteten Nummer 1 bei der EM machte, fand ich geradezu empörend und widersprach jedem Leistungsgedanken. Er hat dann ein ordentliches Turnier absolviert. Keine gravierenden Fehler, keine „Unhaltbaren“, die er entschärfte. Bei den Gegentoren eher schuldlos, in seinen besten Zeiten hätte er Dani Olmos Schuss zum 0:1 im Finale wohl gehalten.

Manuel Neuer ist in Deutschland sankrosankt, alle überbieten sich in Lobeshymnen über den besten Torwart aller Zeiten. Dass er ein toller Schlussmann war, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren. Ob er wirklich der beste aller Zeiten war, vermag ich nicht zu urteilen, denn die Jaschins, Zamoras habe ich gar nicht gesehen, und ich persönlich wage keine Rangliste allein in Deutschland zwischen Sepp Maier, Oliver Kahn und eben Neuer. Wohl dem, der sich da ein Urteil erlaubt.
Jedenfalls hat nicht nur meiner Meinung nach Neuer seine besten Tage schon länger hinter sich. Die würde ich in der Zeit zwischen 2010 und etwa 2017 sehen, als er wirklich grandiose Leistungen zu Hauf ablieferte und die Stürmer mit seiner mächtigen Erscheinung in Schockstarre versetzte. Aber auch hier: Erhöhung. Denken wir ans WM-Finale 2014, als er nach einem heftigen Check gegen Higuain eine Elfer plus Rot kassieren hätte müssen, aber von einem tomatenblinden Schiri profitierte. https://www.youtube.com/watch?v=vuLkOgVpT98

Jetzt also ohne Neuer. Wahrscheinlich ist dessen nicht ganz so freiwillig und großmütig. Ich glaube, dass Nagelsmann durchaus mit ihm weitergemacht hätte. Die EM gab kaum Anlass zu einer Änderung seiner Torwart-Rangliste. Aber er brauchte ein klares Bekenntnis, denn die leidige Torwartfrage wollte er auf jeden Fall vom Tisch haben. Und da passte es überhaupt nicht, dass Neuer allenfalls grundsätzliche Bereitschaft signalisierte, bis zur WM 2026 weiterzumachen, aber schon mal die nächsten beiden Länderspiele im September nicht bestreiten wollte. So wird es zumindest von bestens informierten Kreisen kolportiert. Unmittelbar nach der EM hatte Neuer ja schon öffentlich gesagt, er würde sioh „bis zu einem halben“ Jahr für seine Entscheidung Zeit geben. Das war unzumutbar für alle Beteiligten, gerade für Marc-André ter Stegen, die designierte Nummer 1 und für mich seit Jahren (viel?) besser als Neuer. Erstaunlich genug, dass er so lange stillhielt. Man denke nur Uli Stein und den „Suppenkasper“ Beckenbauer 1986 bei der WM. Eines war auch klar: Neuer wäre bei seinem fanatischem Ehrgeiz eine verdammt unzufriedene Nummer 2 hinter ter Stegen gewesen. Den Tort wollte sich Nagelsmann verständlicherweise nicht antun.

Wie gesagt: Neuer war ein toller Torwart. Er das hat Spiel neu interpretiert mit seiner offensiven Art, Bälle schon außerhalb des Strafraums mit dem Fuß abzufangen. Seine technischen Fähigkeiten waren die eines Feldspielers ebenbürtig. Jetzt kann er sich auf „seinen“ FC Bayern konzentrieren, sein Vertrag läuft 2025 aus. Das Champions-League-Finale findet am 31. Mai in der Münchner WM-Arena statt. Ein erneutes „Finale dahoam“ wäre ein würdiger und angemessener Abschied aus dem absoluten Spitzenfußball.

 

Endlich! Ein Fußballfest

Schöne Spiele, noch bessere Stimmung

Seit knapp einer Woche läuft sie jetzt, die Fußball-Europameisterschaft in Deutschland, vulgo: EURO. Und ich bin hellauf begeistert. Lange hab ich drüber sinniert, was ich diesmal so faszinierend finde und bin zu folgendem Ergebnis gekommen.

  1. Angriff ist Trumpf.
    Zumindest bei den meisten Teams. Vor allem auch die zu den Außenseiter zählenden Mannschaften versuchen, Tore zu erzielen. Wie die Albaner, die Georgier, um die beiden vielleicht größten Dark Horses des Turniers zu nennen. Zu den in dieser Hinsicht enttäuschenden Teams sind leider zwei absolute Favoriten, nämlich die Engländer und (nicht ganz so schlimm) die Franzosen. Diese auch offensiv  hochbegabten Mannschaften steckenfast schon in einem Zwangskorsett: vor allem hinten sicher stehen, und vorne auf einen Geniestreich warten der Hochbegabten, sei es Jude Bellingham oder Kylian Mbappé, Nase hin oder her. Das Traurige ist: Didier Deschamps und Gareth Southgate haben Erfolg mit ihrer Taktik, der an den zynischsten italienischen Catenacchio erinnert. Gott sei Dank sind die beiden Teams bisher die Ausnahme von der Regel. Wir sehen faszinierende Angriffskombinationen etwa der Georgier und vor allem auch der Deutschen. Und wer mich nur ein bisschen kennt: ich hab beim Fußball keine nationale Brille auf. Aber dieses Team, gerade mit den brillanten Offensivspielern Jamal Musiala und Florian Wirtz, macht schon Spaß. Und vor allem fantastische Weitschusstore sind die Kirsche auf der Torte
  2. Überwältigende Stimmung
    „Endlich ein Fußball-Fest“, habe ich getitelt. Nach der in dieser Hinsicht eher trostlosen WMs in Katar und auch Russland sowie der auch noch corona-geschädigten Paneuropa-EM wieder in ein Turnier in einem echten Fußball-Land. Schön in der Mitte des Kontinents, damit alle Fanscharen eine vergleichsweise kurze Anfahrt/Flug hatten. Die Folge sind umfassbar stimmungsvolle Partien mit begeisterten Fans, die, oh riesiges Wunder!, die Partien tatsächlich begleiten und nicht per furchtbar monotonen Sprechgesang ermorden. Wer hätte gedacht, dass es in der  Münchner Arena so laut zugehen kann wie gerade bei Serbien vs Slowenien. Großer Ärger über mich selbst, dass ich die möglichkeit eines Kartenerwerbs nicht genutzt habe. Bei manchen Spielen flog sprichwörtlich das Dach weg wie bei Türkei vs Georgien in Dortmund. Die Fans aller Länder haben riesigen Anteil am Fußballfest.
    Umso trauriger, dass die Fans Leidtragende der maroden Deutschen Bahn sind. Haarsträubende Geschichten von gestrandeten Fans in Bahnhöfen etc wg nicht fahrender Züge machen die Runde. Es sind Systemfehler als Folge eines jahrzehntelangen Verkehrsversagens seitens des Bundes und der Länder. Kaputtgespart: zu wenig Züge, zu wenig Personal, zu wenig Wartung – es ist eine veritable Schande, und ganz Europa schaut nicht nur erstaunt zu, sondern leidet aktiv mit.

 

         Sportlicher Ausblick

Leider ist das Format mit den 24 Teilnehmern suboptimal. Denn letztlich scheiden vor dem Achtelfinale nur 8 Teams aus, und schon nach dem 2. Spieltag dürften einige Teilnehmer fix die K.-o.-Runde erreicht haben. Gerade dieser unselige Rückgriff auf die 4 „besten Dritten“ ist fatal, weil hier nicht Vergleichbares verglichen wird mit dramatischen Auswirkungen, nämlich Weiterkommen oder Ausscheiden. Die Teams in einer sog. schweren Gruppe sind doppelt gestraft. Abhilfe? Macht doch gleich 32 Teams mit acht Vierrergruppen, und jeweils zwei tEams kommen weiter.

         Und sonst?

Ein paar Anmerkungen zum deutschen Team: Die erste Elf steht, und die muss keinen Vergleich scheuen. Was längst nicht heißt, dass sie jetzt auch in der K.-o.Runde durchcruisen. Aber gerade Musiala und Wirtz, aber auch Gündogan, Kroos und die Innenverteidiger Rüdiger und Tah lassen die Erwartungen hochschnellen.Und Mittelstädt ist die positive Überraschung auf der linken Abwehrseite.

Aber Manuel Neuer fehlt bei meiner Aufstellung?

Ja – gegen die herrschende, ja fast allgemeine Meinung hierzulande bin ich längst nicht überzeugt von ihm. Nehmen wir das gestrige Spiel gegen Ungarn. Geradezu hymnisch wurde Manuel Neuer gelobt, als er den scharfen Freistoß von Szobozlai abwehrte und auch den Nachschuss reaktionsschnell entschärfte. Doch das war kein „Unhaltbarer“ wie alle jubelten, sondern ein Ball, den ein guter Torwart wie Neuer einfach haben muss. Und zwar im Idealfall entweder festhält oder wenigstens nicht nach vorne abwehrt, wo ein Nachschuss droht. Gleiches haben wir dann kurz vor der Halbzeit beim (klaren) Abseitstor der Ungarn gesehen. Wieder eine Abwehr zurück ins Feld, wo dann ein Ungar abstauben konnte. Und der haarsträubende Fangfehler kurz vor Ende war anfängerhaft und nur wegen Kimmichs Rettungstat auf der Linie ohne Folge. Und was macht etwa die tz? Gibt die Note 1 (überragend). Auch fast alle anderen Medien überhöhen die Rettungstat zum Heldenepos (Unser Manu ist wieder der Alte) und bagatellisieren die Fehler. Manu unangreifbar, Kritik ist Gotteslästerung.
Nicht falsch verstehen: Jetzt ist es zu spät für einen Torwartwechsel. Augen zu und hoffen, heißt es für die deutschen Fans, ter Stegen hin ode her.