Warum ich Sport so liebe

LIssabon, Estadio da Luz. Benfica gegen Real, ein Klassiker zweier Traditionsclubs. Es läuft schon die Nachspielzeit, außer in Lissabon sind alle anderen 17 Vorrundenpartien der Champions League an diesem seltsamen letzten Spieltag beendet.
3:2 führt Benfica, doch ein Blick auf die Blitztabelle zeigt, dass dieses Ergebnis nicht reicht für den anvisierten Platz 24 im 36er-Feld, der gerade noch das Weiterkommen bedeuten würde. Das Stadion merkt es, die Zuschauer am Fernseher wissen es eh, nur auf der Benfica-Bank scheint man ahnungslos. Auf dieser sitzt José Mourinho, ruhmüberhäufteTrainer-Legende und unter anderem auch bei Real sehr erfolgreich, jetzt wieder in der portugiesischen Heimat. Verteidigerstratege Mou wechselt sogar Abwehrkräfte ein, das Ergebnis will er halten. Torwart Anatolij Trubin schindet nach einer Parade Sekunden, als er auf dem Rasen liegen bleibt, das Entsetzen auf den Rängen ist groß.
Doch irgendjemand auf der Benfica-Bank hat offenbar noch mal nachgerechnet, jetzt heißt es plötzlich: Nach vorn! Nach vorn! Noch ein Freistoß für Benfica, der baumlange Trubin stürmt mit vor, der großartig getretene Ball fliegt in den Real-Strafraum, direkt auf die Stirn des Schlussmannes und von dort unhaltbar ins Tor.

Da Luz explodiert. Freudentaumel. Aufstieg in die Zwischenrunde statt schnödes Vorrundenaus. Mourinho verliert jegliche Contenance, hüpft vor der Real-Bank auf und ab (er entschuldigt sich später). Die unfassbare Pointe der allerletzten Sekunden der letzten noch laufenden Partie dieser ewig langen Vorrunde. Benfica der Nutznießer der ewig langen Pause in der ersten Halbzeit. Nur deshalb wurde die 2. Halbzeit später angepfiffen, nur deshalb  noch gespielt, als es auf allen anderen Plätzen schon vorbei war. Nur deshalb war noch Rechenzeit. Schön für Benfica, blöd gelaufen für Marseille, längst zu Tatenlosigkeit verrteilt.

Weil Sport und Fußball so viele Pointen bereithält: In dieser Zwischenrunde ist einer der zwei  möglichen Gegner von Benfica und Mourinho: Real Madrid. Die Königlichen ihrerseits verpassten durch die Niederlage die sicher geglaubte Direkt-Qualifikation fürs Achtelfinale, für sie wird  diese Zwischenrunde eher Schmach denn Grund zur Glücksseligkeit – mit der Gefahr der Total-Blamage.  Auch der andere potenzielle Gegner hätte zumindest für Mou viel Charme: Es wäre Inter Mailand, auch hier feierte der Trainer große Triumphe, holte 2010 unter anderem die Champions League, welcher Bayern-Fan erinnert sich nicht voller Traurigkeit ans Finale.

 

Meine Kritik am Format

 

Die letzten 10, vielleicht sogar 15  Minuten dieser Konferenz waren natürlich fantastisch. Denn nicht nur in Lissabon (letztlich erfolgreich) sondern auch in Limassol und Bilbao (jeweils erfolglos) hätte ein Tor noch viel bewegen können für Paphos und Athletic. Ansonsten war dieser letzte Spieltag mit den 18 gleichzeitigen Partien viel zu unübersichtlich, als dass nur im Entferntesten Spannung hätte aufkommen können jenseits des eigenen Lieblingsclubs. Nicht mal meine Auffassungsgabe und mein Equipment reichten, dass ich immer den Überblick behielt; obwohl ausgestattet mit Fernseher (1 Livespiel), Laptop (Konferenz in Bild), iPad (Live-Tabelle) und iPhone (Live Scores).

Ich befinde mich ja in herzlicher Diskussion mit Befürwortern und Gegnern in diesem neuen CL-Format mit 36 Clubs in EINER Tabelle. Die Partien bis zu diesem letzten Spieltag scheinen mir viel zu belanglos. Niederlagen werden oft achselzuckend hingenommen, auch wenn Top-Gegner aufeinanderprallen. Da in einem 36er-Feld nicht jeder gegen jeden spielen kann, muss es Ungerechtigkeiten geben (wer dieses Jahr gegen die überragenend Teams FC Arsenal und/oder  FC Bayern spielen musste, hatte einfach Pach gehabt). Und wenn dann am Ende ein Verein genau weiß, dass er trotz einer Führung noch ein Tor braucht, allein weil Reiner Zufall Regie geführt hat, so ist das nur die geringste Ungerechtigkeit.

Das frühere Formal mit 8 Vierergruppen (bis 2024) hatte natürlich auch Schwächen, weil hier die Fronten um den Aufstieg in die K.o.Runde oft früh geklärt waren. Auch hier gab es Ungerechtigkeiten, weil die einen eine sogenannte hammergruppe, die anderen lauter Jausngegner erwischten. Doch wenigstens war innerhalb der Gruppe alles gleich, alles übersichtlich. Der Fan wusste Bescheid. Und es war auch nicht möglich, trotz einer negativen Bilanz die K.o.Runde zu erreichen, wie zB jetzt ein halbes Dutzend Teams wie Benfica, das seit September 3 Siege und 5 Niederlage sammelte und auch ein negatives Torverhältnis hat (10:12).

 

Deutsches Abschneiden

 

Dass die Bayern direkt ins Achtelfinale ziehen würden, war schon vor dem letzten Spieltag klar. Trotzdem gab es beim 2:1 bei PSV einen klaren Gewinner,nämlich Schlussmann Jonas Urbig, der mit einigen starken Paraden bestätigte, dass er für die Neuer-Nachfolge bereit ist. Ausgeschieden, auch das stand schon fest, ist Eintracht Frankfurt, das zum Abschluss mit 0:2 gegen Tottenham verlor.
In die Zwischenrunde müssen (oder dürfen, je nach Anschauung) Bayer Leverkusen (3:0 gegen Villarreal) und Borussia Dortmund (0:2 vs Inter). Die Chancen stehen 50:50, dass die beiden Bundesligisten in dieser Zwischenrunde aufeinandertreffen. Ob es dazu kommt oder nicht, klärt sich in der morgigen Auslosung. Die Alternative wären Olympiakos Piräus (Bayer) und Atalanta Bergamo (BVB). Jetzt kann jeder  Fußballfreuned für sich entscheiden, was besser ist für den deutschen Fußball: Direktes Duell, ein Team sicher weiter, eines sicher raus. Internationale Duelle: 2 Teams möglicherweise weiter aber eben auch: beide Teams raus.

Ich nehme es eher kölsch: es kütt, wie es kütt …

Die Monsterkonferenz, zuviel fürs menschliche Hirn

Jetzt ist sie also Geschichte, die erste 18-Spiele-Konferenz im Europapokal. Sogar in doppelter Ausführung, erst in der Champions League sogar bei DAZN in einer hymnisch beworbenen 18er-Konferenz, ein Tag später in der Europa League. Dort beschränkte  sich RTL sich auf einige Spiele, zeigte dafür im Hauptprogramm eine Konferenz des Eintracht-Frankfurt-Spiels bei der Roma und  Dschungelcamp – das war sicher wahnsinnig luschtig.
Ich war ja von Anfang an skeptisch mit dieser 36er-Tabelle. Zu unübersichtlich, niemand weiß, wer wann gegen wen spielt, diese Befürchtungen wurden mehr oder weniger bestätigt. Doch ich war tatsächlich sehr gespannt auf die Konferenz, die ja auch Unterhaltung am laufenden Band versprach.
Zumindest rechnerisch war ja noch viel drin, vor allem im Kampf um den sagenumwobenen Platz 8, der den direkten Einzug ins Achtelfinale garantierte und zwei zusätzliche Spiele einsparen würde. Tatsächlich hielt sich aber die Spannung doch in Grenzen, wenn man nicht gerade Fan von OSC Lille war, der gegen Feyenoord Tor auf Tor schoss und sich noch mit dem knapp besseren Torverhältnis Platz 7 schnappte. Die Anhänger werden noch ihren Enkeln davon erzählen wie heute Eintracht-Fans vom wundersamen Nichtabstieg 1999 schwärmen (ich sag nur Fjörthoft oder Übersteiger, und alle wissen mit glänzenden Augen Bescheid).
Meine Vorplanung war minutiös. Fernseher, Laptop, ipad, iphone, was man halt so hat. Manchester City brauchte gegen den FC Brügge einen Heimsieg, um überhaupt weiterzukommen. Also machte ich diese Begegnung zu meinem Einzelspiel auf dem Laptop ohne Ton (DAZN bot neben der Konferenz tatsächlich jedes Spiel einzeln an, es waren insgesamt also 36 Reporter am Start), auf dem großen Fernseher lief die Konferenz mit Ton, auf dem dritten die Live-Ergebnisse und einem vierten die Live-Tabelle, die zwischenzeitlich allerdings zusammenkrachte, was der Übersicht nicht dienlich war.
City machte es tatsächlich spannend. Zur Halbzeit stand es nach einer desolaten Leistung 0:1: Würde der Mit-Favorit auf den Titel  wirklich jetzt schon ausscheiden? Nein, es kam eine veränderte Pep-Elf aufs Feld, die die Partie drehte und sich mit einem 3:1 qualifizierte.
Der Konferenz-Fokus von DAZN lag, zum Teil verständlicherweise, auf den deutschen Teams und den Tabellennachbarn (das bereits ausgeschiedene RB Leipzig bei Sturm Granz hätte man sich schenken können). Der Spielplan wollte es, dass Bayer, Bayern und der BVB jeweils Heimspiele gegen bereits ausgeschiedene Teams hatten, die sie dann auch mehr oder weniger souverän entscheiden. Bayer, das war klar, würde sich damit qualifizieren, der BVB und Bayern waren auf Schützenhilfe angewiesen, nicht in einem oder zwei Partien, sondern derer 6 – und das war letztlich zu viel.
Dem VfB Stuttgart hätte ein Remis zum Weiterkommen gereicht, doch der von mir erwartete und allseits befürchtete Nichtangriffspakt gegen Paris St. Germain (dem ebenfalls schon ein Unentschieden gereicht hätte) fiel aus, weil die Pariser relativ schnell zwei Tore erzielten und der VfB an jenem Abend zu desaströs auftrat, um noch den Ausgleich zuschaffen, am Ende gab es ein ernüchterndes 1:4. Da brauchte es also auch Schützenhilfe, doch die fiel aus, weil eben Manchester gewann.
DAZN rühmt sich jetzt, alle Tore gezeigt zu haben, doch das menschliche Hirn (meines zumindest) war damit heillos überfordert. So viel hin- und herrechnen kann niemand, und wer bitte schön ist so verrückt, das Ganze auf insgesamt 4 Bildschirmen zu verfolgen ..,

Gottseidank, jetzt ist die Vorunde endlich vorbei. Mich hat das Format absolut nicht überzeugt, Chaos und Unübersichtlichkeit sind nicht gleich Spannung. Ein zu hektisches und kaum verständliches Lösen des „Falls“ ist im Krimi misslich, aber eben auch im Sport. Das bisherige Format mit den 8 Vierergruppen war sicher auch nicht ideal, weil vieles schon vor dem letzten Spieltag entschieden war. Ich würde es trotzdem jederzeit vorziehen, insbesondere auch angesichts der Tatsache, dass im ohnehin schon übevollen Fußball-Kalender für manches Team gleich 4 Partien mehr anstehen. Aber ich will nicht verhehlen: Es gibt auch Vorteile. So gibt es an jedem Spieltag tolle Partien namhafter Teams gegeneinander, die zum Teil auch toll anzusehen waren, auch wenn es nie um alles oder nichts ging.

Jetzt also die Zwischenrunde. Das Losglück war den Deutschen erneut treu. So bekommt es der FC Bayern mit Celtic Glasgow und eben nicht mit Manchester City. Dortmund muss gegen Sporting Lissabon ran. Schlager ist Real Madrid gegen Manchester City, das ist endspielwürdig, und eines dieser beiden Teams wird nach dem sehr frühen Ausscheiden einen langen Frühling haben, bis es dann bei der Club-WM im Juni zur Revanche bläst. Ein weiteres trauriges Thema, das uns und mir bevorsteht.