von Münchner Löwe | Nov. 12, 2025 | Musik
Gute Musik als Heilmittel
Was soll schon schiefgehen für mich mit meinem Nachnamen, wenn das „Kaiserkonzert“ von Beethoven auf dem Programm steht? Es ging nur nichts schief, sondern ich erlebte am Dienstagabend in der Isarphilharmonie einen gigantischen Musik-Abend. Den ich dem zurzeit besten Pianisten der Welt, Igor Levit (jawoll!), aber auch dem famosen Israel Philharmonic Orchestra mit Chefdirigent Lahav Shani am Pult verdanke.
Im Vorfeld hatte es Warnungen gegeben, dass es Störungen geben könnte. Wie eine Woche zuvor in Paris, als Aktivisten aus Protest gegen die Israel-Politik (aber auch aus purem Antisemitismus, wie ich befürchte) den Konzertsaal stürmten und Bengalos zündeten. Ich wurde wie alle Besucher im Vorfeld per Mail gebeten, dass ich rechtzeitig kommen möge, möglichst keine Rucksäcke/Taschen mitnehme, meine Jacke zwingend an der Garderobe abgeben muss (was ich sonst nie tue …). Als ist sehr rechtzeitig ankam, standen da 2 Polizeiwägen und ein paar (ruhige) Protestler, und die Kontrollen verliefen schnell und störungsfrei. Nichts konnte also den Musikgenuss verhindern. Für den Fall der Fälle stand Sicherheitspersonal an den Seiten des Saales: das nichts zu tun bekam und mit fantastischer Musik für ihr NIchtstun belohnt wurde. Positiver Nebveneffekt, ich hoffe, die Frauen und Männer wissen es auch zu schätzen.
Zunächst also das Kaiserkonzert, wie Beethovens 5. Klavierkonzert genannt wird. Wie ich dem Programmheft entnahm, ist das allerdings eher eine Rückübersetzung aus dem Englischen (Emperor Concerto). Igor Levit saß am Flügel, der Ausnahme-Pianist spielte seinen Lieblings-Komponisten. Großartig harmonierte er mit dem Orchester, das seinerseits den höchsten Ansprüchen genügt. Ich erspare mir und Euch, sein techinsch perfektes und doch so gefühlvolles Spiel näher zu beleuchten, das können die Fachleute so viel besser. Spannend war es, ihn bei seinen längeren Pausen zu beobachten, die Beethoven dem Pianisten ja immer wieder zumutet. Konzentriert blieb er, auf dem Sprung, und natürlich verpasste er nicht seinen Einsatz, als sein Können wieder gefragt war (nicht dass ich das erwartet hätte …).
Für Münchner Verhältnisse gab es geradezu frenetischen Beifall. Das hiesige Publikum hat seinen Igor Levit ins Herz geschlossen.
Nach der Pause zeigte das blendend aufgelegte IPO-Ensemble bei Tschaikowkis 5. Symphonie (mit dem der Komponist nach dem Entstehen der Sage nach zunächst gar nicht begeistert war), warum es zu den besten und interessantesten Orchestern der Welt gehört. Famos aufeinander eingespielt mit blendenden Musikern. Ich liebe ja die eher langsamen Passagen: die leisen Töne wie zu Beginn des 2. Satzes: Da vergaß ich sogar zeitweise das Atmen, das Denken; die Zeit blieb stehen. Und trotz der in der Stadt grassierenden November-Grippe gab es kaum Huster. Gute Musik als Heilmittel.
Für alle Levit- und Beethoven-Fans schon mal der Hinweis: 2027 (also 200 Jahre nach Beethovens Tod), kommt der Pianist für acht Konzert-Abende nach München, in denen er alle 32 Sonaten zum Besten geben wird.
von Münchner Löwe | Apr. 9, 2025 | Allgemein
Ein Sportblogger, der auf ein Champions-League-Viertelfinale zwischen Bayern und Inter live verzichtet (oder wenigstens live am Fernseher) und lieber mit der lieben Schwester in die Isarphilharmonie pilgert? Das muss Gründe haben. Der Grund lautete: Tschaikowskis 1. Klavierkonzert und nach der Pause quasi zum Drüberstreuen Beethovens 5. Symphonie. Was diese beiden Meisterwerke eint: jeweils der unfassbare Auftakt, den niemand vergisst, der ihn jemals gehört hat. Hier „da da da damm, Zack!!!“ dort „ Da, da, da, Daaa!“
Mehr und bekannter geht kaum in der Klassischen Musik, und wenn dann noch die höchstgelobte und mit Preisen überhäufte Pianistin Julianna Adveewa sich die Ehre gibt, gibt es halt keine Alternative, auch nicht Bayern vs Inter, geschweige denn Arsenal vs Real Madrid.
Tschaikowskis Klavierkonzert, das ist so etwas wie der Heilige Gral für jeden Pianisten (ja, es gibt noch den Liszt und den Rachmannimow). Schon der 1. Satz eine Herausforderung, die eine unglaubliche Fingerfertigkeit verlangen. Dabei muss es richtig scheppern, und bei Julianna Avdeewa und dem Orchestra Svizzera schepperte es, so dass es (gegen alle Konzertbesucher-Usancen) schon nach dem 1. Satz vereinzelt Beifall gab. Doch das alles ist kein Vergleich zum 3. Satz, der mit den eigentlich unspielbaren Oktav-Akkorden, je schneller und chaotischer, desto besser. Meine geburtstagsbeschenkte Schwester Henriette erzählte mir die schöne Anekdote des legendären Pianisten Wladimir Horowitz (der allerbeste?) und dem nicht minder legendären Dirigenten Alberto Toscanini. Dieser ließ seinen Schwiegersohn (vielleicht aus Rache für die Ehelichung seiner Tochter?) die Passage 40-mal üben. Danach beherrschte Horowitz das Stück zwar (wobei hier nicht von Beherrschen im Sinne von fehlerfrei spielen die Rede sein kann, sondern vielmehr „irgendwie einen irrwitzigen Weg durch den unspielbaren Dschungel“ finden nach dem Motto: je mehr Fehler, desto lieber). Danach war Horowitz aber reif fürs Irrenhaus; und zwar nicht nur symbolisch, vielmehr ließ sich der Sage nach tatsächlich in ein solches einweisen.
Julianna Avdeewa wagte sich also an diese gigantische Aufgabe, und sie bewältigte sie meisterhaft. Allerdings ein bisschen zu brav, wie die Kritikertochter Henriette gegenüber dem Kritikersohn Philipp befand. Sprich, Avdeewa habe versucht, möglichst fehlerfrei zu spielen und sei deshalb etwas zu langsam gewesen (dieses Höllen tempo zu langsam? Wirklich??). Aber doch sehr, sehr gut, räumte H. ein, und das bezeugte auch der tobende Beifall des begeisterten Publikums in der nicht ganz ausverkauften Philharnmonie. Warum sich die 39-jährige Russin angesichts dieses fulminanten Stückes in einen eher braven, apricot-farbenen und auch noch viel zu weit geschnittenen Hosenanzug gekleidet hatte, war für uns nicht zu eruieren. An der Kostüm-Beratung muss die fantastische Klavierspielerin also noch ein wenig feilen. Das farbenfrohe Violett, in dem sie aus dem Programmheft lächselte, hätte viel besser gepasst.
Nach dem grandiosen Tschaikowski gab Andreewa noch zwei bezaubernde Zugaben, die allerdings weder ich noch H. erkannten. Unser Papa hätte es bestimmt gewusst, seufz … In einem waren wir uns bei der Heimfahrt einig: Diese Juliana Avdeewa werden wir im Auge behalten.
Was bleibt einem Konzertveranstalter nach dem unfassbar tollem Tschaikowski nach der Pause übrig an Programm?München Music entschied sich für den vielleicht größten Gassenhauer der Klassik: Beethovens ikonische Fünfte, und doch blieb manch vorher besetzter Platz leer, der Fußball? Jetzt durfte das tolle Ensemble Swizzera Italiana aus Lugano seine große Klasse zeigen (die natürlich auch schon beim Tschaikowski zu hören war). Ich persönlich mag ja den 2. Satz der „Fünften“ noch lieber als den berühmten ersten, und so gut habe ich ihn noch selten gehört, das Live-Erlebnis? Dirigent Markus Poschner ist ein gebürtiger Münchner, der dieses Ensemble mit 41 fest angestellten Musikern seit 2015 leitet, und die daraus entstehende Harmonie war förmlich spürbar, auf jeden Fall hörbar.
Ein absolut lohnender Klavier-Abend, und ich darf jeden beruhigen: Zu Hause wieder angekommen, konnte ich ungespoilert (erstaunlicherweise) relive mir FC Bayern vs Inter und die unglaubliche und doch unvollendete Thomas-Müller-Saga zu Gemüte führen.
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